Regisseurin Lea Schmocker hat am Donnerstagabend in Erlangen mit ihrem neuen Stück „Im Zweifel für den Zweifel“ Premiere gefeiert – und sich zugleich von der Bürgerbühne des Theaters Erlangen verabschiedet. Das Aus des Projekts infolge von Sparmaßnahmen trifft sie als freie Künstlerin besonders.
Im Interview spricht sie über die Bedeutung von Zweifeln, den Wert kultureller Teilhabe und darüber, was eine Stadt verliert, wenn Kultur verschwindet.
Ihr neues Stück heißt „Im Zweifel für den Zweifel“. Warum braucht unsere Gesellschaft heute mehr Zweifel?
Lea Schmocker: Mir fällt auf, dass heute für viele komplexe Probleme immer öfter einfache Lösungen versprochen werden. Das erleben wir im Populismus, aber auch in gesellschaftlichen Debatten allgemein. Alles wird in Schwarz und Weiß eingeteilt. Dabei ist Zweifel nichts Negatives. Im Gegenteil: Zweifel bedeutet, dass wir selbst denken, Fragen stellen und Dinge hinterfragen. Für mich ist das eine Voraussetzung für Demokratie. Ohne Zweifel bleiben nur einfache Wahrheiten, die oft gar keine sind.
Wie erzählen Sie dieses Thema auf der Bühne?
Wir nähern uns dem Thema aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Es geht um politische Zweifel, aber auch um Selbstzweifel, Verschwörungserzählungen oder Künstliche Intelligenz. Besonders bewegend ist die Geschichte unseres ältesten Mitspielers. Er ist 95 Jahre alt und erzählt von seinem Vater, der in der Waffen-SS war, und warum Zweifel für ihn heute so wichtig geworden sind.
Gleichzeitig ist der Abend sehr unterhaltsam – mit Musik, Choreografien und einer Talkshow. Es ist kein schweres Lehrstück, sondern eine Einladung zum Mitdenken.
„Im Zweifel für den Zweifel“ wird die letzte Produktion der Bürgerbühne sein. Was bedeutet das für Sie?
Ich finde das ausgesprochen schade. Die Bürgerbühne ist ein Ort, an dem Menschen unterschiedlichster Herkunft gemeinsam Theater machen und sich begegnen. Genau diese Form der Teilhabe halte ich gerade in unserer Zeit für besonders wichtig. Wenn diese Arbeit endet, verliert die Stadt mehr als nur eine Theaterproduktion.
Was geht verloren, wenn solche Angebote verschwinden?
Es verschwinden Orte der Begegnung. In der Bürgerbühne treffen Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft und mit ganz verschiedenen Lebenserfahrungen aufeinander. Gemeinsam Theater zu machen verändert den Blick aufeinander. Und diese Begegnungen bleiben nicht auf der Bühne: Die Produktionen fanden bewusst an ganz unterschiedlichen Orten in Erlangen statt und luden die Stadt ein, Teil davon zu werden. Genau das macht die Bürgerbühne so besonders – und genau das geht verloren.
Sie arbeiten seit vielen Jahren mit Menschen, die keine Schauspieler sind. Was macht diese Arbeit besonders?
Mich interessiert das, was Menschen aus ihrem eigenen Leben mitbringen. Die Bürgerbühne entwickelt ihre Stücke nicht aus einem fertigen Text, sondern gemeinsam mit den Mitwirkenden.
Über fast ein Jahr hinweg recherchieren wir, probieren aus, verwerfen Ideen, machen Umwege und entwickeln Schritt für Schritt einen gemeinsamen Theaterabend. Die Erfahrungen, Gedanken und Geschichten der Beteiligten fließen dabei immer unmittelbar in die Stückentwicklung ein.
Gerade diese lange gemeinsame Strecke schafft Vertrauen und ermöglicht eine Tiefe, die in kürzeren Projekten kaum entstehen kann. Das macht diese Arbeit für mich so besonders.
Wenn Kultur gekürzt wird – was verliert eine Stadt?
Kultur schafft Räume, in denen sich Menschen mit sich selbst und mit anderen auseinandersetzen können. Sie eröffnet neue Perspektiven und hilft dabei, gesellschaftliche Entwicklungen zu verstehen. Wenn solche Orte verschwinden, wird eine Stadt ärmer, nicht finanziell, sondern menschlich.
Viele halten Kultur für etwas, das man sich nur leisten kann, wenn Geld da ist. Was würden Sie diesen Menschen antworten?
Gerade in schwierigen Zeiten brauchen wir Kultur. Sie hilft uns, Fragen zu stellen, unterschiedliche Perspektiven wahrzunehmen und unsere Demokratie lebendig zu halten. Kultur ist kein Luxus. Sie ist ein Teil dessen, was unsere Gesellschaft zusammenhält.
Sie leben seit vielen Jahren als freie Künstlerin. Was machen solche Sparrunden mit Ihnen persönlich?
Als freie Künstlerin lebe ich ohnehin mit Unsicherheit. Und wenn Fördertöpfe leer sind und Projekte wegfallen, dann geht es ans Eingemachte. Leider ist es immer so, dass es bei Sparmaßnahmen in der Regel zuerst der Kultur und den sozialen Belangen an den Kragen geht. Ich halte das für einen Riesenfehler. Denn alles, was eine Gesellschaft zusammenhält, was Kommunikation fördert und eine Kultur des Miteinanders unterstützt, wird gerade in schwierigen Zeiten besonders gebraucht.
Wie geht es mit Ihnen weiter?
Trotz aller Unsicherheiten blicke ich nach vorn. Im Mai feierte ich Premiere mit meinem dritten Programm der von mir gegründeten Reihe „Autorinnen im Fokus“. Ende August werde ich das Programm beim Poet*innenfest in Erlangen zeigen. Diese Reihe ist mir ein echtes Anliegen. Ich sehe nicht ein, warum so viele großartige Autorinnen kaum wahrgenommen werden, oft allein deshalb, weil sie Frauen sind. Außerdem bereite ich mit der Lebenshilfe ein inklusives Theaterprojekt vor. Ende Mai 2027 soll im kubic ein „theatraler Flugversuch“ mit Menschen aus den Regnitz-Werkstätten entstehen. Die Zusammenarbeit eröffnet mir immer wieder neue Perspektiven und zeigt, wie viel Kreativität entsteht, wenn Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen gemeinsam Theater machen. Kultur sollte für möglichst alle Menschen zugänglich sein. Ich liebe es, auf Menschen zuzugehen. Das hat übrigens auch die Bürgerbühne ausgezeichnet: Die Stücke wurden in die Stadt getragen: mit einem Bus, in dem die Zuschauer unterwegs waren, und bei „Mensch. Sein.“ mit einem Parcours durch den Burgberggarten. Genau deshalb bin ich freie Künstlerin: Ich möchte mit Menschen arbeiten, gemeinsam etwas entwickeln und Räume schaffen, in denen Begegnung, Teilhabe und neue Perspektiven möglich werden.
Interview: Lukas Pitule










