Deutschland, die einstige Turniermannschaft: Das bittere WM-Aus im Sechzehntelfinale nach Elfmeterschießen gegen Paraguay hat für Fassungslosigkeit gesorgt. Während Bundestrainer Julian Nagelsmann mit dem VAR haderte und die TV-Experten über mangelndes Tempo philosophieren, liegt der deutsche Fußball vor einem historischen Scherbenhaufen. Was lief gegen das südamerikanische Abwehrbollwerk eigentlich noch alles schief? Und wie soll es nun weitergehen?
Trainer aus der Region analysieren den sportlichen Offenbarungseid und erklären, wie die Zukunft der deutschen Nationalmannschaft aussehen könnte.
Stefan Dietz: Es wird einiges auf den Prüfstand kommen
Stefan Dietz (FC Lichtenfels): „Das war ein sehr enttäuschender Auftritt. Wir haben es nicht geschafft, gegen eine schwächere Mannschaft Torchancen herauszuspielen. Paraguay hat es gut gemacht und mit einfachen Mitteln das Spiel gewonnen – und wenn wir es nicht schaffen, einen Gegner wie Paraguay in 120 Minuten zu besiegen, sind wir verdient ausgeschieden. Aber: Das Tor von Jonathan Tah zurückzunehmen war für mich überhaupt nicht nachvollziehbar. Das war ein normaler Körperkontakt – ich kann nicht verstehen, warum der Videoassistent überhaupt eingreift. Die Konsequenzen für den DFB sind jetzt schwer zu beurteilen. Es wird einiges auf den Prüfstand kommen, vielleicht auch personeller Art. Es ist zu einfach zu sagen, der Trainer sei schuld. Sicher hat Nagelsmann das mitzuverantworten – aber ich würde das in Ruhe analysieren und alles auf den Prüfstand stellen. Jürgen Klopp wird ja schon als Kandidat gehandelt. Ich fände aber auch Christian Streich cool – er hat sachliche Expertise und ist in Deutschland sehr anerkannt. Wenn es denn überhaupt so weit kommt, dass Nagelsmann nicht mehr Trainer wäre.“
Frederic Martin: Null Leidenschaft und Gier
Frederic Martin (SV Friesen): „Es ist enttäuschend, dass es trotz des euphorischen Auftakts mit dem Last-Minute-Tor dann doch nicht zu mehr gereicht hat. Dass Jonathan Tahs Tor nicht zählte, war schon hart. Aber wir sind selber schuld. Wir hatten nichts Zwingendes. Das war ein ideenloser und blutleerer Auftritt. Null Leidenschaft und Gier! Und ich glaube, die Chemie und Harmonie im Team und mit dem Trainer haben nicht gepasst. Mehr Demut würde dem DFB und allen Spielern gut tun. Die letzten Turniere lügen nicht. Mit Weltspitze haben wir nichts mehr zu tun. Bei den Topvereinen sind die Topspieler meist keine Deutschen, sondern Ausländer – deswegen sind wir international auch keine Topnation mehr. Was die Trainerfrage, die jetzt in aller Munde ist, angeht: Nagelsmanns Auftreten in der Öffentlichkeit gefällt mir nicht. Ich würde mich über Christian Streich als Nachfolger freuen, weil er in meinen Augen auch gut für deutsche Werte steht – viel harte, ehrliche Arbeit, Demut und Respekt, ohne unnötige Arroganz oder Starallüren.“
Achim Engel: Wir brauchen jetzt jemanden wie Klopp
Achim Engel (TSV Mönchröden): „Ich möchte mir nicht anmaßen, über Aufstellungen oder das Mannschaftsgefüge zu urteilen. Da ist der Bundestrainer näher dran als wir alle. Was mir taktisch aber aufgefallen ist: Die Deutschen spielen offensiv zu flexibel. Diese asymmetrische Dreierkette, Brown soll hochschieben und in die Mitte ziehen, Wirtz soll außen bleiben – das geht zu Lasten der defensiven Stabilität. Jeder verliert seine Position, und bis die Spieler wieder defensiv in ihren Positionen sind, dauert es einfach zu lang. Symptomatisch war das 1:0 von Paraguay, wo wir nicht richtig zum Ball gestanden und nicht richtig in den Zweikampf gekommen sind. Dazu sind wir athletisch und von der Intensität her anderen Mannschaften unterlegen. Gegen die Elfenbeinküste haben wir gefühlt jeden wichtigen Zweikampf verloren. Wir verschleppen das Tempo, lassen den Ball nicht schnell genug laufen. Beim Spiel gegen Paraguay kam aber noch die Schiedsrichterentscheidung zu Tahs Tor. Das war ein Witz, dass das nicht gezählt hat. Das muss er weiterlaufen lassen. Wie es jetzt weitergeht: Ich glaube, dass Nagelsmann abgelöst wird – und das muss er auch. Er hat sich oft schlecht in der Öffentlichkeit verkauft und ist eher ein Vereinstrainer. Wir brauchen jetzt jemanden wie Klopp: ein gewisses Alter, alles erreicht, taktisch klar, volle Intensität und Leidenschaft. Für mich ist Klopp die einzige Option. Und ich glaube, dass dann von den drei Dribblern Musiala, Wirtz und Havertz maximal noch zwei spielen werden, weil er auf außen auf Geschwindigkeit und Tempofußball setzen muss.“
Carsten Nüßlein: Es war ein erschreckendes Spiel
Carsten Nüßlein (DJK Don Bosco Bamberg): „Es war ein erschreckendes Spiel und hat sich nahtlos in die bisherigen Auftritte des DFB-Teams eingereiht. Curacao war kein Maßstab, gegen die Elfenbeinküste hatten wir Glück, bereits die Niederlage gegen Ecuador war verdient. Ich habe mich oft gefragt, ob sie das Grätschen im deutschen Team inzwischen verboten haben. Wir haben taktisch immer an Plan A festgehalten, es gab keinerlei Alternativen. Jetzt sind wir verdientermaßen gegen das schlechteste Team im Sechzehntelfinale ausgeschieden. ... Das ist nicht der Fußball, den ich mir für das DFB-Team in der Zukunft vorstelle."“ sk/tsc








