Bamberg
Notts glanzvolle Rückkehr
Jonathan Nott ist für den Saisonauftakt als Dirigent der Bamberger Symphoniker zurückgekehrt. Marian Lenard
Jonathan Nott ist für den Saisonauftakt als Dirigent der Bamberger Symphoniker zurückgekehrt. Marian Lenard // 
Bamberg

Die Bayerische Staatsphilharmonie ist das Orchester, an dem Jonathan Nott als Chefdirigent gewachsen ist. Seinerzeit noch relativ unbekannt, hat er sich mit den Bambergern ein großes symphonisches Repertoire erschlossen und in der Folge bedeutende Positionen in der Orchester- und Opernwelt errungen.

Erwähnen wir nur Orte wie Tokio, Lausanne und Barcelona. Dass er nun wieder regelmäßig nach Bamberg zurückkommt, deutet auf eine außerordentliche Wertschätzung des Orchesters und die gebliebene Verbindung zur Stadt hin.

Notts Rückkehr

Wie sehr ihn das kulturelle Patrimonium Bambergs faszinierte, zeigte sich einst bei einer gemeinsamen Begehung des nordöstlichen Glockenturms der Bamberger Kathedrale, wo ihn im achten Stockwerk das Klangwunder der berühmten Heinrichsglocke von 1311 erwartete. Er zeigte sich damals kampanologisch sehr versiert. Ob er wohl an die sich windenden Wendeltreppen gedacht hat, als er für die Eröffnung der neuen symphonischen Saison in Bamberg ausgerechnet Esa-Pekka Salonens „Helix“ auswählte?

 

Klangspiralen zum Auftakt

Dieses Stück ist auch von Windungen geprägt, die allerdings zur ekstatischen Zuspitzung streben. Der Beginn ist so absurd wie originell: ein Duett zwischen Piccoloflöte und Kontrafagott!

Alexandra Forstner oblag es, diese irisierenden ersten Töne der Saison in den Keilberth-Äther zu bannen, Ulrich Kircheis konterkarierte sie abgrundtief. Danach scheinen Salonens Klangzaubereien den Impressionismus fortschreiben zu wollen, doch das wendet sich bald in die Hektik eines unbarmherzigen Accelerandos und endet in einer expressionistischen Klimax.

Magisch wirkende Töne waren auch zu Beginn des zweiten Werkes angesagt, denn Sergej Prokofjew lässt in seinem zweiten Klavierkonzert dem Solo den Vortritt und erlaubt dem Pianisten, leise Klangflächen auszubreiten. Das wirkt wie eine dezente Ouvertüre und macht umso neugieriger auf den typischen Prokofjew-Sound, der dann auch mit einem spitzhackigen Thema in diese trügerische Ruhe einfällt und mit rhythmischer Pointierung fesselt.

Prokofjews Kraftprobe

Bald kommt eine haarsträubend schwierige Solopassage, quasi eine vorweggenommene Kadenz, und erinnert daran, warum auch pianistische Olympier dieses Werk lieber beiseitelassen. Es ist in seiner technischen Vertracktheit nämlich eigentlich unspielbar. Ein Fortissimo-Einsatz des Orchesters erstickt die außer Rand und Band geratene Solopartie, in der Mao Fujita um sein Leben zu spielen schien. Man rätselt, woher dieser grazile japanische Pianist seine unbändige Kraft nimmt. Ein verhaltener Ausklang klingt nach diesen Exzessen wie ein Versöhnungsangebot.

Das Scherzo ist typischer Prokofjew in Kurzform, das darauf folgende Intermezzo ein kurzweiliges Hin und Her zwischen Orchester und Solist. Schön, wie Jonathan Nott das gegenseitige Zuspielen der Bälle organisierte. Attacca ging’s ins Finale, dessen Bezeichnung viel Sturm und Drang versprach: „Allegro tempestuoso“. Nach der ersten Sturmattacke wartet das Klavier mit Nachdenklichkeit auf, aber bald nimmt es sich abermals eine hochvirtuose Solokadenz vor. Spätestens hier fragt man sich, wie Mao Fujita sich ohne den geringsten Fehlgriff durch diese Kaskaden und Katarakte wühlen konnte.

Ein Pianist am Limit

Nach einem weiteren orchestralen Abebben scheint das Klavier noch ein neues Thema einführen zu wollen, doch das erweist sich als Finte, denn die „Tempesta“ fegt alles gnadenlos hinweg. Angesichts solch pianistischer Fulminanz war die Begeisterung des Premierenpublikums groß, die Gewährung einer Zugabe also Pflicht.

Mao Fujita überraschte mit Stolzings Preislied aus dem dritten Akt von Richard Wagners „Meistersingern“, und das in einer Version, die zwar an Liszt gemahnte, aber eigene harmonische Zutaten ahnen ließ. Mit Franz Schuberts achter Symphonie, üblicherweise die „Große C-Dur“ genannt, geriet die Saisonpremiere der Bamberger Symphoniker in ruhigeres Fahrwasser, aber in kein harmloses, denn Jonathan Nott musste einen Weg finden zwischen den Abgründen des „Andante con moto“, der Launenhaftigkeit des Scherzos und dem Jubel des Finales.

Schuberts weiter Horizont

Der Unisono-Beginn des Kopfsatzes gelang ihm mit jener Unbestimmtheit, die von dem ungeraden Takt dieser Phrase herrührt und das Herrschen des Metrums hinauszögert. Dann aber entwickelte sich robuste Lyrik.

Die Holzbläser, so essenziell bei Schubert, sollten bei Nott nicht herausragen, sondern mussten sich der Veredelung ihrer Mezzopianoklänge widmen. Umso kecker ihr Auftreten im Scherzo. Frei durfte sich das fanfarenartige Element der Blechbläser, prächtig der satte Klang des Posaunentrios, im Finale entfalten und der Apotheose Glanz verleihen.

Alles in allem ein Saisonstart, der dem selbstgewählten Motto „bewegt“ genügend Impulse verlieh.

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