Lokalgeschichte
Forschungsprojekt untersucht die Bilder der NS-Deportationen
Juden mussten auf dem Paradeplatz ihr Gepäck verladen und über einen Stuhl auf den Lastwagen klettern.
Juden mussten auf dem Paradeplatz ihr Gepäck verladen und über einen Stuhl auf den Lastwagen klettern. // Stadtmuseum Forchheim
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Forchheim

Ein Forschungsprojekt in Berlin widmet sich Bildern von Deportationen in der Zeit des Nationalsozialismus (NS) aus ganz Deutschland, darunter auch Aufnahmen aus Forchheim. Am 27. November 1941 wurden acht jüdische Forchheimerinnen und Forchheimer unter Augen ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger über Bamberg und Nürnberg ins Ghetto Riga deportiert.

Beamte der Ordnungs- und Kriminalpolizei sowie ein Gefreiter der SS holten die Verfolgten vom „Judenhaus“ am Paradeplatz ab und zwangen sie, die Ladefläche eines offenen Lastwagens zu besteigen. Eine Fotografin nahm währenddessen Bilder auf, von denen 14 heute im Stadtarchiv Forchheim überliefert sind. Sie zeigen, wie ältere Menschen – bis auf Ilse Cilly Israel waren alle weit über 60 – ihr schweres Gepäck verladen und über einen Stuhl auf den Lastwagen klettern. Dabei sieht ihnen eine Menschenmenge zu, die sich auf den Bürgersteigen sammelt – darunter sind viele Kinder.

Das Projekt „Last seen“, Bilder der NS-Deportationen, ist ein Verbundprojekt des Selma-Stern-Zentrums Berlin-Brandenburg, der Arolsen Archives, Public History München, der Gedenkstätte Hadamar und des USC Dornsife Center for Advanced Genocide Research.

Digitale Sammlung

Die Fotos werden von Forschern untersucht und in einer digitalen Sammlung veröffentlicht: Der Bildatlas atlas.lastseen.org bettet diese einzigartigen historischen Quellen in ihren Kontext ein. Zahlreiche Informationen über ihr Entstehen und Erhalten rahmen das Bild, genauso wie die Biografien der Abgebildeten, soweit dies möglich ist. Mit innovativen digitalen Tools werden diese Hintergründe, die wichtig sind, um die Bilder zu verstehen, zugänglich vermittelt.

Nun kamen Henriette Hartung und Lisa Paduch, Mitarbeiterinnen des Projekts, aus Berlin nach Forchheim, um die Hintergründe zu den 1941 aufgenommenen Bildern zu erforschen. Unterstützt wurden sie dabei von Miriam Mulzer, Stadtarchiv Forchheim, und dem Lokalforscher und Experten für jüdische Geschichte Forchheims, Rolf Kießling. An ihn wurden 2002 die 14 Bilder übergeben, die nun im Stadtarchiv verwahrt werden.

Die Bilder wurden Zeitzeugenaussagen zufolge in den 1940er Jahren von einer Mitarbeiterin des Geschäfts Foto-Luthardt, Paradeplatz 3, aufgenommen. Sie wurden in dessen Schaukasten ausgestellt, und Abzüge wurden an Interessierte verkauft.

Daher war es für die Forscherinnen besonders interessant, dass der heutige Inhaber des Ladens, Frank Brinke, sie und Kießling in sein Geschäft einlud und es so ermöglichte, die Perspektive der Fotografin im ersten Stock einzunehmen.

Es ist demnach davon auszugehen, dass nicht nur ein Exemplar der Serie in Forchheim verkauft wurde. Daher sei es möglich, dass auch heute noch Abzüge in Forchheimer Familie zu finden seien. Diese Dokumente seien für die Forschung zu NS-Fotografien höchst wertvoll.

Daher lädt „Last seen“ dazu ein, in die Nachlässe zu blicken und Funde dem Projekt zu melden. Außerdem sind die Forscherinnen nach eigenen Angaben auf der Suche nach Tagebucheinträgen und Briefen aus der Zeit sowie nach Erinnerungsberichten von Menschen, die im Gegensatz zu den Deportierten noch von den Ereignissen im November 1941 berichten konnten. Von den acht Personen kehrte niemand zurück.

Hinweise per E-Mail

Hinweise nimmt das Projekt „Last seen“ per E-Mail an last-seen@zedat.fu-berlin.de entgegen. Die Ergebnisse der Recherchen werden im Laufe die-ses Jahres auf atlas.lastseen.org veröffentlicht. red

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