Etwa 100 Motorräder im Konvoi, mit Polizeibegleitung, werden am Samstag durch die Fränkische Schweiz fahren. Es wird laut und „es kommt zur Störung. Wir setzen das deutsche Demorecht um, wir stehen für etwas ein, für die Entstigmatisierung von Depressionen“, sagt Thomas Vogel von den Fellows Ride. Das ist eine internationale Initiative, die mit Motorraddemonstrationen auf die Volkskrankheit Depressionen aufmerksam macht und dabei Spenden sammelt - nicht nur in Deutschland, aber Jahr für Jahr, um damit auch jährlich ein anderes Projekt zu unterstützen.
Die Spenden erhält heuer der Verein „Irrsinnig Menschlich“, der sich für die Entstigmatisierung von Depressionen einsetzt und auch in Schulen geht, um Kinder und Jugendlichen von der Grundschule bis zum Studium ein Ohr und eine Stimme zu geben. „Kinder leiden unter Schulmobbing“, erzählt Vogel.
Auch über das Smartphone werde gemobbt und sicher spiele die häufige Benutzung auch eine Rolle beim Entstehen von Depressionen. Die meisten Kinder und Jugendliche redeten nicht darüber, hätten niemanden, der wirklich zuhört.
Manche Eltern fühlten sich hilflos und oft würden die Bildungseinrichtungen nichts von Mobbing hören wollen. Getreu der typischen „drei Affen“ – nichts sagen, nichts hören, nichts sehen. Thomas Vogel kennt eine Lehrerin aus einem anderen Bundesland, die ihren Job aus diesen Gründen an den Nagel gehängt habe.
Mobbing habe viele Gesichter und könne still geschehen. Gemobbte Kinder und Jugendliche würden dann erwachsen. „Sie sind die Verlierer von morgen. Sie leiden ein Leben lang unter dem Mobbing, werden sich auch im Beruf ducken“, sagt Vogel. „Manche merken das nicht, für sie ist es normal geworden, sich als Loser zu fühlen“, erklärt Vogel.
Kreislauf der Depression
Die Folge des Mobbings und der Depressionen sei, dass man krank werde und dann krank geschrieben werde. „Der drücke sich nur“, heiße es dann. Und das sei oft ein weiterer Grund, gemobbt zu werden und tiefer in Depressionen zu sinken. Es werde zum Kreislauf und auch deshalb sei eine Entstigmatisierung so wichtig. „Diesen Menschen bleiben Wunden und die Wunden werden zu Narben. Das ist die Schussverletzung der Seele. Die sieht man aber nicht“, betont Vogel.
Für diese Kinder setzt sich der Verein mit dem Schulprogramm ein, aber auch Fellows Ride mit ihren Ersthelfern. „Sie gehen auf die Kinder zu, bringen sie zum Reden, vermitteln ihnen, dass sie nicht wertlos sind“, erklärt Vogel. Sich wertlos zu fühlen sei eine Folge des Mobbings und der Depression.
Diesen „Ersthelferkurs für mentale Gesundheit“ haben Fellows Ride zusammen mit der Uni Würzburg initiiert. „Man wird somit ein guter Beobachter und erkennt, wie sich die Menschen anders verhalten“, beschreibt Vogel die Ersthelfer, die „Bewusstseinswecker“. So würden kleine Veränderungen schneller gesehen und die Betroffenen könnten angesprochen werden. „Handy weg, erzähl mir, was wirklich los ist“, beschreibt Vogel.
Vor allem könnten sie den betroffenen Kindern und Jugendlichen auch Ratschläge geben, Selbsthilfegruppen nennen und somit erste Hilfe leisten, die Menschen dahin bringen kann, sich herauszuholen. Denn Therapieplätze seien rar und die Wartelisten dafür lang.
Um den Teufelskreis zu durchbrechen, um auf die Not der Betroffenen und auf Hilfeleistungen aufmerksam zu machen, dafür ist die Demo für die Entstigmatisierung von Depressionen gedacht. Diese startet am kommenden Samstag um 10 Uhr bei Louis Motorradshop in Bamberg, wo auch Spenden gesammelt werden. Sie verläuft über die Fränkische Schweiz in Richtung Betzenstein, führt auch durch Gräfenberg und endet in Forchheim. Zweiter Bürgermeister Udo Schönfelder (CSU) wird die „Gefährten“ am Paradeplatz begrüßen. Es wird auch ein Grußwort der Schirmherrin, Staatsministerin Judith Gerlach, vorgelesen.
Depressionen sind längst eine Volkskrankheit. Ins Leben gerufen wurde die Fellows Ride von Dieter Schneider, dessen Sohn sich das Leben genommen hatte. Die motorradfahrenden Demoteilnehmer sind Gleichgesinnte, die direkt oder indirekt von Depressionen betroffen sind. Es sind Menschen aus allen Berufsgruppen. Deshalb fahren auch „schwere Jungs“, die Blue Knights – Beamte aus Zoll, Justiz und Polizei – mit. Auch in dieser Berufsgruppe gibt es Menschen mit Depressionen.
Deutschlandweit wird die Zahl der an Depressionen Erkrankten, laut Gesundheitsatlas Deutschland der AOK, mit 9,5 Millionen Betroffenen beziffert. Jährlich erkranken nach Angaben der Deutschen Depressionshilfen 5,3 Millionen Erwachsene neu an der Krankheit.
Nicht alle nehmen sich das Leben. Doch: „Jeder, der sich umbringt, ist einer zu viel. Hinter einem Toten stehen mindestens 100 Betroffene,“ sagt Vogel.
Wer nicht zu den Sammelstellen Bamberg, Forchheim oder Betzenstein kommen kann, jedoch für den Verein „Irrsinnig Menschlich“ spenden möchte, kann das auch online tun unter irrsinnig-menschlich.de/spenden.
Doch auch Fellows Ride bittet um Unterstützung. Um die Bewegung weiter zu stärken, werden Unternehmen, Stiftungen und Institutionen aus der Region gesucht, die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und die Botschaft unterstützen. Die Spende trage dazu bei, regionale Fellows Rides zu ermöglichen, heißt es von der Organisation, Genehmigungen, Öffentlichkeitsarbeit oder den Ersthelferkurs Mentale Gesundheit (EMG) weiter auszubauen und Menschen in seelischer Not frühzeitig Hilfe zugänglich zu machen. „Jede Unterstützung hilft, die Bewegung am Leben zu halten – und die Botschaft in die Gesellschaft zu tragen: „Motorradfahren und Gutes tun“, betont Vogel.
Weitere Informationen gibt es unter fellowsride.com.









