Es ist nicht „der Mann im weißen Bus vor der Kita“, der die größten Sorgen verursacht, sondern der leibliche Vater, Stiefvater, Bruder, Onkel, Cousin. „Es ist ein Mythos, dass sexueller Missbrauch nicht in der Familie passiert und ausschließlich der Fremde Täter ist“, weiß Ute Staufer aus ihrer langjährigen Beratungsarbeit nur zu gut. Die Sozialpädagogin leitet den „Notruf bei sexualisierter Gewalt“, den der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Bamberg inklusive Präventionsveranstaltungen und Gruppentreffs anbietet. Täter sei eben nicht nur „der Alkoholkranke unter der Brücke, sondern auch der nette Kollege und Akademiker“, fügt Ute Staufer hinzu. Missbrauchende Männer stammten aus allen sozialen Schichten und würden sich durch kein äußeres Merkmal von nicht missbrauchenden Männern unterscheiden. Wobei es auch Frauen als Täterinnen gebe: 80 bis 90 Prozent der Täter seien männlich, 10 bis 20 Prozent weiblich.
Bamberger Psychiater: Täglich mit 20 Betroffenen zu tun
Auch Professor Göran Hajak, Chefarzt der Psychiatrie auf dem Michelsberg, sagt klar, dass sexuelle Gewalt in Familien „mehr als ein mit Scham und Schuldgefühlen behaftetes Tabuthema ist, es wird komplett totgeschwiegen.“ Täglich habe er mit zwanzig Patientinnen und Patienten zu tun, die durch eine solche Tat von nahen Angehörigen traumatisiert seien. Chancen auf Heilung durch eine selbst noch so ausgefeilte Therapie sehe er nicht, betont Professor Hajak: „Die Verletzungen sind bleibende in der Seele, mit schweren Narben. Wir können aber helfen und wieder Vertrauen in andere Menschen wecken.“
Die polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnet für das Jahr 2022 in Deutschland 15.520 durch die Polizei ermittelte Fälle des sexuellen Kindesmissbrauchs. Diese beziehen sich zu etwa 74 Prozent auf betroffene Mädchen und zu 26 Prozent auf betroffene Jungen. Hinzu kommen 1583 Fälle von sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen und Jugendlichen sowie 48.821 Fälle der Herstellung, des Besitzes oder der Verbreitung kinder- und jugendpornografischer Inhalte – eine Zahl, die sich seit 2018 mehr als verzwölffacht hat. Bei diesen Zahlen handelt es sich um das sogenannte polizeiliche Hellfeld.
Missbrauchszahlen gestiegen, Dunkelziffer hoch
Das Dunkelfeld, die Zahl der nicht polizeilich bekannten Fälle, ist weitaus größer. Dunkelfeldforschungen aus den vergangenen Jahren haben ergeben, dass etwa jeder siebte bis achte Erwachsene in Deutschland sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend erlitten hat. Diese wird bis zu 85 bis 90 Prozent am häufigsten zu Hause durch eigene Angehörige erlebt. Jedoch berichten Kinder und Jugendliche auch von sexueller Gewalt in Institutionen, insbesondere Schulen, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe und Sportvereinen.
„Es ist davon auszugehen, dass etwa ein bis zwei Schülerinnen und Schüler in jeder Schulklasse von sexueller Gewalt in der Familie und andernorts betroffen waren oder sind“, heißt es in einem Bericht der „Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“ in der Bundesregierung.
Bamberger Notruf hilft dabei, das Schweigen zu durchbrechen
Für Notruf-Leiterin Staufer und ihr vierköpfiges Team steht fest, dass das familiäre Umfeld Täter und Täterinnen eine gewisse Schutzhülle verleiht. Denn es herrsche bei sexueller Gewalt gegen Kinder ein „Geheimhaltungsgebot und höchstes Drohpotential“. Und zwar laute eine Drohung an das Kind sinngemäß: „Wenn du etwas sagst, kommt Papa ins Gefängnis und du in ein Heim.“ Das betroffene Mädchen oder der Bub würden Schuldgefühle entwickeln und sich selbst als Ursache für die Übergriffigkeiten in der Familie sehen: „Dabei liegen Schuld und Verantwortung einzig beim Täter“, erklärt Ute Staufer. Überall, wo ein Machtgefälle und Abhängigkeiten gegeben seien, werde der Boden für sexualisierte Gewalt bereitet. „Missbrauch geschieht im Kopf, Täter gehen strategisch vor“, so die Sozialpädagogin. Ein Trainer eines Fußballvereins zum Beispiel könne einem jungen Talent eine Profifußballerkarriere versprechen, ihn von Mitspielern isolieren und sich „an ihn heranmachen“ als eine solche Strategie.
Der „Notruf bei sexualisierte Gewalt“ hilft vertraulich, kostenlos und unbürokratisch sowohl Betroffenen als auch Angehörigen, „ein Stück Einsamkeit im geschützten Rahmen wegzunehmen“, wie Ute Staufer sagt. „Missbrauch macht einsam“, fügt sie hinzu. Der Notruf inklusive persönliche Beratungsgespräche und Online-Chats ermögliche, auch anonym über die erlittenen Taten zu erzählen und lebensbewältigende Maßnahmen anzupacken. „Wir stabilisieren und arbeiten ressourcenorientiert, therapieren aber nicht.“ Die Pädagoginnen bieten jedoch Begleitungen zur Polizei, zu Ärzten, Anwälten und die Vermittlung zu Therapeuten an.
Erwachsene sollten wachsam sein und sich bei Verdacht professionelle Unterstützung holen
Und hören Angehörigen, Erzieherinnen, Lehrern, Schulpsychologen zu, die Verdachtsfälle klären wollen. Zumal es schwer ist für Nichtfachleute, sexuellen Missbrauch zu erkennen. Wenn sich Kinder und Jugendliche jedoch stark verändern, „sollten Erwachsene immer aufmerksam sein, auch wenn die Veränderungen andere Ursachen haben kann“, sagt Ute Staufer. Auf jeden Fall sei es ratsam, sich in Verdachtsfällen professionelle Unterstützung zu holen und in akuter Gefahr für das Kind die Polizei zu informieren.
Chefarzt Hajak wird in der Psychiatrie mit eindeutigen Fällen konfrontiert. Erduldete sexuelle Gewalt könne sich zum Beispiel in Selbstverletzungen zeigen: „Kinder können ihre Emotionen nicht einschätzen, spüren sich nicht mehr und verletzten sich selbst, um wieder etwas zu spüren.“ Essstörungen, Psychosen, akute schwere Depressionen bis hin zu Suizidversuchen seien ebenfalls Symptome von Missbrauch, die „für Fachärzte erkennbar sind, auch wenn das Geschehen vor dem Schuleintritt lag“, so Professor Hajak.
Er kennt genauso die „aggressiven Reaktionen der Eltern“, wenn sie auf mögliche sexuelle Gewalt in der Familie angesprochen werden. Es werde von allen Beteiligten geschwiegen. Doch es gebe schließlich die „aufdeckende Psychotherapie“. Aber keinen Generalverdacht gegen die Familien per se: „Wir leben in Deutschland nicht in einer verruchten Gesellschaft von Tätern“, sagt Chefarzt Hajak bestimmt.
Informationen zum Notruf:
Der „Notruf bei sexualisierter Gewalt“ hilft vertraulich, kostenlos, unbürokratisch: Luitpoldstraße 28, 96052 Bamberg, Telefon: 0951 / 30943341, E-Mail: notruf@skf-bamberg.de. Vereinbarung von Terminen und Beratungsgesprächen: Dienstag: 9 bis 11 Uhr, Donnerstag: 9 bis 11 Uhr / 16 bis 18 Uhr. Auf Wunsch können Gespräche auch außerhalb der genannten Zeiten vereinbart werden.









