Auf der linken Seite gibt es eine aufgeregte Diskussion. Man sieht die jungen Männer miteinander streiten. Nur hören kann man nichts. Nicht weil es in der Diskothek zu laut gewesen wäre. Die Überwachungskamera am Rande der Tanzfläche nimmt einfach keinen Ton auf. So erfährt man erst später im Laufe des Prozesses am Amtsgericht Bamberg, was der Auslöser des ganzen Ärgers gewesen ist. Ein Schmähgesang auf Borussia Dortmund.
Schmägesang gegen BVB in Bamberger Disko
Offenbar haben einige betrunkene Besucher weit nach Mitternacht ein Lied angestimmt, das man in feindlichen Fankurven und sogar auf dem Oktoberfest grölt. „Ladi, ladi, ladi oh, BVB Hurensöhne.“ Blöderweise ist ausgerechnet ein BVB-Fan mit einigen Kumpels im Nachtclub. Ein junger Mann aus Nordrhein-Westfalen, der in Bamberg studiert.
Die Beleidigung kann er aus lokalpatriotischen Gründen natürlich nicht auf sich und seinen Fußballclub sitzen lassen. Er stellt die „Sänger“ zur Rede. Angeblich ganz ruhig. Tatsächlich aber, das kann man auf dem Videomitschnitt erkennen, ist die Stimmung aufgeheizt. Besonders höflich dürfte er angesichts des Alkohols und der Entrüstung nicht gewesen sein.
Ein junger Mann im roten Pullover langt zu. Der Student geht kurz zu Boden. In Sekundenbruchteilen ist er wieder auf den Beinen und schlägt zurück. In der Aufregung und dem Getümmel erwischt er allerdings nicht den Schläger, sondern dessen Begleiter. Einen jungen Mann im weißen Shirt. Danach greift die Security ein. Die BVB-Hasser flüchten, werden aber einige Straßen weiter von einer Polizeistreife angehalten.
Schlägerei in einer Bamberger Disko von Überwachungskamera aufgenommen
Der Student erleidet durch den wuchtigen Faustschlag ins Gesicht eine blutige Platzwunde an der Nase, ein blaues Auge und eine kleinere Verletzung am Kinn. Er wird vom Rettungsdienst behandelt, muss aber nicht ins Klinikum Bamberg gebracht werden. Der andere, eher zufällig getroffene junge Mann blutet ebenfalls im Gesicht. Erstaunlicherweise kann sich noch vor Ort keiner mehr erinnern, wie er vom jeweils anderen geschlagen worden ist. Es sei alles so dunkel gewesen …
Von völliger Finsternis fehlt auf den Aufzeichnungen der Überwachungskamera allerdings jede Spur. Nur ein Ventilator verdeckt etwas die Sicht auf das Geschehen. Womöglich möchten beide Seiten ein Ermittlungsverfahren vermeiden.
Da kommen dann mitunter ganz andere, viel schlimmere Dinge ans Tageslicht. Von den Kosten und dem Aufwand ganz zu schweigen. Dabei kann der junge Mann im weißen Shirt noch von Glück sagen, dass der Student in jener Nacht in der Diskothek nicht mehr ganz frisch ist. Sonst hätte der erfahrene Kampfsportler ihn mit Knietritten gegen den Kopf oder anderen schmerzhaften Kampftechniken des Muay Thai angegriffen. Wie hart er im Ernstfall zuschlagen kann, zeigen mehrere eindrucksvolle Narben an den Händen des Studenten.
Am Amtsgericht Bamberg muss sich nun ein 19-jähriger Mann aus dem Landkreis Bamberg verantworten. Er ist der junge Mann im roten Pullover, der den ersten Treffer gelandet hat.
Der Angeklagte hat bereits einige schlimme Jahre hinter sich. Der Vater ist Alkoholiker, nimmt Drogen und schlägt die Mutter. Was immer wieder zu Polizeieinsätzen und zu einer Traumatisierung des damals noch Jugendlichen führt. Die psychischen Folgen und die geistige Überforderung sorgen für miserable Noten. Er schwänzt die Schule und verlässt sie ohne Abschluss. Dafür aber mit 3000 Euro Schulden für all die Ordnungswidrigkeiten-Verfahren, die das Fernbleiben vom Unterricht nach sich zieht. Eine Ausbildung bricht er ab, weil er Lernschwierigkeiten in der Berufsschule hat. Seither lebt er in den Tag hinein – ausgehalten von seiner hart arbeitenden Mutter.
Verfahren am Amtsgericht Bamberg wird eingestellt
Am Ende stellt Jugendrichter Martin Waschner das Verfahren wegen vorsätzlicher Körperverletzung vorläufig ein. Sobald der Angeklagte 30 Stunden gemeinnütziger Arbeit über das Projekt Lifeline abgeleistet haben wird, ist die Sache endgültig vom Tisch. Ohne Urteil und ohne Vorstrafe.
Hintergrund ist, dass der Angeklagte bislang polizeilich nicht aufgefallen ist, die Verletzungsfolgen minimal sind, und der Student nicht will, dass er bestraft wird. Aus erzieherischen Gründen sei es viel wichtiger, dass der Angeklagte Struktur in seinen Alltag bekäme und sich um Arbeit oder Ausbildung bemühe. Damit man in all der Freizeit nicht auf dumme Gedanken komme.













