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Prozess am Amtsgericht Bamberg
Sexuelle Belästigung in eigener Wohnung mit schlimmen Folgen
Rechtsanwalt Jörg Schwengler aus Bamberg und der Angeklagte warten auf Strafrichter Matthias Bachmann
Rechtsanwalt Jörg Schwengler aus Bamberg und der Angeklagte warten auf Strafrichter Matthias Bachmann // Foto: Udo Güldner
Bamberg – Am Amtsgericht Bamberg schildert eine junge Frau aus Bamberg ein für sie furchtbares Erlebnis. Es bringt Erinnerungen zurück, die sie am liebsten für immer vergessen hätte. Nun sind sie wieder da.

Freitags kurz vor Mittag klingelt es irgendwo in Bamberg an einer Wohnungstür. Die Ehefrau macht auf. Draußen steht ein Arbeitskollege ihres Mannes. Ein ehemaliger Security-Mitarbeiter, der sich beruflich umorientiert hat. Man kennt sich. Der 30-jährige Mann war schon einige Male zum Grillen da. Nun will der „Freund der Familie“ seine Salatschüssel abholen. Man kommt miteinander ins Gespräch. Er bietet an, beim Aufbau eines gerade erst gelieferten Couch-Tisches zu helfen. Zum Dank dafür lädt die Ehefrau ihn ein. Auch ihre Tochter ist dabei, als es wenig später auf dem Balkon eine Pizza gibt. Doch irgendetwas stimmt nicht. Der Ehefrau fallen seine ganz besonderen Blicke auf. Lüsterne Blicke, erfährt man vor Gericht.

Sexuelle Belästigung in den eigenen vier Wänden in Bamberg

Die Tochter geht in ihr Zimmer. Diese Gelegenheit nutzt der Mann. Schließlich weiß er, dass der Ehemann erst viel später von der Arbeit heimkehren wird. Er fragt die Ehefrau: „Wollen wir uns küssen?“ und „Darf ich Deine Unterwäsche sehen?“ Die Ehefrau lehnt ab. Dann berühren seine Hände ihre Haare, das Gesicht und ihre Oberschenkel.

Der Ehefrau sind diese Annäherungen nicht nur unangenehm und peinlich. Bei ihr kehren ganz plötzlich furchtbare Erinnerungen zurück. Noch einmal erlebt sie in ihren Gedanken jenes Martyrium, das sie als sechsjähriges Mädchen durchlitten hat. Als sie von den wechselnden Lebensgefährten ihrer Mutter sexuell missbraucht worden ist. Auf einmal ist alles wieder da. Diese frühen Erschütterungen der kindlichen Seele sind es, die bis heute bei bestimmten Triggern Angststörungen auslösen.

Deshalb ist sie auch nicht dazu in der Lage, sofort zu reagieren. Vielmehr versucht sie, sich der Situation zu entziehen. Zumal sie Angst vor dem Arbeitskollegen hat. Sie hat ihn schon einmal falsch eingeschätzt, als jemanden, der nicht übergriffig wird. Nun befürchtet sie, dass er bei allzu viel Widerstand gewalttätig werden, dass die Lage eskalieren könnte. Dass es nicht nur sie, sondern auch ihre Tochter treffen könnte.

Sie läuft deshalb in die Küche. Er folgt ihr und hält sie fest. Sie kann sich entwinden. Sie sagt ihm immer wieder, dass er sie in Ruhe lassen und die Räumlichkeiten verlassen soll. Es gelingt ihr, ihn in Richtung der Wohnungstür zu manövrieren. Im Flur belästigt er sie noch ein letztes Mal. Mit einem Griff an den Hintern und einigen Küssen auf den Hals. Dann geht er nach draußen. Freilich nicht, ohne sie zu bitten, ihrem Ehemann nichts zu erzählen.

Sexuelle Belästigung triggert Angststörung

Der Körper der Ehefrau reagiert auf das traumatische Ereignis. Ein übler Migräneanfall mit Aura sucht sie heim. Für eine Viertelstunde erblindet sie. In der Folge setzt ihr eine heftige Erkältung zu. Es dauert mehrere Tage, bis die Ehefrau zur Polizei gehen kann. Tatkräftig unterstützt und bestärkt von ihrer Tochter. „Es hat eine Mega-Überwindung gekostet.“ Denn sie hat Angst. Dass er ihr irgendwo auflauert und die Sache zu Ende bringt. Oder dass er zurückkommt und über den Balkon in die Wohnung einsteigt. Schließlich kennt er sich aus.

So werden wochenlang alle Türen versperrt und die Fenster geschlossen gehalten. Zudem werden die Rollläden herabgelassen. Das Mädchen ist es auch, das noch am Tattag zwei kurze Sprachnachrichten verschickt. Sie sind später am Amtsgericht Bamberg wichtige Beweismittel. In ihnen schildert die Tochter, was sie gesehen hat. Die Berührungen und Küsse – und die Ablehnung und vorsichtige Gegenwehr ihrer Mutter. „Er hat alles gemacht. Sie hat nichts gemacht. Er ist wirklich stark. Er hat Muskeln. Eine krasse Nummer.“

Angeklagter schweigt zunächst vorm Amtsgericht Bamberg

Durch diese von der Stadtpolizei Bamberg gesicherten Audio-Dateien kann man auf eine erneute, belastende Befragung des Kindes verzichten. Im Prozess schweigt der bislang nicht vorbestrafte Arbeitskollege auf der Anklagebank. Er hofft wohl, dass sich die Ehefrau im Zeugenstand nicht richtig erinnern kann, in Widersprüche verwickelt oder Angst hat, gegen ihn auszusagen.

In allem irrt er sich. Sie schildert die Ereignisse insgesamt schlüssig, ungemein detailreich und ohne allzu großen Belastungseifer. Erst als sich andeutet, dass Staatsanwältin Alicia Friedmann und Strafrichter Matthias Bachmann ihre Aussage für glaubhaft erachten, gibt er nach. Damit es in einem Urteil nicht noch schlimmer kommt.

Er zieht seinen Einspruch gegen den Strafbefehl zurück und gibt damit den Vorwurf der sexuellen Belästigung zu. Dadurch endet das Verfahren. Am Ende steht eine Geldstrafe von 4500 Euro. Unklar ist, ob es noch zivilrechtliche Forderungen wie Schmerzensgeld oder Schadenersatz gegen den Arbeitskollegen geben wird. Nur eines ist sicher: Mit dem „Freund der Familie“ will diese nichts mehr zu tun haben.

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