Julia Müller (Name geändert) kommt jeden Tag an Klaras Grab im südlichen Landkreis Bamberg. Auf der letzten Ruhestätte ihrer Tochter wachen unter einem Regenbogenballon und zwischen verwelkten Blumenkränzen ein Engel, ein Teddy und ein Plüschhund. Auf einem Herz mit Sternenhimmel sind Klaras Lebensdaten verzeichnet: Sie wurde nicht einmal zwei Jahre alt. Geboren am 29. März 2023, starb das Kleinkind am 10. Dezember 2024 im Klinikum Bamberg.
Über das Grab gebeugt, richtet die 21-jährige Mutter des toten Kindes den schlapp gewordenen Regenbogenballon gerade und schüttelt den Kopf. „Du hast das Sterben nicht verdient, du warst doch so ein fröhliches Kind“, spricht sie ihre Tochter an. Aber die kann nicht mehr antworten.
Mutter: Klara hat immer viel gelacht
Klara habe immer viel gelacht, erzählt Julia Müller, außer, wenn sie gezahnt habe. „Da lag sie mit roten Backen im Bett“. Dabei habe sie in ihrem kurzen Leben nicht viel zu Lachen gehabt. Drei Wochen vor dem eigentlichen Geburtstermin sei Klara mit nur 2000 Gramm zur Welt gekommen, sagt die Mutter. Doch die Frühchen bedingte Entwicklungsverzögerung habe Klara Monat für Monat aufgeholt.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Pflegeeltern im westlichen Landkreis Bamberg, bei denen das Mädchen durch Beschluss des Familiengerichts erst zwei Monate zuvor in Obhut gegeben worden war. Gegen den Willen der leiblichen Mutter. Julia Müller ist überzeugt: „Hätten sie Klara bei mir gelassen, wäre es nicht so weit gekommen. Dann wäre Klara jetzt noch da. Aber sie mussten sie mir unbedingt wegnehmen.“
Die 21-Jährige zeigt eines der letzten Handyfotos ihrer Tochter. Darauf sind Hämatome an Klaras Kopf und an ihrer Wange zu sehen. „Sie war hirntot, ist nicht mehr aufgewacht, hat keinen einzigen Atemzug mehr gemacht“, schildert Müller die letzten Stunden, als Klara in ihren Armen starb. „Schließlich wurden die Geräte abgeschaltet.“
Einen Tag vorher hatte die Polizei sie aufgesucht und ihr mitgeteilt, dass ihre Tochter im Sterben liege. Wenn sie sie noch einmal lebend sehen wolle, solle sie mit ins Klinikum kommen. Die 32-jährige Pflegemutter steht unter Verdacht, dem Kind so schwere Verletzungen zugefügt zu haben, dass es an den Folgen starb. Sie befindet sich in Untersuchungshaft.
Recht schnell habe sich der Verdacht einer äußeren Gewalteinwirkung ergeben, erklärten Staatsanwaltschaft und Polizei. Gegen die Pflegemutter sowie auch gegen den 40-jährigen Pflegevater werde wegen des Verdachts des Totschlags ermittelt. Gegen den Pflegevater habe sich der Anfangsverdacht bislang nicht weiter erhärtet, er befinde sich nicht in Haft, erklärt der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Alexander Baum.
Ein drittes Ermittlungsverfahren führt die Staatsanwaltschaft aufgrund der Strafanzeige der leiblichen Mutter gegen das Kreisjugendamt. „Diese Ermittlungen werden derzeit gegen unbekannt geführt, da keine konkreten Personen als Beschuldigte benannt wurden“, so Baum. Mit einem Abschluss der Ermittlungen sei im Laufe des Frühjahrs 2025 zu rechnen.
Leibliche Mutter von Klara: „Ich kämpfe für Gerechtigkeit“
Sollte es zum Prozess kommen, hofft Müller nicht nur auf Aufklärung, wie ihr Kind ums Leben kam, sondern auf Gerechtigkeit. „Ich kämpfe für Gerechtigkeit.“ Sie ist überzeugt, dass ihr Kind gewaltsam ums Leben kam, zu Tode geschüttelt wurde. Klara sei keinesfalls ein Schreikind gewesen. „Sie hat höchstens geschrien beim Zahnen. Bei mir hat sie auch gezahnt, aber dann habe ich ihr Gel auf das Zahnfleisch gegeben und sie getröstet. Wenn man überfordert ist, dann muss man das Kind zurückgeben.“
Die 21-Jährige hadert mit der Wegnahme ihres Kindes durch die Behörden. Bereits kurz nach der Geburt im Klinikum Bamberg habe das Jugendamt die Alleinerziehende vor die Wahl gestellt, dass sie mit ihrer Tochter in eine Mutter-Kind-Einrichtung gehe oder dass Klara in eine Pflegefamilie komme. „Ich wollte mit Klara bei meiner Mutter leben. Dort hatte sie ein eigenes Zimmer, einen Schrank, alles war vorbereitet. Ich verstehe, dass ein Kind aus der Familie kommt, wenn die Mutter drogenabhängig ist oder alkoholkrank. Aber das habe ich alles nicht.“
Klara verletzte sich in der Mutter-Kind-Einrichtung
Doch in der Mutter-Kind-Einrichtung verletzte sich Klara im Oktober 2024 am Kopf. Julia Müller sagt, sie sei beim Laufenlernen gegen eine Schranktüre gefallen. Doch am Familiengericht wurde ihr zum Vorwurf gemacht, dass sie nach dem Vorfall nicht gleich in der Nacht, sondern erst am nächsten Vormittag mit Klara zum Kinderarzt ging. Außerdem gab es wohl in der Einrichtung immer wieder Streit. „Meine Mandantin galt als aufsässig“, sagt ihr Anwalt Franz-Josef Schick. Am 10. Oktober fällte das Familiengericht dann den Beschluss für Klaras Inobhutnahme in einer Pflegefamilie.
Klaras Mutter: „Innerlich hast du eine Wut, die du nicht loslassen kannst“
Wie hält Julia Müller den Schmerz aus, das eigene Kind auf so tragische Weise verloren zu haben? Sie sagt: „Einerseits hast du Trauer. Aber innerlich hast du eine Wut, die du nicht loslassen kannst.“ Unterstützung erfahre sie von Freunden und Bekannten. Zusätzlich stehe ihr für die Trauerbewältigung ein Pater zur Seite. „Aber ich werde mir auch psychologische Hilfe suchen.“
Klara sollte auch getauft werden. „Wir wollten sie taufen lassen, das Taufkleid hatte die Oma schon besorgt. Aber soweit sind wir gar nicht gekommen. Stattdessen mussten wir Klaras Beerdigung organisieren“, sagt die leibliche Mutter.
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