Seit Monaten demonstrieren sie immer wieder in Nürnberg. Meistens montags. Beides ist kein Zufall. Schließlich ist es die Stadt der Reichsparteitage und der NS-Rassengesetze – und der Montag ist seit den Querdenker-Protesten fest gebucht. So finden sich unter den Demonstranten neben Corona-Leugnern, Verschwörungstheoretikern und Esoterikern auch Mitglieder der NPD-Nachfolgerin „Die Heimat“ und Rechtsextremisten aus ganz Franken.
Trotz all des Aufwands sind es meist nicht mehr als 80 Menschen, die unter der Flagge des „Team Menschenrechte Nürnberg“ marschieren – beobachtet vom Bayerischen Verfassungsschutz. Sie suchen sich für ihre Kundgebungen zentrale Plätze im Stadtgebiet aus und durchqueren dann wie zufällig migrantisch oder linksalternativ geprägte Viertel.
Mann aus Kreis Bamberg vermummt sich auf Gegendemonstration in Nürnberg
Dabei werden sie von einem massiven Polizeiaufgebot durch abgesperrte Bereiche geleitet. Denn regelmäßig kommt es zu bürgerlichen, aber auch linken Gegen-Demonstrationen mit mehreren hundert Teilnehmern. Darunter befinden sich auch solche, die nicht nur lautstark ihren Unmut kundtun. Einige wollen mit Menschenketten oder Sitzblockaden den rechten Demonstrationszug aufhalten – fast immer ohne Erfolg. Manch einer aus der ebenfalls anwesenden Antifa-Fraktion möchte noch mehr. Dann liest man im Polizeibericht etwas von Widerstand gegen oder tätlichem Angriff auf uniformierte Beamte, Hausfriedensbruch bei Plakataktionen oder Körperverletzung durch Wurfgeschosse.
Unter den Gegen-Demonstranten befindet sich auch ein junger Mann aus dem Landkreis Bamberg. Er gerät ins Visier der Ermittler, weil er sich immer wieder vermummt. Das ist ein Verstoß gegen das Bayerische Versammlungsgesetz. Eine Straftat, die eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr nach sich ziehen kann. Um sich unkenntlich zu machen, nutzt er einen Schlauchschal, eine Kappe und die Kapuze seines Hoodies, die er tief ins Gesicht zieht. Dadurch kann man am Ende nur noch die Augen sehen, sonst nichts.
Freilich kann man ihn dann doch identifizieren. Dafür sorgt eine spezielle Beweissicherungs-Einheit der Polizei. Sie fotografiert und filmt das gesamte Geschehen, um später Belege für Ordnungswidrigkeiten oder Straftaten zu haben. Falls es auf irgendeiner Seite des politischen Spektrums zu Propaganda-Delikten, Sachbeschädigungen oder Beleidigungen kommen sollte.
Beweissicherungs-Einheit der Polizei erkennt Bamberger wieder
Die Beweissicherungs-Einheit hilft noch während der mehrstündigen Veranstaltung dabei, die Tatverdächtigen später wiederzufinden. Indem man in einen polizeiinternen Chat Fahndungsbilder einstellt. Dann können Kollegen nach den bis dahin gesichtslosen Tatverdächtigen mit Hilfe äußerer Merkmale wie Kleidung, Schuhen oder anderen Accessoires suchen, Personenkontrollen durchführen und die Personalien feststellen. So ergeht es auch dem jungen Mann aus der Nähe von Bamberg.
Das erste Mal im Juni 2025 stellt die Staatsanwaltschaft Bamberg das Strafverfahren noch ein. Bis dahin ist er noch nie polizeilich aufgefallen. Sie glaubt, ihn mit 20 Stunden gemeinnütziger Arbeit auf den rechten Weg zurückbringen zu können. Ein Irrglaube. Denn drei Monate später fällt der junge Mann wieder auf.
Aus Angst vor Neonazis: Bamberg erklärt Vermummung
Erneut hat er sich bei einer Gegen-Demonstration in Nürnberg vermummt. Diesmal kommt es zum Prozess am Amtsgericht Bamberg, weil bei U21-Angeklagten das Wohnort-Prinzip greift. Dort taucht der Angeklagte in einem Shirt mit der Aufschrift „Fck Nzs“ auf. Mit diesem textilen Statement ist erst einmal alles gesagt. Mit Jugendrichter Thomas Fahr will er lieber nicht reden. Erst nach einem Gespräch mit der Jugendgerichtshilfe gibt er die nicht zu leugnende Vermummung doch zu.
Und er hat dafür eine nachvollziehbare Begründung: Die Anonymisierung sei zu seinem eigenen Schutz vor Neonazi-Übergriffen. Denn die würden die Gegendemonstranten filmen und fotografieren und das Material dann in ihren Telegram-Gruppen teilen. Es bestünde die Gefahr, am Hauptbahnhof Nürnberg erkannt, abgepasst und verprügelt zu werden.
Mann aus dem Kreis Bamberg muss sich in neuem Prozess verantworten
Beinahe hätte der junge Mann mit seiner Erklärung Erfolg gehabt. Einen Moment lang sieht es danach aus, dass er mit einer vergleichsweise milden Verurteilung zu einer Geldauflage oder Arbeitsweisung davonkäme. Ohne dass es eines kurzen Warnschuss-Arrestes bedürfe. Dann aber tauchen in den Unterlagen der Jugendgerichtshilfe Hinweise auf weitere Ermittlungsverfahren auf. Es sind vier gleich gelagerte Fälle aus dem Zeitraum November/Dezember 2025. Offenbar ist der junge Mann nicht bereit, sein strafbares Verhalten zu ändern.
Hinzu kommt, dass die Streifenbeamten bei einer Kundgebung kurz vor Weihnachten einen pyrotechnischen Gegenstand bei ihm gefunden haben. Einen Explosivkörper, den der Demonstrant ohne eine entsprechende Erlaubnis gar nicht hätte haben dürfen. Dieser Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz ist eine weitere Straftat. Für Jugendrichter Fahr ist das der Punkt, an dem er den Prozess aussetzt. In einem neuen Verfahren werden dann sämtliche Anklagepunkte gesammelt verhandelt. Es könnte eng werden für den jungen Mann.
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