Kunst & Natur
Die mit dem Schwein tanzt
Tanz im Stall: Auf Tuchfühlung mit Zuchtsauen.
Tanz im Stall: Auf Tuchfühlung mit Zuchtsauen.
Foto: Th. Wirsing
LKR Bamberg – Zwischen Artenvielfalt und Einheitssaatgut: Fränkische Künstlerinnen suchen auf neun Biobauernhöfen nach dem Ursprung des Lebens.

Der grüne Kleinbus hält mitten auf dem Hof. Zwei strahlende Frauen springen heraus, öffnen die Schiebetür der Ladefläche. Zwischen Musikinstrumenten, Malerutensilien, Mikrofonen und Kostümen ziehen sie etwas großes Goldenes aus der Tür heraus: einen Thron!

Eine der Frauen schnappt sich die rechte Lehne, die andere die linke, und gemeinsam tragen sie das gewichtige Goldstück schnurstracks in Richtung… Schweinestall! Vor einem Dutzend Muttersauen stellen Eva Warmuth und Silke Heusinger den Thron ab.

So richtig staunen die Tiere am nächsten Tag, als Silke Heusinger neben ihnen im Stroh auftaucht und zu tanzen beginnt. Zu einer sphärischen Musik. Und draußen bemalt Eva Warmuth eine riesige Leinwand.

Performance im Pulsatillafeld mit Trommlerin Anja Günther.
Performance im Pulsatillafeld mit Trommlerin Anja Günther.
Foto: Eva Warmuth

Frau Heusinger und Frau Warmuth, was machen Sie für verrückte Sachen?

Silke Heusinger: Wir unternehmen eine Reise zum Ursprung des Lebens.

Eva Warmuth: Wir besuchen neun Biobauernhöfe im gesamten Bundesgebiet, die Saatgut züchten und vermehren. An mehreren Tagen sammeln wir Eindrücke vom Hofleben und vom Umgang mit Saatgut. Diese Impulse setzten wir künstlerisch um – Silke vorwiegend als Tänzerin und Performancekünstlerin, ich als Malerin und Bildhauerin. Mit dem Projekt „Seedling on Tour“ wollen wir die Aufmerksamkeit auf ein sehr wichtiges Thema lenken, das auf politischer und persönlicher Ebene Brisanz hat: Saatgut.

Bunte Gewächshaus-Performance mit einem bemalten Vlies.
Bunte Gewächshaus-Performance mit einem bemalten Vlies.
Foto: N. Lang

Also geht es um den Kampf des Ökolandbaus gegen riesige Konzerne?

Warmuth: Es geht um Autonomie, darum, dass die biologische Vielfalt von Saatgut erhalten bleibt und nicht alle Bauern von ein paar großen Unternehmen abhängig sind.

Heusinger: Kultur kommt von kultivieren, also aus der Landwirtschaft. Bauern und Gärtner sind Künstlern ganz ähnlich: Sie schauen genau hin, lassen sich Tag für Tag aufs Neue auf Umwelt und Umgebung ein, beobachten diese – Bodenbeschaffenheit, Wetter – und ziehen daraus Schlüsse, was zu tun ist. So machen wir das auch.

Eine Kräuterwurzel-Waschanlage ist Silke Heusingers Bühne.
Eine Kräuterwurzel-Waschanlage ist Silke Heusingers Bühne.
Foto: N. Lang

Was machen Sie genau?

Heusinger: Wir erleben die Arbeit und die Atmosphäre auf den einzelnen Höfen mit, führen Interviews mit den Menschen, setzen die Stimmung auf dem Hof in Tanz um und bannen die Farben auf riesengroße landwirtschaftliche Vliese. Wir lassen uns einfach darauf ein, etwas Neues aufkeimen zu lassen, wie bei einer Geburt oder wenn ein Sämling keimt. Von allen Performances drehen wir Videos, die wir online zeigen.

Was hat das mit den Otto-Normal-Verbrauchern zu tun?

Warmuth: Jeder muss essen, jeder hat mit Wachsen und Gedeihen zu tun. Dass Samen aufgehen, ist essenziell für jeden Menschen. Es ist ein Unterschied, ob etwas einfach nur gezüchtet wird, oder ob es mit Liebe unabhängig wachsen kann.

Heusinger: Man ist, was man isst. Es macht einen großen Unterschied, wenn der oder die Züchter:in für eine biologische Qualität mit der Pflanze in einen Dialog eintritt.

Erdverbunden: Silke Heusinger wächst als „Same“ aus dem Boden.
Erdverbunden: Silke Heusinger wächst als „Same“ aus dem Boden.
Foto: N. Lang

Wie haben die Menschen und die Tiere bisher auf Ihre außergewöhnliche Performance reagiert?

Heusinger: Tiere vor allem mit Neugierde. Menschen ganz individuell. Oft waren es sehr innige Momente, die wir mit den Zuschauern geteilt haben. Da ist viel Energie geflossen, was als geheimnisvoll und spannend erlebt wird.

Wer finanziert die Reise durchs Land?

Heusinger: Das Gros der Kosten deckt der Fonds Darstellende Künste durch ein mit Bundesmitteln gefördertes Konjunkturpaket, das Künstlern durch die Corona-Zeit hilft. Unseren Eigenanteil können wir durch Sponsoren aus dem Ökolandbau tragen. Zudem stellt jeder Hof uns Zeit, Räume und Ressourcen zur Verfügung.

Ein Goldthron für Interviews.
Ein Goldthron für Interviews.
Foto: Lang

Sie beide tragen die Verantwortung für das Projekt. Wer ist noch mit im Team?

Warmuth: Vor Ort auf den Höfen waren wir höchstens zu viert. Neben Anja Günther mit ihren ungewöhnlichen Musikinstrumenten – unter anderem einem Hang, dem sie sphärische Klänge entlockt – unterstützen uns etwa ein Dutzend Menschen bei dem Projekt, etwa bei der Aufarbeitung und professionellen Präsentation der Ergebnisse.

Wofür brauchen Sie den goldenen Thron, den Sie überallhin mitnehmen?

Heusinger: Wir machen Bauern und das Saatgut zu König:innen! Die Landwirt:innen, Gärtner:innen und Saatgutzüchter:innen, die sich um unser Saatgut kümmern, sorgen letztlich für unsere Lebensgrundlage. Wem sollte eher ein Thron gebühren als ihnen? Unser reisender Thron wird auf den Lieblingsplätzen des jeweiligen Hofes aufgestellt, von Eva in ein thematisch passendes Kunstwerk verwandelt – und ist somit der adäquate Interviewplatz für unsere Helden!

Silke tanzt auf Evas Erde-Zeichnung.
Silke tanzt auf Evas Erde-Zeichnung.
Foto: Warmuth

Nach welchen Kriterien haben Sie die neun Biobauernhöfe ausgewählt, die sie besuchen?

Warmuth: Die Bio-Saatgut-Welt ist klein. Viele der Betriebe kannte ich von Fachtagungen und Verbänden – ich bin ja selbst seit 30 Jahren Biolandwirtin – und wollte mir einfach selbst mal ein Bild von ihnen machen.

Heusinger: Für mich sind die ökologischen Saatgut-Vermehrer so etwas wie „Leuchtturm-Menschen“. Sie brauchen 18 bis 20 Jahre, bis ein Saatgut auf den Markt kommt. Sie sehen sich nicht als Herrscher und Macher, sondern lassen die Pflanzen ihr Potenzial entfalten, ohne sie zu manipulieren.

Silke in Pulsatillasamen.
Silke in Pulsatillasamen.
Foto: E.Warmuth

Sie wollen zurück zum natürlichen Ausgangspunkt des Lebens?

Heusinger: Ja, und uns geht es darum, die Verbindung von Natur und Mensch im Kern zu erfassen.

Was soll am Ende des Projekts wachsen? Welcher Samen soll wo aufgehen?

Warmuth: Wir wollen Potenziale entfalten. Wir haben bei den Züchtern gesehen, dass Menschen zu Unglaublichem fähig sind, wenn sie ihren eigenen Weg gehen. Wir selbst sind als Künstler auch an dem Projekt gewachsen.

Heusinger: Ich wünsche mir, dass viele Leute für ein wichtiges Thema sensibilisiert werden – nämlich dafür, inwiefern Natur und Mensch zusammengehören. Wir haben wunderbare Interviews aufgezeichnet, Performances ausgearbeitet und Ackervliese bemalt, aus denen zum Beispiel Kostüme und Fahnen werden können. Mein Ziel ist es, aus unserem Material zusammen mit einer Live-Performance eine Art Wanderbühne zu kreieren. So könnte das Thema weltweit weiter wachsen.

Eva Warmuth bemalt ein Ackerschutzvlies.
Eva Warmuth bemalt ein Ackerschutzvlies.
Foto: Seedlingontour
Winterwind im Frühling.
Winterwind im Frühling.
Foto: Seedlingontour

INFO:

Silke Heusinger (Silke Kwan Hea): Die Performancekünstlerin und Tänzerin stammt aus Fürth. Gemeinsam mit ihrem Mann Thilo gründete sie 2008 das Lotus Theater in Pöcking am Starnberger See. Die alte Zimmermannswerkstatt ist inspirierender Treffpunkt, Probebühne und Veranstaltungsort. Als Trainerin und Körpertherapeutin bringt Heusinger dort viele Menschen „mit dem Kern ihres Körpers in Verbindung“.

Eva Warmuth: Die Fränkin ist Bildhauerin, Bäuerin, Hausfrau und Mutter von drei Kindern. Studiert hat sie in Nürnberg, an der Akademie der Bildenden Künste, und in New York, an der School of Visual Arts. Seit 1990 lebt sie in Wargolshausen (Rhön) und arbeitet als freischaffende Künstlerin und Biobäuerin.

Alle Infos: www.seedlingontour.de

Eva Warmuth und Silke Heusinger.
Eva Warmuth und Silke Heusinger.
Foto: N. Lang
Silke performt an der Wurzelwaschmaschine.
Silke performt an der Wurzelwaschmaschine.
Foto: Seedlingontour