Seit dem 1. April ist der Besitz und Anbau von Cannabis für Erwachsene unter bestimmten Vorgaben legal. Das neue Gesetz bleibt allerdings umstritten, denn vor allem bei Kindern und Jugendlichen ist die Gefahr einer Sucht groß. Auch Dr. med. Kerstin Hessenmöller, Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters des Bezirks Oberfranken sieht die Legalisierung kritisch.
Sie erklärt im Interview, wieso Jugendliche schneller süchtig werden, warum sie eine Überlastung der Arztpraxen befürchtet und wie Eltern ihre Kinder schützen können.
Der Artikel im Überblick:
- So wirkt Cannabis auf Kinder und Jugendliche
- Der Unterschied zum Alkohol
- Das sagt die Ärztin zum Gesetz
- Eine Überlastung der Artzpraxen
- Symptome einer Sucht bei Kindern erkennen
Frau Dr. Hessenmöller, welche Auswirkungen haben Kinder und Jugendliche beim Konsum von Cannabis zu befürchten?
Hessenmöller: Cannabiskonsum ist für Jugendliche riskant, vor allem unter dem Aspekt der noch nicht abgeschlossenen Hirnentwicklung. Bis zu einem Alter von 25 Jahren befindet sich das Hirn in der Entwicklung. Es ist also eine sensible Phase. Cannabiskonsum kann hier besonders schwerwiegende Folgen haben. Es besteht ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen wie Angststörung, Depressionen, Psychosen, und natürlich kann sich auch eine Sucht mit allen negativen Begleiterscheinungen entwickeln.
Die Gefahr für Kinder und Jugendliche ist also höher?
Die Gefahr, eine Psychose, auch als Schizophrenie bekannt, zu entwickeln, ist schon beim Probieren von Cannabis oder mäßigem Konsum erhöht. Das Verkehrsunfallrisiko ist unter Cannabiskonsum um den Faktor 1,25 – 2,66 erhöht. Auch das Risiko für Suizid steigt unter THC.
Gleichzeitig bestehen körperliche Beschwerden und Risiken – Cannabis beeinflusst beispielsweise das Immunsystem. Bekannt sind auch, insbesondere beim Konsum von synthetischen Cannabinoiden, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck, Krampfanfälle, Übelkeit, Erbrechen, Panikattacken.
Nicht zu vergessen die sozialen Probleme. Früher und regelmäßiger Cannabiskonsum erhöht deutlich das Risiko, die Schule ohne Abschluss zu verlassen. Ebenso kommt es zu vermehrtem Schulabsentismus, oder Fehltagen in der Berufsausbildung, aber auch zu Unfällen im Arbeitsumfeld im Vergleich zu Nichtkonsumenten.
“Risiken bestehen im Mitkonsumieren, um dazuzugehören, um cool zu sein.
”
Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder eine Sucht entwickeln?
Wer im Jugendalter Cannabis konsumiert, entwickelt mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent eine Abhängigkeit.
Wie lässt sich das erklären?
Wir haben unterschiedliche Cannabinoide Rezeptoren im Körper. Die sogenannten CB1 Rezeptoren befinden sich vorwiegend im Gehirn. Im Gegensatz zu den körpereigenen Endocanabinoiden, wird durch das von außen zugeführt THC der neuronale Regelkreis „überschwemmt“ und das Regulationssystem der CB1 Rezeptoren herunterreguliert.
Die Folge ist eine Veränderung der Hirnstruktur, die vor allem das Gedächtnis und Emotionsregulation aber auch die Intelligenz betreffen. Die altersgerechte Hirnentwicklung und Umbauprozesse im Gehirn werden gestört.
Macht es da einen Unterschied, ob ein Kind direkt konsumiert oder nur dabei „zusieht“ und den Rauch einatmet?
Sicherlich macht das Zusehen und Einatmen von Cannabis unter normalen Bedingungen keinen Rausch und führt auch nicht zu einem positiven Drogentest. Es ist aber wie beim Nicotin: passiv eingeatmeter Zigarettenrauch birgt ein statistisch nachweisbares Gesundheitsrisiko.
Es ist bekannt, dass passiv eingeatmeter Rauch in Anteilen schädlicher ist als der Primärrauch, den der Raucher einatmet. Im Cannabisrauch sind ebenfalls karzinogene und andere schädliche Stoffe enthalten. Allerdings ist es noch schwierig, das tatsächliche Gesundheitsrisiko abzuschätzen, das von dem Rauch ausgeht. Der Hauptteil der Konsumenten mischt die Droge mit herkömmlichem Tabak und raucht regelmäßig Zigaretten. Risiken bestehen im Mitkonsumieren, um dazuzugehören, um cool zu sein.
Wo genau liegt dann der Unterschied zum Alkohol?
Der Unterschied ist, dass wir Cannabinoide Rezeptoren im Gehirn haben - aber keine für Alkohol.
Beide Substanzen haben eine hohe toxische Wirkung auf die Nervenzellen. Das heißt neurokognitive Folgeschäden sowie Probleme mit Risikoverhalten, Emotionsregulation und Belohnungsaufschub stehen bei Alkohol- und Cannabismissbrauch im Vordergrund des klinischen Bildes.
Aktuell sind alkoholbezogene Störungen häufigster Anlass für Krankenhausbehandlungen bei Kindern und Jugendlichen. Unter Alkoholeinfluss kommt es zu Unfällen, Gewaltanwendungen und zu ungewollten sexuellen Handlungen. Neben den Alkoholintoxikationen besteht ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer alkoholbezogenen Störung mit akuten und chronischen sozialen Problemen. Unter Alkohol ist das Ausmaß einer psychischen sowie körperlichen Abhängigkeit deutlich ausgeprägt. Alkohol im Jugendalter ist die mit Abstand am weitesten verbreitete psychoaktive Substanz.
Finden Sie, die geltenden Regelungen sind streng genug, um Kinder zu schützen?
Die Gesetzgebung ist meines Erachtens nicht ausreichend, um einen adäquaten Jugendschutz zu gewähren. Die Gefahr des Fortbestandes eines illegalen Marktes, mit verunreinigtem „preiswerterem“ THC ist weiterhin gegeben. Die Gefahr eines so genannten „Graumarkts“ ist ebenso hoch. Das heißt: legales THC kann illegal weiter veräußert werden.
Ein strikt kontrollierter legaler Markt erscheint mir unrealistisch. Zumal das Jugendschutzgesetz mit seinem Verbot der Abgabe und des Konsums von Tabakwaren unter 18 Jahre und eingeschränktem Alkoholkonsum ab 16 Jahren schon jetzt mit regelmäßiger Konstanz ignoriert und dessen Nichteinhaltung von der Gesellschaft toleriert wird. Auch wenn der Konsum von THC für Jugendliche unter 18 Jahren und der Konsum im Beisein von Jugendlichen unter Strafe gestellt ist, reicht dies nicht, um die Jugendlichen zu schützen.
Meines Erachtens ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Konsum auch hier, wie bei Alkohol und Tabak, als Kavaliersdelikt abgetan und toleriert wird.
Also halten Sie das Gestz für zu ungenau?
Viele Passagen im Gesetz sind zu unspezifisch formuliert, zum Beispiel „verpflichtende Schutzmaßnahmen“ beim Eigenanbau, „einen Zugriff durch Kinder und Jugendliche sowie Dritte zu verhindern“. Auch hier ergibt sich die Frage, wer soll kontrollieren, wenn nun in jedem Haushalt angepflanzt werden kann. Sicherlich positiv zu erwähnen ist die Formulierung:
„Wenn Kinder oder Jugendliche gegen das Verbot verstoßen, soll die zuständige Polizei- und Ordnungsbehörde die Personensorgeberechtigten darüber informieren. Bei gewichtigen Anhaltspunkten für die Gefährdung des Wohls des Kindes oder des Jugendlichen ist zudem der zuständige örtliche Träger der öffentlichen Jugendhilfe zu informieren. Dieser hat darauf hinzuwirken, dass die jeweiligen Kinder oder Jugendlichen geeignete Frühinterventionsmaßnahmen oder vergleichbare Maßnahmen auch anderer Leistungsträger in Anspruch nehmen.“
Nach meinem Wissensstand wurden in den Jugendämtern aber keine neuen finanziellen oder personellen Ressourcen bereitgestellt. Es gilt noch viel zu tun, was in Angesicht der insgesamt geringen Ressourcen eine Herausforderung bleibt.
Sicherlich ist die seit August 2023 durch das Bundesministerium für Gesundheit gestartete gezielte Informationskampagne für Jugendliche und Erwachsene, mit dem Ziel vor den gesundheitlichen und sozialen Risiken des Cannabiskonsum zu warnen, ein guter und richtiger Weg.
“Meines Erachtens ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Konsum auch hier, wie bei Alkohol und Tabak, als Kavaliersdelikt abgetan und toleriert wird.
”
Gibt es gravierende Unterschiede bei den Auswirkungen zwischen Kindern und Erwachsenen? Welche sind das?
Kinder und Jugendlichen bis zum Alter von 25 Jahren sind einfach anfälliger und es besteht ein besonderes Risiko der Hirnschädigung durch psychoaktive Substanzen, zu denen das THC gehört. Insbesondere im Pubertätsalter sind das Frontalhirn und das Dopaminsystem, welches maßgeblich an einer Suchtentwicklung beteiligt ist, besonders vulnerabel.
Das jugendliche Gehirn befindet sich noch im Umbau und das betrifft auch das Endocannabinoid System. Jugendliche haben deutlich mehr CB1 Rezeptoren, die leichter zu aktivieren sind als die im erwachsenen Gehirn. Daher kann das THC in einem jugendlichen Gehirn stärkere Störungen auslösen als in einem erwachsenen Nervensystem. Aber auch bei Erwachsenen können verschiedene negative Effekte auftreten, wie Herzrasen, allgemein unangenehme Effekte, Wahnvorstellungen, Halluzinationen, deutliche Einschränkung der Fahrtüchtigkeit, Abhängigkeit.
Haben Sie in den letzten Jahren einen Anstieg an suchtkranken Kindern und Jugendlichen bemerkt?
Aktuelle statistische Angaben (Bundeszentral für gesundheitliche Aufklärung zu Alkohol, Rauchen und Cannabis) ergaben, dass der Anteil Jugendlicher im Alter von zwölf bis 17 Jahren, die in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung Cannabis konsumiert hatten, von 4,6 Prozent im Jahr 2011 auf 7,6 Prozent im Jahr 2021 angestiegen ist.
Auch bei den jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren steigt die Zahl seit 2008. Das bedeutet, dass in Deutschland jeder zweite junge Erwachsene im Alter von 18 bis 25 Jahren Cannabis mindestens einmal ausprobiert hat. Bei den zwölf bis 17-jährigen Jugendlichen waren es rund neun Prozent.
Nach Alkohol und Tabak gehört Cannabis in Deutschland zu den am häufigsten konsumierten psychoaktiv aktiven Substanzen. Die Mehrzahl der Konsumenten hat es einmal ausprobieren wollen.
Befürchten Sie durch die Legalisierung jetzt einen Anstieg?
In diesem Bereich ist sicherlich ein weiterer Anstieg zu erwarten. Daten aus den Ländern mit Legalisierung von Cannabis wie Kanada und in den USA (einzelne Bundesstaaten) zeigten eine deutliche Steigerung der Konsumquote von 40 bis 69 Prozent. Mit Legalisierung kam es auch zum Anstieg der Abhängigkeitserkrankungen um 25 Prozent.In diesen Ländern wurde ebenso eine Zunahme von Aufnahmen in Notfallambulanzen infolge von Intoxikationen verzeichnet.
Trotz aller Warnungen aus den Expertenkreisen wurde, wenn auch mit Einschränkungen, der Konsum von Cannabis in Deutschland legalisiert. Ich befürworte dies auch weiterhin nicht.
In den letzten Jahren mit Diskussion um die Legalisierung und Zulassung von CBD als Medikament konnte bereits eine Zunahme des THC-Konsums bei Jugendlichen verzeichnet werden, oft auch in Kombination mit Alkohol und anderen psychoaktiven Substanzen in Form von Mischkonsum mit entsprechender Intoxikation.
Was bedeutet das jetzt für unsere Kinder?
Konsumierende Eltern sind ein deutliches Risiko. Denn bereits jetzt schon kommt fast jedes fünfte Kind in Deutschland aus einer suchtbelasteten Familie. Dies sind Familien, in denen Alkoholsucht oder andere Drogensuchten den Alltag beherrschen. Etwa sechs Millionen Erwachsene sind als Kinder in suchtbelasteten Familien aufgewachsen. Kinder von Suchterkrankten sind Risikokandidaten, selbst eine stoffliche Sucht oder eine psychische oder soziale Störung zu entwickeln.
Für Kinder bedeutet die Sucht eines oder beider Elternteile immer, dass sie in einer Atmosphäre von Unsicherheit und Angst aufwachsen. Auch wenn suchtkranke Eltern ihre Kinder lieben, sind sie jedoch oft nicht in der Lage, ihnen Zuwendung und Liebe mit der Beständigkeit und Zuverlässigkeit zu geben, wie Kinder dies zum gesunden Aufwachsen benötigen. Suchtkranke Eltern neigen zu starken Stimmungsschwankungen und zeigen oft unberechenbares Verhalten.
Kinder von Suchtkranken lieben ihre Eltern und hüten das Familiengeheimnis, lernen geschickt die Aufmerksamkeit der Umwelt von den Problemen zu Hause abzulenken. Dabei bleibt ihr eigenes Leid oft unerkannt.
Sind unsere Praxen dafür gewappnet oder arbeiten sie jetzt schon am Limit?
Die aktuelle Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher im ambulanten Bereich vor allem in Oberfranken ist aktuell ungenügend. Der mögliche „Ansturm“ durch psychisch kranke Jugendlichen infolge des Konsums von Cannabis muss kritisch diskutiert werden. Klar muss sein, dass bereits ein Probieren, bei entsprechend veranlagten Jugendlichen auch zu psychischen Störungen und vor allem psychotischen Wahnphänomen führen kann.
Letztendlich relevant sind die Jugendlichen, die in einen suchtähnlichen Konsum verfallen, hier sind diverse Folgesymptome, wie Persönlichkeitsveränderung, Konzentrationsschwierigkeiten, Angststörungen und Panikattacken für die Kinder und jugendpsychiatrische Versorgung relevant.
Wir stehen vor großen Herausforderungen, die unter der aktuellen personellen Situation nur begrenzt bewältigt werden können.
Was raten Sie Eltern, die bei ihrem Kind eine Sucht vermuten?
Zunächst ist es wichtig, bei Verdacht das Gespräch mit dem Kind oder dem Jugendlichen zu suchen. Sicherlich wird ihr Kind nicht begeistert sein. Drängen sie kein Gespräch auf, aber geben Sie nicht auf, zeigen Sie Ihrem Kind, dass es Ihnen wichtig ist.
Bitte nicht gleich verurteilen, lieber zuhören und Interesse signalisieren. Denn es gibt unterschiedliche Gründe, warum Jugendliche THC konsumieren. Zunächst kann es Neugier sein, etwas zu probieren, was verboten ist. Die Gruppendynamik ist dabei nicht unerheblich, einfach dazu gehören, Spaß haben.
Andere konsumieren, um sich zu beruhigen, zu vergessen, wollen schlechte Gefühle verdrängen. Probleme in der Schule oder in der Peer-group dürfen dabei nicht unterschätzt werden. Hören Sie Ihrem Kind zu. Fragen Sie, warum, wie oft und mit wem es kifft. Denn daraus lassen sich auch Hinweise auf eine mögliche Sucht erkennen. Denn wer regelmäßig konsumiert, kann abhängig werden.
Gleichzeitig überprüfen Sie Ihren eigenen Umgang mit Suchtmitteln, wie Tabak, Alkohol oder Cannabis. Nehmen Sie eine klare Haltung ein, benennen Sie Ihre Sorge, bleiben Sie klar und benennen Sie, was zu Hause erlaubt ist, und was nicht.
Was könnten Anzeichen für Cannabiskonsum sein?
Achten Sie auf Interessensverlust, verlangsamte Reaktionen, erhöhte Müdigkeit, Schweigsamkeit, veränderten Freundeskreis und veränderte Interessen. Aber auch übertriebene Albernheit oder Gesprächigkeit, Appetitszunahme, Unruhezustände, geschwollene, gerötete Augen können Anzeichen sein.
Nachlassende Schulleistungen, sozialer Rückzug, Vermeiden des Schulbesuchs, plötzliche Verhaltensänderungen, Verschlechterung der Aufmerksamkeit, vermehrtes Lügen und dissoziales Verhalten mit Impulsdurchbrüchen, Aggressivität sollten aufhorchen lassen. Auch veränderte Muster in der Beziehungsaufnahme und Beziehungsgestaltung sowie Rückzug aus sozialen Kontakten – auch im Elternhaus - die Verschlechterung der Körperhygiene und allgemeine Vernachlässigung bis hin zur Verwahrlosung können Anzeichen sein.
Welche Anlaufstationen empfehlen Sie?
Wenden Sie sich an eine Suchtberatung. Informationen und Cannabis-Präventionsangebote der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): www.infos-cannabis.de oder www.irrsinnig-menschlich.de.
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