Coming-Out
Sich nicht mehr verstecken müssen
Zwei, die aus Main-Spessart stammen und offen sprechen: Schauspieler Maximilian Gehrlinger (links) und Diözesanjugendseelsorger Stephan Schwab.
Zwei, die aus Main-Spessart stammen und offen sprechen: Schauspieler Maximilian Gehrlinger (links) und Diözesanjugendseelsorger Stephan Schwab.
Uwe Frauendorf / Fabian Gebert
Die Kombo zeigt Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Initiative «#OutInChurch. Für eine Kirche ohne Angst» - eine Szene aus der ARD-Dokumentation «Wie Gott uns schuf»  von Januar 2022.
Die Kombo zeigt Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Initiative «#OutInChurch. Für eine Kirche ohne Angst» - eine Szene aus der ARD-Dokumentation «Wie Gott uns schuf» von Januar 2022.
dpa-Bildfunk
F-Signet von Redaktion Fränkischer Tag
Bamberg – Schauspieler Maximilian Gehrlinger und Theologe Stephan Schwab eint der Wunsch, ihre Homosexualität nicht mehr verstecken zu müssen.

Mit den Aktionen #Ac tOut im Februar 2021 und #OutinChurch im Januar 2022 haben sich zwei gebürtige Main-Spessarter gemeinsam mit vielen anderen Menschen aus der Schauspielszene und der Kirche geoutet: Maximilian Gehrlinger aus Mittelsinn und Stephan Schwab aus Oberndorf. Am 9. März kommen beide zu einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung nach Marktheidenfeld. Im Doppel-Interview erzählen sie, wie es ihnen seit dem öffentlichen Coming-Out ergangen ist.

Maximilian Gehrlinger, ungefähr vor einem Jahr haben Sie sich gemeinsam mit 185 Schauspielerinnen und Schauspielern in der Aktion #ActOut öffentlich geoutet. Warum war für Sie klar: Da mach’ ich mit?

Maximilian Gehrlinger: Ich hab mir lange Gedanken gemacht, ob ich da mitmache. Aus der Branche wurde mir oft geraten, die Sexualität lieber geheim zu halten, weil es der Karriere schaden könnte. Mir wurde aber klar: Wenn ich da jetzt nicht mitmache, das wäre selten dämlich. Wir kommen nie wieder in dieser Masse zusammen. Nie wieder ist die Sexualität der Einzelperson so unwichtig, weil die Gruppe so immens stark ist. Ich wollte, dass sich etwas ändert, sofort. Ich habe bisher zwar selten Diskriminierung im Beruf erfahren. Aber ich habe es oft bedauert, dass ich nie meinen Partner auf dem roten Teppich mitnehmen konnte. Ich möchte in Zukunft einfach gerne die freie Wahl haben, ob ich das tue oder nicht.

Herr Schwab, Sie haben mit #OutInChurch dieses Jahr nachgezogen. Warum?

Stephan Schwab:#ActOut war für uns tatsächlich ein Anlass zu sagen: Schaut mal hier, wir verstecken uns auch. Wir halten auch mit dem zurück, was zu unserer Lebensidentität dazugehört. #Ac tOut war uns daher ein Vorbild, es gleichzutun.

Was hat Sie bestärkt, bei der Aktion mitzumachen?

Schwab: Ich wollte aus der Vereinzelung herauskommen und konnte in dieser Gruppe spüren: Oh, wir sind viele. Zurzeit fehlt ja in weiten Teilen der Kirche Schwung und Elan, man hat das Gefühl, es geht dem Ende zu. Bei #OutinChurch habe ich genau das Gegenteil gespürt: Lebendigkeit, Kraft, Energie.

Zwei Besucher verfolgen eine Predigt bei einem queeren Gottesdienst.
Zwei Besucher verfolgen eine Predigt bei einem queeren Gottesdienst.
Uwe Anspach/dpa (Archiv)

Herr Gehrlinger, hatte Ihr Outing Auswirkungen, zum Beispiel auf die Besetzung bei Filmen?

Gehrlinger: Soweit ich das beurteilen kann, nicht. Diskriminierungen im Besetzungsprozess finden meist sehr subtil und hinter verschlossenen Türen statt. Die Reaktionen aus der Branche waren aber wahnsinnig positiv.

Wie nachhaltig wirkt die Aktion, jetzt nach einem Jahr?

Gehrlinger: Wir haben auf jeden Fall etwas geschaffen, das viele inspiriert hat. Es gab ja auch #TeachOut, #Pilot sOut und #KickOut. Dahingehend hat es viel bewirkt. Was erst jetzt langsam passiert, ist, dass sich auch das deutsche Fernsehen und die Öffentlich-Rechtlichen zum Beispiel für queere Geschichten öffnen.

Nehmen Sie Ihren Partner jetzt mit auf den roten Teppich?

Gehrlinger: Mein Partner und ich haben es zumindest vor, ja. Alleine der Gedanke daran macht mich nach wie vor sehr nervös.

Herr Schwab, wann haben Sie für sich beschlossen, Ihre Sexualität nicht mehr zu verschweigen?

Schwab: Ich war als Schüler auf einem katholischen Internat. Ich habe damals schon gemerkt, dass ich mehr auf Jungs stehe. Aber die Denke war: Ich muss das sehr gut für mich behalten. Ich bin heute der Überzeugung, dass ich das gut einstudiert habe. So gut, dass ich es von mir selbst fernhalten konnte. Richtig aufgebrochen ist es dann in meiner Zeit als Kaplan in Miltenberg. Ich habe einen Freund in München besucht, der mir erzählte, wie er mit seiner Frau joggen geht oder Händchen haltend an der Isar spaziert. Da wurde mir klar: Eigentlich möchte ich das auch, aber mit einem Mann. Danach habe ich nicht mehr richtig funktioniert.

Warum haben Sie sich entschieden, Priester zu werden? Sie wussten ja um die bestehende Sexualmoral der Kirche?

Schwab:Als ich für mich richtig erkannt hatte, dass ich schwul bin, waren meine Weichen bereits gestellt. Ich war Priester in der Kirche und habe für mich keine Möglichkeiten gesehen, hier wieder rauszukommen. Ich habe mich dann sehr mit meiner Situation auseinandergesetzt, habe Supervision gemacht, später eine Therapie, bin aus der kirchlichen Arbeit rausgegangen und habe in Trier im Krankenhaus gearbeitet. Dort hätte ich mich ausleben können – habe ich aber nicht. Ich bin zurückgekehrt in den Kirchendienst. Es geht mir darum, von innen heraus an einer Erneuerung mitzuwirken. Ob ich den Job bis an mein Lebensende machen werde, weiß ich nicht. Aber momentan passt es gut.

Ich habe in der Jugendarbeit viele Freiheiten. Ich finde, dabei ist die sexuelle Orientierung eines Priesters auch völlig unwichtig und hat nichts damit zu tun, ob ich für diesen Beruf qualifiziert bin.

 

Die historische Altstadt Würzburgs in Regenbogenfarben als Zeichen für Toleranz.  Zwei Priester aus dem Bistum Würzburg haben sich als schwul geoutet.
Die historische Altstadt Würzburgs in Regenbogenfarben als Zeichen für Toleranz. Zwei Priester aus dem Bistum Würzburg haben sich als schwul geoutet.
belyaaa, adobe stock / Mapics, adobe stock / Illustration: Franziska Schäfer schwul

Der Würzburger Bischof Franz Jung hat ja noch mal auf das Gebot der Enthaltsamkeit hingewiesen bei Priestern. Da könnte man sich fragen: Warum weist er da noch einmal so drauf hin? Für die gilt doch der Zölibat?

Schwab: Das ist richtig. Für die Priester ändert sich erst mal nichts. Die Frage für mich ist jedoch: Warum sollte der Zölibat eine Voraussetzung sein, um gut als Priester leben und arbeiten zu können? Ich finde es heute auch übergriffig: Um eine bestimmte Berufswahl treffen zu können, wird mir eine bestimmte Lebensform vorgeschrieben. Ich finde den Zölibat für meine Berufsausübung nicht kompetenzfördernd.

 

Inhalt teilen

Oder kopieren Sie den Link: