Die Fans in der vollgepackten Brose-Arena werden übermütig. „Jetzt haben wir dich, alter Mann“, denken sie feixend, während Rob Halford sie beim Mitsingen Ton um Ton höher treibt.
Nach vorn gebeugt steht der Sänger von Judas Priest am Bühnenrand. Das Mikrofon mit beiden Händen umklammernd, presst er die Töne heraus, wirkt schon brüchig in der Stimme.
Rob Halford hat nur geblufft
Beim nächsten Durchgang wird er nicht mehr treffen, glaubt die mit grölende Menge zu ahnen. Er wird verlieren in diesem Sängerkrieg mit dem Publikum.
Doch Halford hat nur geblufft: Nicht einen Ton, sondern zwei Oktaven höher gibt er jetzt vor, seine berühmten „Screams“ sind so exakt wie eh und je.
Den Mitsängern in der Arena bleibt die Spucke weg. Da kommt keiner von ihnen mehr mit. Es bleibt nur, Halford einfach zu bejubeln. Der 71-Jährige ist eben der unschlagbare „Metal God“.
Die „Heugabel des Teufels“
Schon als sich zu Beginn das Judas-Priest-Kreuz über der Menge platziert, ist der Jubel enorm. Das riesige, vermutlich altägyptische Symbol, das die Band „Heugabel des Teufels“ getauft hat, scheint über der Bühne zu schweben.
Alle in der Arena wollen mit den britischen Rockern „50 Years of Heavy Metal“ feiern – mit zwei Jahren Verzögerung wegen der Corona-Pandemie.
Zur „Battle Hymn“ und zum übergangslos angeschlossenen „One Shot At Glory“ vom 1990-er Album „Painkiller“ werfen Strahler von allen Enden der „Heugabel“ grelle Lichtblitze ins Publikum.
Faszinierende Duelle mit den Gitarren
Folgerichtig ist der nächste Song „Lightning Strike“ vom jüngsten Album „Firepower“. Perfekt fügt sich das Stück von 2018 ins Umfeld der älteren Songs. Judas Priest ist keine Band, die live nur noch ihre Erfolge aus den Siebzigern und Achtzigern herunterspult. Sie ist kreativ geblieben.
Hörenswert sind die Gitarren-Duelle zwischen Gitarrist Andy Sneap und dem 2011 zur Band gekommenen Richie Faulkner, der den Platz des legendären Highspeed-Saitenmagiers K. K. Downing eingenommen hat.
Für Downing gibt es in der Show eine Kurz-Hommage auf der Video-Leinwand. Ian Hill am Bass und Scott Travis am Schlagzeug machen im Hintergrund furios das Tempo.
Rob Halford trägt einen schlohweißen Bart
Alle Blicke aber zieht Rob Halford auf sich, nicht nur, wenn er zu „Hell Bent For Leather“ mit der schweren Harley auf die Bühne fährt. Der kahlköpfige Sänger in den nietenübersäten Lederkutten trägt einen langen schlohweißen Bart und ein funkelndes Nasen-Piercing.
In schweren Stiefeln stapft er eher bedächtig über die Bühne; nach einer eben überstandenen Prostatakrebs-Behandlung ist er nicht mehr so schnell wie früher. Aber Halford, der erste Metal-Künstler, der den Mut hatte, sich als homosexuell zu outen, ist unablässig in Bewegung.
Ein Schuss britischen Humors
Halford nutzt die gesamte Breite der Bühne, die wie die Gusshalle eines Stahlwerks aussieht, wo Schilder vor „Danger Of Death“ warnen und nur „Authorized Personnel Only“ Zutritt gewähren wollen.
Ein Schuss britischer Humor ist wohl das blaue Zeichen „Gehörschutz tragen!“. In diesem Stahlwerk ist es höllisch laut. Und genau so wollen es die Fans auch haben.
Kleiner Trost zum Schluss
Das 42 Jahre alte „Breaking The Law“ lässt Halford das textsichere Publikum singen, zur letzten Zugabe „Living After Midnight“, ebenfalls vom „British Steel“-Album, wimmeln Zeitraffer-Aufnahmen aus der nächtlichen Judas-Priest-Heimatstadt Birmingham über die Videowand.
Nach eindreiviertel schweißtreibenden Stunden geht das vorletzte Konzert der aktuellen Deutschland-Tour zu Ende.
Zum Trost leuchtet über der Bühne „The priest will be back“.
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