Eine blitzartige Erkenntnis, eine Erklärung für Unerklärliches: „Ich habe Nebel im Kopf. Sahne im Kopf. Wackelpudding im Kopf. Schmetterlinge im Kopf!“ Gelbe Merkzettel, die man beschriften und überall hin kleben kann, verkleinern die Angst: den Herd ausmachen, die Zähne putzen, Bett frisch machen, Wasser trinken, atmen. Irgendwann wird das Schicksal ausweglos: Nichts ist mehr im Kopf. Alles versinkt im Dunkeln. Und „ich bin nur noch ein fucking Schmetterling!“
„Demenz im Schmetterlingsgrund“: Das Publikum spendete viel Beifall
Auf diese Achterbahnfahrt der Fakten, Gefühlswelten und Wahrnehmungen der Krankheit Demenz nimmt eine Inszenierung von Regisseurin Nina Lorenz und eines Ensembles um Choreografin und Ausdruckstänzerin Johanna Knefelkamp mit. Die Premiere des Tanztheaters „Demenz im Schmetterlingsgrund“ am Sonntagabend (27. September) führte ein Publikum in die Kufa (Kulturfabrik in der Ohmstraße), welches diese Kombination von zeitgenössischem Tanz, Musik, Sprache mit langanhaltendem Beifall goutierte.
Damit entlud sich eine Anspannung, die sich während des 75-Minuten-Stücks greifbar aufgebaut hatte. Denn die Künstlerinnen Johanna Knefelkamp, Laura Saumweber, Elena Weber und ihr musikalischer Mitstreiter Lennie Gottberg erzählten mit ihrem enormen Körpereinsatz, mit Gesten und Mimik, mit Satzfolgen, mit einzelnen Worten, mit Klängen dermaßen berührend über das Krankheitsbild von Demenz, dass es packte.
Das Quartett eröffnete mit seiner herausragenden Kunst einen Raum für zwischenmenschliche, reflektierende und auch sozialkritische Erfahrungen. Diese künstlerische und vermittelnde Arbeit beruhte auf dem Konzept von Regisseurin Nina Lorenzund der Kulturförderpreisträgerin 2023 der Stadt Bamberg Johanna Knefelkamp. Basierend auf dem Theaterstück „dement depression revolution“ von Fritz Kater – dem Alter Ego von Intendanten und Autor Armin Petras – sammelten die beiden Frauen Symptome einer Demenz, um sie wertungsfrei und in allen Facetten für die Bühne aufzubereiten.
Und tiefsitzenden gesellschaftlichen Ängsten vor einem allmählichen Verlust von geistigen Fähigkeiten, von Hemmungen jeglicher Art zu begegnen. Damit bricht das Tanztheater „Demenz im Schmetterlingsgrund“ mit einem Tabu und wirkt der Stigmatisierung von Menschen mit Demenz entgegen.
Bei Demenz geht es nur Linderung, aber keine Heilung
Im Schmetterlingsgrund heißt die Protagonistin Auguste. Kaum erinnert sie sich an ihren Namen. Auguste Deter war Patientin des Psychiaters und Neuropathologen Alois Alzheimer, der 1906 die charakteristischen Veränderungen ihres Gehirns erstmals der Fachwelt vorstellte. Im Tanztheater sind alle Beteiligten diese Auguste. Eine von derzeit rund 270.000 Betroffenen allein in Bayern. Mit voranschreitender Alterung der Gesellschaft nimmt ihre Anzahl zu: „Es geht nicht mehr nur um Kindertagesplätze, sondern auch um die Frage: Was machen wir mit unseren Alten? Wer pflegt sie? Wer verdient an ihnen?“
Kritische Töne auf der Kufa-Bühne, die das Publikum hellhörig machten. „Es geht mehr um Gewinn als um die Menschen“, lautete ein weiterer Satz, gemünzt auf Pflegeheime oder Pharmaindustrie. Für Demenzerkrankungen gibt es keine Heilung, nur Linderung. Und wer steht den Angehörigen bei, „die mit gekidnappt werden?“ Die den schleichenden Verfall eines geliebten Menschen schmerzhaft erdulden? Auch für die Angehörigen hatte die Künstlercrew eine klare Botschaft: „Versprich nicht: Ich gebe dich nie in ein Heim. Versprich: Ich gebe dich nicht in ein Heim, solange es geht.“
„Demenz im Schmetterlingsgrund“ ist Teil der Bayerischen Demenzwoche
Für von Demenz Betroffene wie für ihre Angehörigen traf eine Feststellung gleichermaßen zu: „Mein Leben ist ein Pullover, ich muss ihn immer neu stricken, dass er passt.“ Traurige Poesie, dann ein harter Schnitt: „Kann es sein, dass es ein Menschenrecht auf sterben gibt?“ Eine konkrete Antwort blieb aus. Oder war dieser Einwurf schon eine: „Endlich hatte sie den Schlauch der Magensonde durchgebissen, nachdem sie ihn zehn Mal rausgerissen hatte.“
Mythen besagen, dass Schmetterlinge die Seelen verschwundener Toter sind. Dass Verstorbene durch Schmetterlinge sprechen und damit liebevolle Zeichen setzen. So war die Schlussszene des Tanztheaters ausgesprochen berührend: Der Schmetterling flog davon, hoch hinauf zur Sonne. In eine Art Paradies jenseits der belebten und bewohnten Welt.
Der Premierenabend war Teil der 7. Bayerischen Demenzwoche unter dem Motto „Festhalten, was verbindet“. Die vom Gesundheitsministerium seit 2019 initiierte Woche bietet Interessierten vor Ort eine Plattform, um sich über das Krankheitsbild sowie die Unterstützungsmöglichkeiten für Menschen mit Demenz und deren Angehörigen zu informieren. Der Information und dem Austausch diente auch das Podiumsgespräch nach dem Tanztheater. Fachkräfte aus den Bereichen Geriatrie, Pflege, Hilfen bei Demenz waren dazu eingeladen.
„Demenz im Schmetterlingsgrund“
- Die nächsten Aufführungen von „Demenz im Schmetterlingsgrund“ sind wieder in der Kufa zu erleben: Sonntag, 4. Oktober, 15 Uhr und 18 Uhr.
- Der Abendtermin schließt mit einem Podiumsaustausch unter der Moderation von Johanna Knefelkamp.
- Tickets gibt es bei Bücher Köstner, Vorderer Graben 6, Bamberg.














