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„Haben daneben gegriffen“
Nach Ehrung von AfD-Mann: Oberfrankens CSU selbstkritisch
Michael Genniges erhält oberfränkische Bezirksmedaille in Silber
Am 5. Mai erhielt Michael Genniges (AfD, Dritter v. li.) die Ehrenmedaille des Bezirks Oberfranken in Silber. Bei der Feierstunde von links  Bezirkstagspräsident Henry Schramm, Bezirksrat Johann Kalb (beide CSU), Genniges’  Ehefrau Elke Fichtner,   die Bezirksräte Florian Köhler (AfD), der Bürgermeister von Scheßlitz Michael Dippold, Klaus Peter Söllner (FW) und Thomas Söder (CSU), Regierungspräsident Florian Luderschmid und AfD-Fraktionsvorsitzender Mario Schulze. // Foto: Sabine Heid
Bamberg – Nach der Verleihung der Bezirksmedaille in Silber, der zweithöchsten Auszeichnung des Bezirks Oberfranken, an AfD-Islamgegner Michael Genniges zeigen die CSU-Vertreter im Bezirkstag Reue.

„Wir haben daneben gegriffen und Grund, Buße zu tun“, sagte CSU-Fraktionschef im Bezirkstag, Christian Meißner, am Donnerstag (11. Juni 2026) im Gespräch mit dem BR. Die Fraktion sei sich einig, dass sie Kandidaten für Ehrungen künftig genauer durchleuchten werde. Das sei im Fall Genniges nicht geschehen.

Mit fünf weiteren Preisträgern war der AfD-Politiker und ehemalige Buchhändler (der damaligen Buchhandlung Hübscher in Bamberg) Anfang Mai in einem Festakt auf Schloss Thurnau mit tragenden Worten mit der oberfränkischen Bezirksmedaille in Silber ausgezeichnet worden.

Im zweiten Anlauf hatten sich die Bezirksräte von CSU und AfD für den von der Rechtsaußenpartei vorgeschlagenen Michael Genniges ausgesprochen. SPD, Grüne und Freie Wähler hatten mit Nein votiert. Dem Bezirkstag gehören 18 Personen an. Die CSU hat acht Sitze, die AfD drei, die Freien Wähler drei, SPD und Grüne jeweils zwei. 

In seiner Laudatio lobte Bezirkstagspräsident Henry Schramm (CSU) den in sozialen Medien offen islamfeindlich auftretenden Genniges als „wichtigen Impulsgeber für Literatur, Dialog und gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Auf der Facebook-Seite des Bezirks Oberfranken hieß es danach: „Dieser Abend hat gezeigt, wie viel Herzblut, Verantwortung und Zusammenhalt in Oberfranken zu Hause sind.“

Von der von CSU-Chef Markus Söder oft beschworenen Brandmauer gegen die AfD war da keine Spur. In Oberfranken wurde sie – ohne jede Not – eingerissen.

Michael Genniges erhält oberfränkische Bezirksmedaille in Silber
Sieht die „Zeit des letzten Aufbäumens, bevor die Brandmauer einfällt“, gekommen: Der AfD-Politiker Michael Genniges erhielt mit Stimmen der CSU die oberfränkische Bezirksmedaille in Silber. // Foto: Sabine Heid

Bis April 2026 war Genniges Vorsitzender der AfD-Fraktion im Bamberger Kreistag. Auf der Kandidatenliste seiner Partei ist der 75-Jährige aktuell erster Nachrücker der bei der Kommunalwahl von fünf auf elf Mandate angewachsenen AfD-Fraktion.

Auf seiner Facebook-Seite verlangte Genniges unter anderem „ein Verbot der Werbung für den Islam, des Koran und eine Schließung aller Moscheen in Deutschland“ und tritt als Sympathisant von AfD-Rechtsauslegern wie Maximilian Krah in Erscheinung, wegen dessen verharmlosender Aussagen zur nationalsozialistischen SS die AfD im EU-Parlament aus der Fraktion „Identität und Demokratie“ (ID) ausgeschlossen wurde.

Michael Genniges auf seinem Facebook-Kanal: Entweder Bürgerkrieg oder Unterwerfung:

Das Mea Culpa des Lichtenfelser Landrats Meißner kommt einen Tag nach der Berichterstattung im Fränkischen Tag („Ehrung löst Entsetzen aus“ vom 10. Juni). Da war der moralische und publizistische Schaden schon entstanden.

Erst nach dieser und weiteren Medienberichten schauten sich die Bezirksräte den Geehrten genauer an. Und offenbar war die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) Bamberg gar nicht nach ihrem ehemaligen Vorsitzenden gefragt worden. Dort war Genniges im Streit 2021 abgewählt worden und von dort war massiver Protest gegen die Ehrung Genniges' gekommen. Nach Ansicht der DIG hat Genniges spätestens seit 2018 eine „eindeutige Entwicklung nach Rechtsaußen“ vollzogen.

Die DIG versteht sich als überparteiliche Organisation, die sich für ein gutes Verhältnis zwischen Deutschland und Israel einsetzt. Die Ehrung Genniges' unter anderem für sein Engagement gegen Antisemitismus, sei „irreführend“, kritisiert Bambergs DIG-Vorsitzender Jobst Giehler.

Genniges wies das zurück – das Eintreten für Juden und Israel halte er angesichts der durch die Nationalsozialisten verübten Verbrechen für selbstverständlich und auch aus „realpolitischen Erwägungen für die westlichen demokratischen Staaten“ für wesentlich.

Die Vorwürfe aus dem derzeitigen Bamberger DIG-Vorstand seien „persönlichen Aversionen eines einzelnen Vorstandsmitglieds“ geschuldet.

Bezirkstagspräsident Henry Schramm: Werden Regularien der Ehrungen überprüfen

Von CSU-Bezirkstagspräsident Henry Schramm ist anders als von Meißner keine Reue zu vernehmen. Er lässt mitteilen: „Zum Zeitpunkt meiner Entscheidung lagen keine rechtsstaatlichen Erkenntnisse vor, die gegen eine Zustimmung gesprochen hätten. Vielmehr überwog das ehrenamtliche Engagement des Vorgeschlagenen im kulturellen Bereich. Besonders hervorzuheben sind sein oberfrankenweites unternehmerisches Wirken als Buchhändler mit einer Vielzahl an öffentlichen Lesungen, auch speziell für Kinder, sein Mitwirken bei der Organisation des Bamberger Literaturfestivals sowie sein mehrjähriges Engagement als Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) in Bamberg. Deshalb habe ich der Verleihung zugestimmt.“

Allerdings würden die internen Abläufe und Regularien überprüft und gegebenenfalls angepasst, um bei künftigen Verleihungen klarer darstellen zu können, ob bei einer vorgeschlagenen Person strafrechtliche oder anderweitige Hinderungsgründe vorliegen könnten.

„Tauchen strafrechtliche Hinweise auf, müsste die Auszeichnung neu bewertet werden“

Immerhin lässt Schramm durchblicken, dass, sollten in der Causa Genniges derartige Informationen auftauchen, „der Vorgang natürlich neu bewertet werden müsste“.

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Demokratie verteidigt man nicht nur mit Worten, sondern auch mit Entscheidungen.

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Tim Pargent Landtagsabgeordneter (Bündnis 90/Die Grünen)

Den Bayreuther Grünen-Landtagsabgeordneten Tim Pargent macht die Auszeichnung an Genniges „fassungslos“. Mit ihr werde die Leistung all derer geschmälert, die dieselbe Auszeichnung erhalten haben und „sich ohne rechtspopulistische Agenda für unsere Gesellschaft“ einsetzten. „Die Brandmauer ist kein Wahlkampf-Slogan. Sie muss auch dann gelten, wenn es unbequem wird. Demokratie verteidigt man nicht nur mit Worten, sondern auch mit Entscheidungen.“

Genniges: „Letztes Aufbäumen, bevor die Brandmauer einfällt“

Während die Causa Genniges beispielhaft das Dilemma der demokratischen Mitte mit der Brandmauer gegen Demokratiefeinde zeigt, kommt bei dem umstrittenen Preisträger selbst Jubel auf. Der dpa sagte Genniges: „Ich finde gut, dass in dieser Frage die Brandmauer nicht zum Tragen kam. Die Aufregung der Brandmauerfetischisten gehört ja vielleicht in die Zeit des letzten Aufbäumens, bevor diese Mauer einfällt.“

CSU-Bezirksrat und Bamberger Altlandrat Johann Kalb ließ eine FT-Anfrage am Freitag (12.6.2026) unbeantwortet.

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