Psychologie
Die weise Eule Rasputin
Schau  mir in die Augen, Kleines – und finde die Weisheit…
Schau mir in die Augen, Kleines – und finde die Weisheit…
Darren Baker, stock.adobe
F-Signet von Marion Krüger-Hundrup Fränkischer Tag
Bamberg – Weisheitsforscherin Judith Glück und Franken von 17 bis 85 Jahren gehen dem Geheimnis der Weisheit auf den Grund.

Ruhig und gelassen sitzt Rasputin auf dem linken Arm von Judith Glück. Ihre Hand ist durch einen gepolsterten Lederhandschuh vor den Krallen der Eule geschützt. Nur gelegentlich öffnet Rasputin seinen gebogenen Schnabel und ruft kehlig. Streichelzart ist das weiß-braun-schwarz gescheckte Gefieder dieses Uhus. Doch es sind die bernsteinfarbenen Augen Rasputins, die faszinieren: Aus ihnen spricht alle Weisheit dieser Welt. „Er schaut einen mit diesen großen Augen wirklich so an, als würde er gerade tiefgreifende Gedanken über den Sinn des Lebens haben“, assoziiert Judith Glück diesen Vogel mit Weisheit.

Professorin Glück ist Weisheitsforscherin und hat den Lehrstuhl für Entwicklungs- und Pädagogische Psychologie an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt inne. Am Samstag, 19. März, wird sie zum Studientag „Das Prinzip Weisheit“ in Bamberg sein. Offen räumt die 52-jährige Wissenschaftlerin ein, dass sie trotz großer Forschungsprojekte immer noch keine endgültige Antwort auf die Frage gefunden hat, was Weisheit eigentlich ist. Zumal der Weg zur Weisheit lang, steinig, häufig steil und unbequem ist.

Die Professorin versucht, eine Art übergreifende Theorie zu formulieren, die die verschiedenen Weisheitsdefinitionen aus der Psychologie integriert. „Ein wichtiger Teil von Weisheit ist das tiefe Wissen, das man aus Lebenserfahrung gewinnt“, sagt Judith Glück. Dazu gehöre Wissen über das Leben im Allgemeinen, über Menschen und auch über sich selbst. Dabei sei Weisheitswissen eigentlich „Wissen über Nicht-Wissen“: „Vieles können wir nicht wissen, und man kann nie fixe Vorhersagen treffen“, weiß die Forscherin und fügt hinzu, dass „eine generelle emotionale Ruhe und Gelassenheit eine gewisse Haltung ermöglichen, die das eigene Wissen in schwierigen Situationen nutzen lassen“.

Professorin Glück fasst zusammen: „Weise Menschen verfügen nicht erst im fortgeschrittenen Alter über Ressourcen für ein gelingendes Leben.“ Sie seien offen für Neues und bereit, andere Standpunkte gelten zu lassen. Weise Menschen gingen klug mit eigenen Gefühlen um, könnten sich in andere hineinversetzen, wollten komplexe Zusammenhänge verstehen und würden sich selbst hinterfragen. „Weise haben die Einsicht, dass der Mensch nur eine begrenzte Kontrolle über die Dinge hat, die im Leben passieren.“

Weisheitsforscherin Judith Glück ist also zu einem Ergebnis über die Frage, was Weisheit eigentlich ist, gekommen. Andere suchen noch nach Weisheit: die 17-jährige Jule aus Priesendorf im Landkreis Bamberg etwa oder der 85-jährige Alois aus Bamberg.

„Weisheit kann man ja ganz verschieden definieren“, meint Jule. Weisheit könne bedeuten, „so in seinem Leben zu entscheiden, dass man ein gutes Leben hat“. Eine Grundvoraussetzung dafür sei, dass „man mit sich selber glücklich ist, dann kann man auch das Glück auf andere projizieren“, erklärt die junge Frau, die einräumt, dass „ich in meinem Alter noch nicht so viel zur Weisheit sagen kann, weil ich ja nicht so viel Lebenserfahrung habe“.

Judith Glück schaut dem Uhu Rasputin gern in die Augen.
Judith Glück schaut dem Uhu Rasputin gern in die Augen.
Glück

Wesentlich mehr Jahre auf dem Buckel hat Alois, der sich trotz seiner 85 Lenze nicht als weise bezeichnen will. Jedenfalls sagt er, dass „Weisheit für mich ein Fremdwort ist“. Weisheit könne vielleicht eher an einem Menschen erkannt werden, der die Lebenswirklichkeit heute wirklich wahrnehme und daraus sein eigenes Leben bestimme. Wer allerdings nur rational mit den Dingen umgehe, der „ist im Grunde genommen kein weiser Mensch, sondern er muss die Welt, die Menschen, auch lieben“, betont Alois. Er bezeichnet einen Menschen als klug oder weise, „wenn er sich nicht von den Ismen beeinflussen lässt, von Materialismus, Kapitalismus, Idealismus“. Ein weiser Mensch entwickle eine eigene Identität und sei stimmig: „Der hat irgendwie einen Klang, und dieser Klang wirkt auch auf andere. Solche Leute könnten weise sein“, sagt Alois nachdenklich.

Eine klare Antwort findet der 66-jährige Matthias aus Bamberg: „Weisheit ist für mich so eine Art Lebensklugheit, also Erfahrung vom Leben, die auch reflektiert ist.“ Er glaube jedenfalls nicht, so Matthias, dass „man Weisheit erlangen kann, indem man 50 Philosophiebücher liest und auswendig lernt und quasi versucht, das in mein Leben umzusetzen“. Es gebe auch Menschen, die keine große Schulbildung haben, die aber aufgrund ihrer Lebenserfahrung, ihrer Persönlichkeit, ihrer Reflexionsfähigkeit „einfach weise sind“.

Einen Schritt weiter geht der 72-jährige Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, der die Weisheit sogar in seinem bischöflichen Wahlspruch verankert hat: „Sapientia nobis a deo“ – Jesus Christus – Weisheit uns von Gott gegeben. „Jesus zeigt uns, wie wir weise, vernünftig, gläubig leben und wie wir miteinander umgehen können“, erläutert der Erzbischof. Jesus zeige auch, „was das Leben eigentlich ist, und was Sinn des Lebens ist“. Schick geht davon aus, dass „man weise wird durch Glaube und Vernunft, die zusammen gehören“: „Weisheit gibt zudem Glauben, Hoffnung und Liebe.“ Daraus werde der Antrieb, Geist, Herz, Verstand, Hände und Füße zum Wohl der anderen und zur Ehre Gottes zu gebrauchen, so der Erzbischof.

Weisheit gibt es natürlich nicht nur im Christentum, sondern auch als Begriff und als Konzept in anderen Religionen. Im Judentum und im Islam etwa. Zunächst fern von Religion und Theologie, hat für Professorin Judith Glück das Thema Weisheit eine hohe Relevanz im Blick auf andere Kulturen. In Asien etwa werde Weisheit stärker mit Bescheidenheit, Zurückhaltung und Orientierung am Gemeinwohl assoziiert, in den USA Weisheit mehr mit Intelligenz und Problemlösen, nennt die Forscherin Beispiele.

Wissen wir jetzt, was Weisheit ist? Halten wir uns an den weisen Uhu Rasputin. Er hat zwar einen Trainer, der ihn schult. Doch diese Bernsteinaugen, die alle Weisheit der Welt ausstrahlen, kann kein Lehrer herbeizaubern.

INFO: Studientag

Weisheit erleben: Am Samstag, 19. März, findet im Bistumshaus St. Otto in Bamberg der Studientag statt: „Das Prinzip Weisheit – Gelingendes Leben aus der Sicht von Religion und Psychologie“. Veranstalter sind die Katholische Erwachsenenbildung im Erzbistum Bamberg und der Dominikanische Freundeskreis hl. Katharina von Siena an St. Gangolf Bamberg. Referenten sind Professorin Judith Glück, Erzbischof Ludwig Schick, Pater Elias Füllenbach OP (Weisheit im Judentum) und Professorin Rotraud Wielandt (Weisheit im Islam).

Anmelden: Bis 9. März läuft die Anmeldefrist: KEB, Telefon 0951 502 2310, E-Mail: erwachsenenbildung@erzbistum-bamberg.de.

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