„Wir wollen den Einstieg in die emissionsfreien Verkehre schaffen und Erfahrungen sammeln.“ Nicht vielen in der Speditionsbranche geht dieser Satz so leicht über die Lippen wie Matthias Schellenberger. Der 47-Jährige ist Geschäftsführer von Pflaum Logistik in Strullendorf. Während in vielen Transportunternehmen Skepsis und Kritik gegen die von der Ampelkoalition in Berlin angestoßene Energie- und Verkehrswende überwiegen, will der Logistiker bei den Regierungsplänen mitgehen. Für einen Teil seiner Lkw-Flotte lässt sich sogar sagen, er fährt ihnen voraus.
Lkw-Maut verdoppelt sich fast
Denn schon seit 2021 rollen bei Pflaum über 100 Lkws mit flüssigem Erd- und Biogas vom Hof. Die CO2-reduzierten 40-Tonner werden in der firmeneigenen Tankstelle mit Bio-LNG („Liquefied Natural Gas“) betankt. Dass die Gasantriebe im neuen Bundesfernstraßenmautgesetz jetzt aber aus der Förderung fliegen, löst Kopfschütteln aus. Nach dem Beschluss des Bundeskabinetts wird die Straßenbenutzungsgebühr für Lastwagen zum 1. Dezember um eine Klimaabgabe von 200 Euro je Tonne Kohlendioxid (CO2). Der Preis für den Mautkilometer wird sich nach Berechnungen von Experten nahezu verdoppeln: Er steigt in der am wenigsten CO2 emittierenden Schadstoffklasse Euro 6 beispielsweise von 19 auf 34,8 Cent. Emissionsfreie Lkws werden dem Entwurf zufolge bis Ende 2025 von der Maut befreit, danach sollen sie einen um 75 Prozent reduzierten Mautsatz entrichten.
Keine Förderung für alternative Kraftstoffe
Doch für alternative Kraftstoffe wie Bio-LNG, Biomethan oder das aus alten Speisefetten gewonnene HVO100, die den CO2-Ausstoß bis zu 90 Prozent reduzieren, sieht das neue Mautgesetz keine Ermäßigung mehr vor. „Das Gesetz ist nicht zu Ende gedacht. Es werden lediglich Anreize für Elektro- und Wasserstofffahrzeuge gesetzt. Doch am Markt gibt es E-Lkws noch nicht in ausreichender Zahl und mit ausreichender Reichweite – und auch nicht die entsprechende Tank- und Ladeinfrastruktur“, umreißt Geschäftsführer Norbert Fehn (62) das Dilemma.
Dennoch hat man bei Pflaum bereits zwei vollelektrische Lkws angeschafft – von dem niederländischen Hersteller DAF. Kostenpunkt: je 346.000 Euro, der dreifache Preis eines vergleichbaren Diesel-Lkws. 80 Prozent des Mehrpreises werden dabei vom Bundesverkehrsministerium bezuschusst.
Die Begrenztheit heutiger E-Lkws ist die Reichweite
Die zwei CF Full Electric verfügen jeweils über je fünf Batteriemodule auf beiden Seiten des Fahrgestells und bringen damit 350 Kilowattstunden (kWh) auf die Straße. „Mit neun Tonnen wiegen die Zugmaschinen rund eine Tonne mehr als herkömmliche Diesel-Lkws“, sagt der stellvertretende Fuhrparkleiter Claus Freudensprung. Beinahe geräuschlos schleicht der Koloss zu einer der zwei E-Ladesäulen auf dem Betriebshof. „Die Maschine verursacht nicht nur keine Emissionen, sondern auch nur noch Abriebgeräusche“, ist Freudensprung begeistert von dem neuen Fahrgefühl. Doch er weiß auch um die Begrenztheit der ersten Generation der E-Lkws.
Denn mit einer Reichweite von 220 Kilometern sind die beiden DAF-Zugmaschinen für lange Strecken noch nicht einsatzbereit. „Wir setzen sie zunächst im Shuttleverkehr für einen regionalen Automobilzulieferer ein“, erklärt Schellenberger. Sechs weitere E-Lkws von Scania und Mercedes will man bis zum 1. Quartal 2024 anschaffen, die dann schon Reichweiten bis zu 320 Kilometern leisten.
Speditionen müssen auch in die Ladeinfrastruktur investieren
Zum höheren Anschaffungspreis kommen in Speditionen aber auch die Investitionen in E-Ladestationen. Bei Pflaum entsteht in den nächsten Monaten ein E-Ladepark mit sechs weiteren E-Ladesäulen, einer Photovoltaik-Anlage auf einem 13.500 Quadratmeter großen Hallendach und einem Batterie-Speicher mit 1075 kWh.
„Damit stellen wir sicher, dass die E-Zugmaschinen an allen Ladesäulen gleichzeitig grünen Strom aus der PV-Anlage tanken können, auch nachts“, betont Fehn.
Pflaum ist ein big fish in der Logistik- und Transportbranche
Das 1980 als Kurier- und Expressdienst gegründete Familienunternehmen hat sich zu einem big fish in der Logistik- und Transportbranche entwickelt.
Von dem Bamberger Vorort und acht weiteren Standorten in Deutschland aus starten 950 Lkws zu Zielen in Mitteleuropa. 1400 Menschen verdienen hier ihren Lebensunterhalt.
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