Die IG Metall lässt ihre Muskeln spielen. In der Nacht auf Dienstag, 29. Oktober, endet die Friedenspflicht der neuerlichen Tarifrunde – und pünktlich um 0.01 Uhr gehen in der ganzen Region Bamberg Bengalos der Metaller in Flammen auf. Rote Signallichter erhellen die Werkstore der heimischen Industrie.
Rote Leuchtfeuer bei Brose Bamberg
Bei Brose am Berliner Ring schwenken Mitarbeiter der Elektronikfertigung Leuchtfeuer in beiden Händen. Der Rauch mischt sich mit dem Nebel und wallt rot beleuchtet in den Nachthimmel. Sekunden nur, dann sind die Flammen erloschen. Die Aktion ist beendet.
Zeitgleich: Protestaktion bei Bosch Bamberg
Zeitgleich werden unter der berühmten Zündkerze bei Bosch Bamberg die Signalfeuer entzündet. „Klar ist, die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist angespannt, aber die Unternehmen schreiben ja trotzdem erhebliche Gewinne“, erklärt Felix Schick. Der stellvertretende Vertrauenskörperleiter bei Bosch Bamberg hat zusammen mit einigen Nachwuchskollegen die Aktion in der Robert-Bosch-Straße organisiert.
Mechatronikerin Mehrsa Mahmoodi und Industriemechanikerin Hermine Birk filmen das Feuerwerk mit ihren Handys. Dann wird alles schnell an die IG-Metall-Zentrale in der Starkenfeldstraße geschickt.
Konzertierte Aktion der IG Metall in der ganzen Region Bamberg
Denn auch bei Wieland Electric lassen Gewerkschaftler in der Nacht die Signalfeuer leuchten. Zeitgleiche Aktionen seien auch bei Schaeffler in Hirschaid und Höchstadt, bei Trench in Bamberg, Albea in Scheßlitz, bei Waasner in Forchheim, bei Innomotics Weiss in Maroldsweisach, bei FTE Valeo in Ebern und bei Kennametal Ebermannstadt geplant. Überall weht roter Rauch durch die Werkstore.
Die Botschaft ist klar: „Die Tarifrunde geht in die heiße Phase“, erklärt Martin Feder. Für den Ersten Bevollmächtigten der IG Metall Bamberg ist die konzertierte Aktion ein wichtiges Zeichen, um auf die Tarifrunde aufmerksam zu machen.
Drohnen filmen die Feuerwerke aus der Luft. Die spektakulären Bilder und Videos gehen wenig später in den sozialen Medien online.
Was die Gewerkschaft fordert und Arbeitgeber anbieten
Bislang gab es zwei Verhandlungsrunden in der laufenden Tarifauseinandersetzung. Die IG Metall fordert unter anderem eine Erhöhung der Entgelte um sieben Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Es ist die dritthöchste Forderung der vergangenen 30 Jahre. Die Arbeitgeber bieten bislang 3,6 Prozent bei einer Laufzeit von 27 Monaten.
Für Feder zu wenig: „Das Angebot der Arbeitgeber ist zu gering und es hat eine viel zu lange Laufzeit. Umgerechnet auf zwölf Monate entspricht es gerade mal 1,6 Prozent Entgelterhöhung, das deckt noch nicht mal die aktuelle Inflation.“
Werksschließungen bei Volkswagen überschatten den Tag
Freilich weiß auch Feder, dass ein besonderer Montag für die deutsche Industrie zu Ende geht. Am Morgen hat die Hiobsbotschaft aus dem VW-Betriebsrat die Runde gemacht: Volkswagen will mindestens drei deutsche Werke schließen. Tausende Stellen stehen im Feuer.
Die Volkswagen-Krise trifft Bamberger Firmen:
Ausgerechnet Volkswagen. Schon rechnen Ökonomen vor, dass bei VW auch der Haustarif ein Teil des Problems sei. Im deutschen Vorzeigeunternehmen galten traditionell Leistungen über dem Metall-Flächentarif.
Bei der IG Metall will man das so nicht stehen lassen. „In der Metall- und Elektroindustrie lag der Anteil der Lohnkosten am Umsatz im Jahr 2023 bei 16,1 Prozent“, rechnet Feder vor. Die Probleme bei Volkswagen sieht er woanders: So habe es VW unter anderem versäumt, technologische Entwicklungen voranzutreiben, beispielsweise im Bereich Software oder bei der Entwicklung eines wettbewerbsfähigen Batteriesystems.
Der Gewerkschaftssprecher erklärt: „Zusätzlich hat VW die Entwicklung auf dem Automarkt völlig falsch eingeschätzt und beispielsweise kaum gute Hybridfahrzeuge im Angebot. Statt diese Fehler einzugestehen und Veränderungen voranzutreiben, schaut man jetzt einseitig auf die Personalkosten und verlagert Werke und Produktion ins Ausland.“
Forderungen in der Flaute
Und trotzdem: Ist es nicht ein seltsamer Zeitpunkt, an einem Tag, wo die Nachricht von VW zur Werksschließung öffentlich wird, sieben Prozent mehr Lohn zu fordern?
„Tarifforderungen entstehen nicht von heute auf morgen“, antwortet Feder. Die Forderungsdebatte zur aktuellen Tarifrunde wurde schon im Frühjahr geführt und im Juni beschlossen. „Weiterhin spielt die wirtschaftliche Situation eines einzelnen, wenn auch großen Betriebs, für die Tarifforderung der Fläche keine Rolle. Die Metall- und Elektroindustrie ist mehr als nur Volkswagen“, kontert Feder. „Umgekehrt hatten wir in den vergangenen Jahren häufig Flächenabschlüsse, die deutlich unter der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit von VW, Audi, BMW oder Daimler gelegen sind.“
Hier das Aktions-Video der IG Metall Bamberg mit ACDC-Sound:
Kritik an der IG Metall wird laut
Kritik am harten Vorgehen der Gewerkschaft lässt dennoch nicht lange auf sich warten. „Die Forderungen der IG Metall passen überhaupt nicht in die Zeit“, erklärt etwa der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsförderung, Clemens Fuest, in der Tagesschau. Immerhin sei die Produktivität in Deutschland gesunken. Und gerade die Metall-Industrie sei von Krisen betroffen.
Das Argument der Gewerkschaft, höhere Löhne würden die Konjunktur ankurbeln, lässt der Ökonom Fuest nicht gelten – denn die Metall-Industrie produziere ja hauptsächlich für den Export.
„Die IG Metall weiß genau, dass man in Zeiten der Stagnation, wenn es schlecht läuft, nicht mit sehr hohen Lohnforderungen ankommt“, kritisiert Fuest – die geforderte Reallohnsteigerungen sei „nicht drin“.
Warnstreik bei Bosch Bamberg läutet heiße Tarifphase ein
Doch die IG Metall mit ihren 3,9 Millionen Beschäftigten in mehreren Schlüsselbranchen der deutschen Industrie meint es ernst. Das zeigt sie in der Nacht auf Dienstag – auch in Bamberg. Zum Auftakt der Warnstreiks legt die Nachtschicht bei Bosch Bamberg vier Stunden vor Schichtende um 2 Uhr ihre Arbeit nieder.
In den kommenden Wochen seien weitere Warnstreik-Aktionen in den Bamberger Metallbetrieben geplant, erklärt Feder weiter: „Es liegt an den Arbeitgebern, ob sie uns jetzt in der dritten Verhandlung am 31. Oktober ein vernünftiges Angebot vorlegen oder nicht. Wir sind bereit, die Warnstreik-Maßnahmen weiter auszubauen, da die Kolleginnen und Kollegen hinter uns stehen.“
Bisher gehört das alles zu den üblichen Drohgebärden in den Tarifverhandlungen. Reguläre Streiks sehen Experten noch nicht aufziehen, auch weil in den Verhandlungen bisher früh Angebote unterbreitet wurden. Der letzte harte Showdown mit regulären Streiks datiert laut ZDF zurück ins Jahr 2002.
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