Eigentlich hatte sich Brigitte Döll fest vorgenommen, nicht schon wieder zu weinen. Doch als die 67-Jährige an diesem Vormittag zwischen den leeren Verkaufsregalen in ihrem Einkaufsmarkt in der Ottostraße steht, kullern dann doch irgendwann die Tränen. Döll nimmt die Brille runter, sucht in den Taschen ihres Kittels nach einem Taschentuch und sagt fast entschuldigend: "Ich kann nicht anders. Das hier war mein Leben."
Am Karsamstag öffnet der kleine Supermarkt im Bamberger Süden zum letzten Mal. Für die Chefin und ihre Angestellten endet dann nach 30 Jahren eine Ära. Beim Abschiedsbesuch spürt man schnell: Für die Stammkunden verschwindet nicht nur eine praktische Einkaufsmöglichkeit direkt vor der Haustür. Viele verlieren einen beliebten Treffpunkt, einen Ort der Begegnung.
Zum durchklicken: Die letzten Tage im Hain-Einkaufsmarkt:
Im Minutentakt werden Döll an diesem Morgen Abschiedsgeschenke überreicht. Karten, Blumen, Gebäck: Die 67-Jährige weiß gar nicht mehr wohin mit den vielen Präsenten.
Mit einem Muffin in der Hand flitzt sie durch den Laden und macht das, was sie die letzten 30 Jahre am liebsten getan hat: ein kurzer Plausch hier, ein flotter Spruch dort. "Das war mir immer wichtig. Und das wird mir sehr fehlen." Das Verhältnis zu den Kunden sei immer herzlich gewesen. Besonders zu den vielen Kindern aus der Nachbarschaft. "Die trauern jetzt ganz arg."
"nah-und-gut" im Hain: eine Chefin und ihre Crew
Fehlen werden Döll auch ihre "feste Mannschaft", ihre treuen Angestellten. Einige, erzählt sie, hätten sie praktisch von Anfang an begleitet. Eine Kapitänin auf hoher See sei sie gewesen. Doch kein Schiff könne übers Wasser schippern, ohne eine funktionierende Crew. "Sie haben immer zu mir gehalten."
Markt im Hain: Gibt es einen Nachfolger?
Sollte der Markt im Hain weiterbetrieben werden? Brigitte Döll hat zu dieser Frage eine klare Meinung: Es muss passen, für alle Seiten. Sie könne die Einwände der Wohnungseigentümer verstehen. Gleichzeitig müsse das Objekt natürlich für den potenziellen Nachfolger attraktiv sein. "Es ist zweischneidig. Meiner Meinung nach würde die Größe aber sicherlich ausreichen."
Brigitte Döll wird die Entwicklung mit Interesse verfolgen. So hat ja jetzt viel Zeit. Endlich. In den letzten zwölf Jahren habe sie sich insgesamt eine Woche Urlaub gegönnt. Dazu kamen noch ein, zwei Krankenhausaufenthalte - ohne anschließenden Reha-Aufenthalt, versteht sich. "Ich musste ja zurück in den Laden. Das hier ist sowieso die beste Reha."
Was macht Brigitte Döll in Zukunft?
Wie es jetzt weitergeht? Über die Ostertage hat Döll noch alle Hände voll zu tun. Löhne, Rechnungen, Lieferscheine: lästige Büroarbeit. 40 bis 50 Kartons Papierkram, schätzt die Marktleiterin, haben sich in den letzten 30 Jahren angesammelt.
Und dann? "Das weiß ich noch nicht", sagt Döll. Erst einmal steht ein Umzug an. Döll hat sich eine Eigentumswohnung gekauft. Mit schlechtem Gewissen, wie sie sagt. Ihre Tochter habe sie irgendwann aber doch davon überzeugt, dass es jetzt endlich an der Zeit sei, sich etwas zu gönnen.
Und natürlich: Für einen netten Plausch mit den ehemaligen Stammkunden wird sie sich auch immer wieder im Bamberger Süden blicken lassen. Und wenn ihr irgendwann doch langweilig wird, so ganz ohne ihren Markt im Hain? "Dann suche ich mir einfach einen neuen Job", sagt Döll und lacht.
Lesen Sie auch:















