Maria Wagner sitzt auf der Bank vor ihrem Haus in Gaiganz und putzt Geranien. Sie trägt einen Kittel, darüber eine gestrickte Jacke und ein Kopftuch, unter dem ihr graues Haar steckt. An diesem Septembertag wirkt sie zunächst müde. Heute gehe es ihr nicht so gut, sagt sie. In wenigen Tagen, am 9. September, feiert sie ihren 101. Geburtstag.
Doch je länger sie erzählt, desto lebendiger wird sie. Eine ihrer Erinnerungen führt zurück in ihre Kindheit in Effeltrich. Maria Wagner, geborene Derfuß, wuchs dort als Tochter von Georg Derfuß und Elisabeth Schmitt auf. Zur Erstkommunion, zur „Baichd“, hätte sie gerne eine Tracht getragen. Doch ihre Eltern konnten es sich nicht leisten, eine anfertigen zu lassen. Das bekam die wohlhabende Bauernfamilie „Gröbbl“ mit und beauftragte eine Schneiderin, für die „Ecksta-Morie“, wie Maria gerufen wurde, eine Tracht zu nähen.
Genäht wurde sie von der „Pfötschn Näderer“: „Pfötschn“ war ihr Hausname, „Näderer“ bezeichnete ihren Beruf. Ein Foto erinnert bis heute an diesen besonderen Tag. Darauf steht die kleine Maria in ihrer Tracht vor der Erstkommunion und blickt stolz in die Kamera. Solche Erinnerungen sind es, die Familiengeschichte lebendig machen. Christian Zametzer versucht in der Serie „Abenteuer Ahnenforschung“, diese persönlichen Geschichten mit den Spuren in alten Kirchenbüchern und anderen Quellen zu verbinden.
Ahnenforschung im Landkreis Forchheim
Die direkte Linie der Derfuß lässt sich dabei über mehr als drei Jahrhunderte verfolgen. „Bei Maria Wagner kommen wir mit der direkten Linie der Derfuß bis zu Martin Derfuß zurück, der um 1703 geboren wurde, wahrscheinlich in Honings. Ganz sicher lässt sich das heute nicht mehr sagen. Genau das gehört zur Ahnenforschung dazu: Irgendwann werden die Quellen dünner, und hinter jedem neuen Namen tauchen neue Fragen auf“, sagt Zametzer.
Martin Derfuß heiratete vor 1723 eine Margareta, deren Nachname bislang unbekannt ist. Ihr Sohn Paul heiratete am 6. Februar 1741 in Effeltrich Elisabeth Albert. Von dort lässt sich die Linie Generation für Generation bis zu Maria Wagner weiterverfolgen. Zametzer betreibt seit vielen Jahren intensiv Ahnenforschung und stößt dabei in Effeltrich und der Umgebung immer wieder auf dieselben Familiennamen: Gütlein, Derfuß, Wagner, Stirnweiß, Kupfer, Singer oder Schmidtlein. Es zeigt, wie eng die Familien der Dörfer über Jahrhunderte miteinander verbunden waren.
Erinnerungen an Kirchweih in Effeltrich
Maria selbst heiratete 1950 Johann Alois Wagner und zog mit ihm nach Gaiganz. Das Paar bekam sechs Söhne. Zu ihrem langen Leben gehören auch schwere Schicksalsschläge. 1974 starb ihr Sohn Alfred mit nur 20 Jahren, zwei Jahre später ihr Mann Johann Alois. Viele Erinnerungen aber sind mit schönen Momenten verbunden.
Besonders lebendig wird Maria, wenn sie von der Effeltricher Kerwa erzählt. Ihr Gesicht hellt sich auf, und plötzlich beginnt sie ein Kerwalied zu singen: „Jetzt tanz ma halt den Betzn aus mit seina weißen Wolln, und wer nicht richtig tanzen ko, des ist a rechta Dolln.“ In diesem Moment sitzt da nicht mehr eine 100 Jahre alte Frau. Für einen Augenblick wird die Erinnerung so lebendig, dass vor dem inneren Auge wieder die junge „Ecksta-Morie“ erscheint, die mit ihrem Burschen und den anderen Paaren um den Kirchweihbaum tanzt. Die Kerwa war für die Dorfjugend weit mehr als ein Fest an einigen Tagen im Jahr.
Effeltrich: Betzenaustanzen zur Kirchweih
Schon im Winter traf man sich in den „Rockastubn“. Zunächst kamen die Mädchen zum Spinnen und zu anderen Handarbeiten zusammen, später kamen die Burschen dazu. Es wurde musiziert und getanzt. Dort lernten viele Jugendliche überhaupt erst das Tanzen, dort traf man sich, flirtete und machte aus, wer bei der nächsten Kerwa mit wem zum Betzenaustanzen antreten würde. Maria war mittendrin.
Ein Gruppenfoto von 1948 zeigt die Paare beim Betzenaustanzen. In der ersten Reihe steht sie in Tracht neben ihrem Tanzpartner Otto Heilmann. Der machte ihr damals ein Kompliment, das in der Familie bis heute weiterlebt und auf das Maria noch immer sichtlich stolz ist: „Ich hab‘ das schönste Mädchen zum Betzenaustanzen gefunden.“ Vielleicht liegt gerade darin die Bedeutung solcher Bräuche.
Kirchweih in Effeltrich gibt Zuversicht
Sie geben einem Dorf gemeinsame Höhepunkte im Jahr, schaffen Begegnungen und Erfahrungen, die weit über das eigentliche Fest hinausreichen. Was damals für Maria ganz selbstverständlich zur Kerwa gehörte, ist heute zu etwas Kostbarem geworden: zu Erinnerungen, die sie noch immer tragen und ihr Zuversicht geben. Wie tief diese Erinnerungen reichen, ist zu spüren.
Die schweren Zeiten ihres Lebens sind nicht vergessen, aber die Kerwa ist es ebenso wenig. Fast acht Jahrzehnte nach dem Foto von 1948 genügt ein altes Lied, und plötzlich ist vieles wieder ganz nah. Maria lächelt, ihre Augen funkeln und die Freude von damals ist für einen Moment wieder da.














