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Kunst aus der Fränkischen
Schöpfer des Kersbacher Kreisels porträtiert eine Stadt in Italien
Unzählige Zeichnungen von Harald Winter warten darauf, nach Castellabate verschickt zu werden.Forchheim & Fränkische Schweiz
Unzählige Zeichnungen von Harald Winter warten darauf, nach Castellabate verschickt zu werden. // Liliana Wopkes
500 Bilder sind inzwiscchen zusammen gekommen.Forchheim & Fränkische Schweiz
500 Bilder sind inzwiscchen zusammen gekommen. // Liliana Wopkes
Winter kann Menschen nur malen, wenn er sie auch kennt.Forchheim & Fränkische Schweiz
Winter kann Menschen nur malen, wenn er sie auch kennt. // Liliana Wopkes
Signet des Fränkischen Tags von Liliana Wopkes
Weilersbach – Im Weilersbacher Atelier von Harald Winter entstehen Arbeiten, die zeigen, was Kunst zu bewirken vermag. Er hat damit jetzt eine Stadt in Italien erobert.

Mit der Kunst ist es so eine Sache: Sie kann einen kaltlassen oder sie schleicht sich in die tiefsten Tiefen des Selbst ein und ruft Emotionen hervor, die man vielleicht nicht einmal benennen kann, die man also auch nicht für möglich gehalten hätte: Zuversicht und Lebensfreude in dunklen Zeiten genauso wie Angst oder Aggression in vermeintlich glücklichen Tagen. Häufig trifft es einen überraschend – die Begegnung mit der Kunst ebenso wie die eigene Reaktion darauf. Der Künstler wird, sollte er greifbar sein, mit diesen Reaktionen konfrontiert. So kommt es, dass Harald Winter in einer Stadt Wut entgegenschlägt, während er von einer anderen quasi adoptiert wird.

Winter gestaltet Plastiken und Installationen, ist Zeichner und Maler. Und mit seinen Arbeiten hat er eine mittelalterliche Stadt erobert.

Die Liebe begann vor 28 Jahren

Alles fängt mit einer Zugreise an. Vor 28 Jahren findet Winter im Zug nach Frankfurt eine liegengelassene Zeitung und darin eine kleine Annonce: „Castellabate – ein Ort für Individualisten“. Die Familie reist nach Italien, und dann noch einmal. Beim zweiten Mal findet Winter einen Freund, beim dritten Mal ein mittelalterliches Reihenhaus.

Die neue Welt erschließt sich der Künstler auf seine Weise: „Ich fing an, meine Umgebung abzuzeichnen, zuerst Bäume und Häuser.“ Einen Menschen muss Winter zuerst näher kennenlernen, bevor er ihn porträtiert, denn nur dann kann seine Zeichnung eine Geschichte über den Porträtierten erzählen – ist er zurückhaltend, ein Zyniker oder ein unverbesserlicher Pessimist? Beim Zeichnen „gibt es dann einen Punkt, an dem die Porträts anfangen zu sprechen“, erzählt Winter.

Allmählich lernt der deutsche Künstler immer mehr Stadtbewohner von Castellabate kennen und fängt an, sie zu porträtieren. Und mit den zunehmenden Bekanntschaften gibt es auch immer mehr Porträts in Castellabate. Es ist der noch nicht geplante Anfang eines inzwischen weit bekannten Projektes. Denn Harald Winter beschließt irgendwann, ein fortlaufendes Projekt daraus zu machen – mit dem Ziel, den Ort zeichnend zu porträtieren.

Erste Ausstellung in Neapel

2001 findet die erste Ausstellung im Goethe-Institut von Neapel statt. Die Nachricht spricht sich in Castellabate schnell herum. Kurzerhand organisiert ein Gemeindearbeiter einen Bus, und 50 „Castellaner“ fahren damit nach Neapel. „Auch jene“, schmunzelt Winter, „die nie in einer Ausstellung waren und Neapel gemieden haben wie die Pest“.

2010 folgt dann die bislang größte Ausstellung der Porträts im Palais der Vereinten Nationen in Genf. Dieses Mal mieten die „Castellaner“ zwei Lastwagen, stopfen sie voll mit italienischen Köstlichkeiten und fahren damit nach Genf. Harald Winter wurde endgültig adoptiert.

Zum Stadtjubiläum kommt jetzt die große Ausstellung

In diesem Jahr feiert das Weltkulturerbe Castellabate 900. Jubiläum. Die Stadt hat sich dafür auch eine Ausstellung der inzwischen etwa 500 Skizzen und Zeichnungen gewünscht; die Vorbereitungen laufen. Beendet ist das langjährige Projekt des Künstlers damit nicht. Castellabate und seine Menschen werden weiter ein wichtiger Teil von Harald Winters künstlerischem Schaffen sein. Intensiv wahrgenommen wird Winters Kunst auch in Forchheim, zum Teil äußerst kontrovers. Gemeint ist vor allem seine Installation an einer Stelle, die bereits vor 230 Jahren für Aufmerksamkeit sorgte – bei zwei großen Dichtern der deutschen Romantik, Ludwig Tieck und Heinrich Wackenroder. Die beiden unternehmen 1793 eine Reise in die Fränkische Schweiz und erreichen wahrscheinlich etwa an der Stelle des Kersbacher Kreisels die Gegend. Tieck und Wackenroder sind von der Idylle der Landschaft überwältigt und schreiben darüber.

Bekannt ist Winter auch für den Kersbacher Kreisel

Es ist die Sprachgewalt, eine Kunst also, die im Wesentlichen die Fränkische Schweiz berühmt macht. Tieck und Wackenroder vermögen ihre Eindrücke so in die Welt hinauszuschreiben, dass ihnen andere hierher folgen. Es kommen zunehmend mehr Künstler und Literaturbegeisterte, die mit eigenen Augen sehen wollen, was die beiden Dichter so kunstvoll beschreiben. In seiner Installation greift Harald Winter diese Geschichte deutend auf und erzählt sie weiter. Dafür stellt er einen Satz aus Tiecks Reisebericht in die Mitte des Kreisverkehrs. Und obwohl von offizieller Seite bestätigt wird, dass die Installation den Verkehr nicht behindert, stimmen dem viele nicht zu. Und nicht den zuständigen Behörden, sondern Winter schlagen Empörung und unverhältnismäßige Wut entgegen; ihm werden Prügel angedroht – und das Arbeitslager empfohlen.

Was ist geschehen? Hat Winters Kunst etwas berührt und Emotionen hervorgerufen, auf die viele nicht vorbereitet waren – schon gar nicht plötzlich, mitten im Alltag? Mittlerweile steht der Kersbacher Kreisel auf der Liste des Automobilclubs ADAC der elf außergewöhnlichsten Kreisverkehre der Welt, neben dem Pariser Arc de Triomphe. Es ist wieder ein Künstler, der weltweit auf das Außergewöhnliche in der Fränkischen Schweiz aufmerksam macht.

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