Nicht nur die Augen von Einrichtungsleiterin Cornelia Dorsch und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern leuchteten, als eine Puppenvilla in die Tagespflege in Mostviel einzog. Für die Demenzkranken ist das Puppenhaus täglich neu und Ruhepol zugleich.
Denn gerade diese Villa mit den wunderschönen Möbeln aus den 1920er Jahren und den liebevoll hergestellten Alltagsdetails als Inneneinrichtung gibt ihnen Halt in ihrem unsicher gewordenen Leben. „Es erinnert sie an ihr Zuhause“, sagt Dorsch und zeigt zu dem Puppenhaus, in dem sich das frühere Leben der Tagespflegegäste in Miniatur spiegelt.
Da ist der Vater, der auf dem Sofa liegt und ein Schläfchen hält. Die Schubladen in den Schränken und Kommoden lassen sich öffnen. Die Mutter in der Küche kocht, hat das Baby im Stubenwagen fest im Blick. Über dem alten Herd hängen gehäkelte Topflappen, eine kleine Kanne ist mit Kaffee gefüllt und ein Schaukelpferdchen wippt noch, weil ein Kind dort gerade geschaukelt hat.
Demenzkranke können Unwohlsein oft nicht mehr ausdrücken
„Unser Franz hatte auch so ein Schaukelpferdchen“, sagt eine ältere Frau. Es sind Erinnerungen an die Kindheit, die bei den Demenzkranken am längsten bestehen bleiben. Der Anblick und das Spielen mit dem Puppenhaus beruhigen laut Leiterin die Demenzkranken. „Es entspannt“, sagt Dorsch.
Denn manchmal seien die Dementen innerlich angespannt, wegen eines Vollmonds oder eines Wetterumschwungs zum Beispiel. Demenzkranke seien feinfühliger und könnten ihr Unwohlgefühl nicht mehr betiteln. Das Puppenhaus bringe ihnen Ruhe, ein Gefühl der Sicherheit durch die Erinnerung an ihre jungen unbeschwerten Jahre, als ihre Welt noch in Ordnung war, wenn sie von der Schule nach Hause gekommen sind und die Mutter das Essen auf den Tisch gestellt hat, wenn die Wäsche in den Schrank eingeräumt wurde. Vor allem die kognitive Welt war heil, und diese Erinnerungen daran sind trotz Demenz noch vorhanden.
Auch Jungen spielten mit Puppen
Aber auch für andere Gäste der Tagespflege ist das Puppenhaus eine Bereicherung. Die Männer und Frauen erzählen von ihrer Kindheit. Zu Fritz’ Kindheit war es durchaus normal, dass Jungen mit einer Puppe spielten. Auch aus Mais hatten sie sich Puppen gebastelt. Paula und ihre beiden Schwestern hatten ein eigenes Puppenhaus, nur kleiner. „Wir haben immer gestritten, wer zuerst spielen darf“, sagt Paula und lacht bei den Erinnerungen an ihre Kindheit in den Kriegsjahren. „Wir waren mit Mutter allein. Wir hatten eine schöne Jugend“, sagt Paula mit Glänzen in den Augen.
Das kleine Haus in Mostviel war eine Teilspende von Gerda Kummer. Sie hatte bereits einen kleinen Kaufladen verschenkt und dann diese 1,30 Meter auf 1,50 Meter große massive Puppenvilla mit Dachterrasse der Diakonie-Tagespflege in Forchheim angeboten. Die Villa hatte Kummer selbst restauriert, neue Bodenbeläge eingesetzt und die kleinen Vorhänge, Topflappen und andere Details liebevoll selbst hergestellt und dem Puppenhaus so atmosphärisch Leben eingehaucht.
Die kleinen Tischlampen leuchten dezent, können ein- und ausgeschaltet werden, selbst die wandhohe Pendeluhr kann geöffnet und die Pendel können bewegt werden. Die Diakonie-Tagespflege in Forchheim hatte keinen Platz für das Schmuckstück und fragte bei der Tagespflege in Mostviel an. „Wir waren schockverliebt“, schwärmt Dorsch von der Villa. Gleich darauf ist die Projektidee entstanden.
Zurück in die Zeit ohne körperliche Gebrechen
Da der untere Tagesraum ohnehin umgestaltet werden sollte und Dorsch und ihre Mitarbeiterinnen den Angaben zufolge biografieorientiert arbeiten, war das Puppenhaus ideal, um damit die Menschen bei ihrem früheren Leben abzuholen. Zugleich wurde das Wirgefühl des Teams gestärkt. Auch der kleine Kaufladen steht im Tagesraum und lässt die Menschen ebenfalls in ihre jungen Jahre eintauchen, in denen es noch keine körperlichen Gebrechen und kein Vergessen gab.
Cornelia Dorsch und ihr Team haben dann Hintergrundforschung betrieben. Warum wurden damals diese Puppenhäuser gebaut? Früher gab es ja nur wenige Spielwaren. „Die Mädchen waren so auf das Hausfrauendasein vorbereitet worden“, erklärt Dorsch. Für die Tagespflege ist das Puppenhaus ein Ruhepol für die Dementen, die das Haus bei jedem Besuch „zum ersten Mal“ sehen, oder die weniger Dementen, die einfach Freude haben, es einzurichten und damit zu spielen wie in jungen Jahren.
Ein Stubenwagen, das wär’s noch
Auch Martina freut sich über das Haus, hilft aber lieber, den Tisch im Tagesraum abzudecken. Gunda hatte auch Puppen, ohne Haus. „Ich hatte einen richtigen Kinderwagen, mit Steppdecke. Alles von meiner Oma bekommen“, sagt Gunda. Ein Original-Stubenwagen aus der früheren Zeit ist das nächste Möbel, nach dem Dorsch und ihr Team Ausschau halten. Auch das soll bei den Dementen gegen das Vergessen helfen.










