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Energiewende
Klimaschutz: Was Forchheim jetzt tun muss
Photovoltaik auf historischen Gebäuden ist auch in Forchheim umstritten. Denkmal- und Artenschutz würden künftig nicht mehr so stark berücksichtig werden können, ist sich der Klimaschutzexperte Professor Markus Brautsch sicher.Forchheim & Fränkische Schweiz
Photovoltaik auf historischen Gebäuden ist auch in Forchheim umstritten. Denkmal- und Artenschutz würden künftig nicht mehr so stark berücksichtig werden können, ist sich der Klimaschutzexperte Professor Markus Brautsch sicher. // Barbara Herbst / Grafik: SH
Forchheim – Der Ukraine-Krieg macht grünen Strom noch dringlicher. Auch Forchheim will klimaneutral werden. Doch ein Experte mahnt: „Wir müssen mutiger werden.“

Der Krieg in der Ukraine hat Deutschlands Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und russischen Rohstoffen schmerzhaft offen gelegt. Die explodierenden Preise und der drohende Gasstopp haben den Wunsch nach mehr erneuerbaren Energien noch dringlicher gemacht. Gleichzeitig fordert auch die Klimakrise weiterhin die Abkehr von fossilen Brennstoffen.

Klimaneutral heizen, wirtschaften, sich fortbewegen. Bayern will die Klimaneutralität bis 2040, ist von dem Ziel aber weit entfernt. Mehr Photovoltaik, nachhaltige Energie und Wärme, Treibhausgase reduzieren, die Bürger mitnehmen.

„Die Aufgaben sind gewaltig“, sagt der Experte für kommunalen Klimaschutz Professor Markus Brautsch von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden.Forchheim & Fränkische Schweiz
„Die Aufgaben sind gewaltig“, sagt der Experte für kommunalen Klimaschutz Professor Markus Brautsch von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden. // OTH Amberg-Weiden

Aber was ist in der Stadt Forchheim möglich – und was nicht? Warum in der Klimaneutralität für Forchheim nicht nur Herausforderungen sondern auch Chancen liegen, erklärt der Fachmann im Gespräch mit unserer Zeitung.

Sie haben im Forchheimer Stadtrat verdeutlicht, dass Deutschland und Bayern dem Ziel Klimaneutralität bis 2040 weit hinterherhinkt. Kann die Stadt Forchheim überhaupt klimaneutral werden?

Markus Brautsch: Das Ziel ist extrem ambitioniert, aber für Forchheim erreichbar, wenn die Stadt ihre Hausaufgaben macht. Aufgrund der stark ausgeprägten Industrie stellt die Klimaneutralität für Forchheim eine nochmals größere Herausforderung dar, aber es muss gelingen, dies wirtschaftlich und ökonomisch verträglich hinzubekommen.

Wenn man in Forchheim über Netzverbünde hinweg denkt und die Stadt eine Gesamtstrategie entwickelt, ist die Klimaneutralität erreichbar. Aber es bleibt extrem ambitioniert - vor allem die kommenden acht Jahre bis 2030. Wenn wir in Bayern auf dem jetzigen Pfad bleiben, erreichen wir das Ziel, klimaneutral zu werden, wohl erst in 2100 – mit allen Konsequenzen.

Ihr Institut betreut über 200 Kommunen in ganz Bayern in Klimaschutzfragen – wie weit ist Forchheim auf dem Weg zur Klimaneutralität?

Wir arbeiten seit fast 15 Jahren mit den Stadtwerken und der Stadt Forchheim zusammen. In engem Schulterschluss haben wir es bisher immer geschafft, wirtschaftlich sinnvolle und nachhaltige Projekte umzusetzen. Es gibt in Forchheim eine gute Entwicklung  - auch mit dem Klimaschutzmanagement und dem Beitritt ins kommunale Klimaschutz-Netzwerk.

Neben einer klaren Gesamtstrategie der Stadtverwaltung und der Stadtwerke braucht Forchheim ganz klar ein kommunales Energiemanagement. Auch eine eigene Dekarbonisierungsstrategie ist unerlässlich. Ein weiterer Punkt sind ein Bündel an Einzelmaßnahmen: mehr Eigenstromerzeugung, der Ausbau der Wärmeverbünde und Freiflächen-Photovoltaik.

Was sollte die Stadt Forchheim konkret in den kommenden acht Jahren tun?

Zum Beispiel das kommunale Energiemanagement umsetzen. Das muss man sich wie eine digitale Energieverbrauchserfassung aller kommunaler Liegenschaften vorstellen. Dadurch werden die Energieverbräuche softwaregestützt und in kürzeren Phasen erfasst: Wie entwickelt sich der spezifische Energiebedarf der jeweiligen Gebäude? Wo gibt es Ausreißer oder Schwachstellen? Letztendlich braucht es auch beim Klimaschutz einen „Systemswitch“ von der Zettelwirtschaft hin zu digitalen Lösungen.

Stichwort Photovoltaik: Städte wie Forchheim und Bamberg diskutieren darüber, ob es Photovoltaik auf historischen, denkmalgeschützten Gebäuden braucht oder diese verboten werden sollen.

Ja, Denkmalschutz oder auch Artenschutz stehen dem Klimaschutz oftmals im Weg. Diese Bereiche sind nicht unwichtig. Aber wenn wir uns klarmachen, in welchem Zugzwang wir stecken, bin ich ganz klar der Meinung: Denkmal- und Artenschutz werden wir künftig nicht mehr so stark berücksichtigen können. Genehmigungsprozesse von Klimaschutzmaßnahmen müssen kürzer, pragmatischer und privilegierter werden. Wir müssen beim Klimaschutz mutiger sein. Sonst kommen wir nicht voran.

Sie halten Klimaschutz auch für eine Chance. Warum und welche Rolle spielen dabei die Kommunen?

Die Städte und Gemeinden haben beim Klimaschutz einerseits eine Vorbildfunktion für die Bürgerinnen und Bürger. Wenn Kinder und Eltern zum Beispiel einen Kindergarten besuchen, der selbst Photovoltaik auf dem Dach hat. Diese Vorbildfunktion sollte man nicht unterschätzen!

Zweiter Punkt: Die Gemeinden und Städte setzen die Leitplanken zum Beispiel durch Bauleitverfahren, Bebauungspläne, in Wohn- und Gewerbegebiete. Das ist ein Riesenhebel. Das Ziel, dass wir aus der fossilen und nuklearen Versorgung rauswollen, vereint uns alle.

Seit dem 24. April und dem Krieg in der Ukraine wurde uns deutlich gemacht, dass es bei Erneuerbaren Energien nicht nur um Klimaneutralität, sondern auch um Versorgungssicherheit und Energieunabhängigkeit geht. Es ergeben sich auch viele Chancen und Möglichkeiten, Abhängigkeiten zu reduzieren und grünen und günstigen Strom aus der Region zu erhalten.

 

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