Dort leben, wo andere Urlaub machen – dieses Glück ist den Bewohnern von Gößweinstein und den anderen Gemeinden der fränkischen Schweiz vergönnt. Doch etwas trügt die Idylle. Denn obwohl am Gasthof Post und der gegenüberliegenden gleichnamigen Bushaltestelle in Gößweinstein an einem Dienstag im April zahlreiche Linienbusse anhalten, sitzt in den meisten von ihnen kaum ein Fahrgast. So wie in Gößweinstein sieht die Lage tagtäglich offenbar vielerorts im Landkreis aus.
Laut der Auswertung des Heimat-Monitors, der großen Leserumfrage des Fränkischen Tags, liegt der Mittelwert für die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr Landkreisweit bei 5,44 von zehn möglichen Punkten – nach oben noch deutlich Luft. Positive Bewertungen stammen vornehmlich aus dem Westen der Region – entlang der A 73. Insgesamt acht von 29 Gemeinden haben dem gegenüber aber eine Bewertung unter vier Punkten erhalten. Alle von ihnen liegen im Herzen der Fränkischen Schweiz. Besonders drastisch fällt das Urteil der FT-Leser in Hiltpoltstein (1,5), Gößweinstein (2,15) und Kunreuth (2,78) aus. „Den Busverkehr könnte man komplett weglassen, es fährt sowieso nie jemand mit“, heißt es auch in den freien Nennungen des Heimat-Monitors. Es falle auch nicht auf, dass der Bus manchmal ganz Wichsenstein weglasse.
Busfahren im Selbstversuch
Ob die Lage vor Ort tatsächlich so katastrophal ist, gilt es im Selbstversuch überprüfen. Ohne die Reise im Detail zu planen, fahre ich am Vormittag nach Gößweinstein. Meine einzige Information: Gegen 13.34 Uhr soll vom Gasthof Post ein Bus der Linie 226 nach Wichsenstein abfahren. Den will ich nehmen und herausfinden, wie schwierig es tatsächlich ist, hier mit dem Bus an sein Ziel zu kommen.
Vor Ort stelle ich fest, dass doch mehr Busverbindungen gibt, als erwartet. Beim zweiten Blick auf die Fahrpläne kommt jedoch Verwunderung auf. Nicht nur verfügen die Pläne über ein komplexes Fußnotensystem, das anhand von kryptischen Kürzeln wie AST (Anrufsammeltaxi), V14 (fährt nur an Schulfreien Tagen), V01 (fährt nur an Schultagen) oder RBu (Rufbus) erklärt, wann welcher Bus tatsächlich fährt. Daneben haben manche Linien auch eine Vielzahl an Variationen. Den Höhepunkt stellt hierbei die Linie 222 dar, die sich vom Gasthof Post aus in zehn Varianten aufspaltet – die sich oftmals nur anhand einzelner Haltestellen unterscheiden.
Darüber hinaus steht auf einem Fahrplan, dass er nur noch bis November 2021 gültig ist. Außerdem sind mehrere Fahrpläne übereinander angebracht. Dabei sind ausgerechnet die Haltestellen, die angefahren werden sollen verdeckt. Wer hier fahren will, muss den Fahrplan digital abrufen. Eine der betroffenen Verbindungen ist übrigens ausgerechnet die Linie, die ich nehmen will.
Fahrpläne sollten aktuell sein
„Ausgehängt werden die Busfahrpläne von uns als zuständiges Verkehrsunternehmen“, erklärt Klaus Singer, vom Busunternehmen Schmetterling Reisen, welches den Großteil der Linien im Raum Forchheim derzeit bedient, im Nachgang an meinen Selbstversuch. Getauscht würden die Pläne in der Regel etwa alle drei Jahre – oder wenn die zuständige Stelle des Landratsamtes Änderungen vornehme. „Dass inkorrekte Pläne aushängen, sollte natürlich nicht der Fall sein“, betont Singer. Käme es jedoch zu einem solchen Fehler, bitte das Unternehmen die Fahrgäste , Kontakt aufzunehmen. So könnte rasch ein aktueller Fahrplan ausgehängt werden. Für die Linienplanung selbst sei man jedoch nicht verantwortlich, erzählt er. Dies übernehme die zuständige Stelle am Landratsamt Forchheim.
„Die Vielzahl an Wegen bei einer Linie resultiert hauptsächlich daraus, dass der Schülerverkehr weitgehend über den ÖPNV abgewickelt wird“, heißt es seitens des Landratsamts auf Anfrage. Hier sei es erforderlich Orte und Ortsteile anzufahren, die während des restlichen Tages keine Anbindung haben, da sie unter der im Nahverkehrsplan festgelegten Grenze von 200 Einwohnern liegen. Den Fahrplan aufzuspalten mache in diesem Zusammenhang keinen Sinn, da noch mehr Linien nicht zu einer Vereinfachung des ÖPNV beitragen. Orte immer anzufahren, obwohl keine Nachfrage bestehe, nur um den Fahrplan zu vereinheitlichen, sei ebenso nicht zielführend.
Bus verpasst
Während ich auf meinen Bus warte, beobachte ich vom Gasthof Post aus die gegenüberliegende Haltestelle. Positiv überrascht stelle ich fest, dass sich gegen Mittag die Zahl der Fahrgäste deutlich zunimmt – die Kinder kommen aus der Schule. Es halten unter anderem die Linien 234 und 389. Außerdem passieren mehrere Reisebusse. Meine Linie 226 kann ich jedoch nicht erkennen. Das macht mir aber nichts aus, laut Fahrplan fährt dieselbe Linie nur etwa 26 Minuten später erneut. Kaum eingestiegen, erklärt mir der Fahrer des beinahe leeren Busses jedoch, dass er mich kurz vor Wichsenstein an der Station Haide aussetzen muss. Nur der vorherige Bus, den ich wohl übersehen habe, fahre in den Ort hinein. „Tatsächlich kommen zu Stoßzeiten auch Reisebusse zum Einsatz“, berichtet Klaus Singer. Diese würden von kleineren Unternehmen gestellt. Unter der Woche würde ein Schild im Fenster sie als Linie ausweisen. Dieses habe ich als ÖPNV-Laie wohl übersehen.
Vor der Pforte Wichsensteins angekommen, trifft mich die nächste Herausforderung: Zwar gäbe es laut Fahrplan nämlich bereits um 14:25 Uhr eine Rückfahrgelegenheit. Dabei handelt es sich jedoch um einen Rufbus. Den hätte ich im Voraus bestellen müssen. Der nächste Bus soll etwa anderthalb Stunden später kommen – auch nur auf Anfrage. Spontan mal den Bus in den Nachbarort zu nehmen, scheint hier nicht möglich zu sein. Da ich nicht warten will, mache ich mich zu Fuß auf den Rückweg. Nach etwa der Hälfte der Strecke in Hartenreuth nimmt mich ein Autofahrer mit. Als er von meinem Experiment hört, lacht er: Aufgrund solcher Erfahrungen fahre er lieber Auto.
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