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„Zur Sägemühle" in Großenohe
Wirtshaus ohne Alkohol – kann das funktionieren?
Vladimir Kloz und Kerstin Gößl vom Gasthof „Zur Sägemühle"Forchheim & Fränkische Schweiz
Vladimir Kloz und Kerstin Gößl vom Gasthof „Zur Sägemühle“: Zu zweit bewirtschaften sie den Gasthof, betreuen Ferienwohnungen und betreiben einen kleinen Hofladen. // Katharina Steinhäuser
Gastronomie
Großenohe – Vor einem Jahr hat der Gasthof „Zur Sägemühle“ in der Fränkischen Schweiz Alkohol von der Karte gestrichen. Der Grund: Ein persönliches Schicksal. Wie kommt das alkoholfreie Konzept bei den Gästen an?

Es ist Freitagnachmittag und einer der ersten sonnigen Schneetage in der Fränkischen Schweiz. Überall sind Schlittenfahrer, Langläufer und Spaziergänger unterwegs. Auch für die Gasthäuser ein perfektes Wetter, denn frische Luft macht bekanntlich hungrig.

Beim Gasthof „Zur Sägemühle“ in Großenohe bei Hiltpoltstein klopfen schon vor der offiziellen Öffnungszeit die ersten Gäste an. Koch Vladimir Kloz steht währenddessen noch in der Küche und bereitet alles vor – nüchtern. Das war viele Jahre davor keine Selbstverständlichkeit. Seit gut einem Jahr ist Vladimir Kloz trockener Alkoholiker. 

Lange hat der Koch und Wirt mit seiner Sucht gekämpft. Keine leichte Zeit, auch für seine Frau Kerstin Gößl. Nach mehreren gescheiterten Entzugsversuchen im Alleingang kommt Ende 2023 der Tiefpunkt und damit endlich der Schritt in die Entzugsklinik.

Danach gab es für das Wirte-Paar nur zwei Optionen: Entweder, den Gasthof für immer schließen oder der Alkohol muss weg. Sie entschieden sich für letzteres und stellten im Januar 2024 kurzerhand ihr komplettes Angebot auf alkoholfrei um. Die Reaktionen im Netz dazu sind gespalten. Viele fragen sich: Kann das in einer Biertrinker-Region wie Franken funktionieren?

Alkoholfreier Gasthof wird Besucher-Magnet

„Das letzte Jahr, das war wirklich fantastisch“, erzählt Wirtin Kerstin Gößl. Viele hätten ihnen wegen des alkoholfreien Konzepts schon die Insolvenz vorausgesagt. Doch das Gegenteil sei eher der Fall: „Wir haben im Februar 2024 genau den doppelten Umsatz vom Jahr 2023“. Im Sommer sei der Biergarten an manchen Tagen so voll gewesen, dass die Wirte Gäste wieder wegschicken mussten.

Viele Besucher kämen gerade wegen des rein alkoholfreien Angebotes. Am Vatertag, bei dem für viele die Tour mit Bier und Bollerwagen dazugehört, hätten vor allem Familien den Weg „Zur Sägemühle“ gefunden. Zum Beispiel, weil ein Familienmitglied mit einem Alkoholproblem zu kämpfen hat oder „weil am Nachbartisch nicht die Betrunkenen sitzen“. Auch über Weihnachten und den Jahreswechsel sei viel los gewesen, berichtet Kerstin Gößl. „Silvester waren welche extra aus München da.“ 

Gasthof „Zur Sägemühle"Forchheim & Fränkische Schweiz
Der Gasthof „Zur Sägemühle“ bietet seit Januar 2024 eine rein alkoholfreie Speise- und Getränkekarte. // Katharina Steinhäuser

Die Momente, in denen Gäste ein Problem mit dem rein alkoholfreien Angebot gehabt hätten, kann die Wirtin an einer Hand abzählen. Einmal sei eine größere Familie zufällig im Gasthof gelandet. Die Kinder hätten über Hunger geklagt und die Großeltern schon mit den böhmischen Knödeln geliebäugelt. Doch dann habe der Vater bemerkt, dass es keinen Alkohol gibt und sie seien wieder gefahren.

Auch ein Pärchen, dass zum Essen gekommen sei, habe wieder die Flucht ergriffen, nachdem sie das alkoholfreie Bier bemerkt hätten. In solchen Situationen bleibt Kerstin Gößl gelassen: „Da sag ich mittlerweile gar nichts mehr dazu, weil ich will keinen Streit oder irgendwas provozieren, sondern ich denke für mich: Denkt mal über euren Alkoholkonsum nach, wenn ihr ein Essen nur genießen könnt, wenn der Alkohol dabei steht.“ 

Leben nach der Sucht: Eine Herausforderung

Trotz der überwiegend positiven Rückmeldungen gibt es für das Wirte-Paar immer wieder Herausforderungen. Der Advent sei im Gasthof sehr ruhig gewesen. „Das war schon beängstigend“, erinnert sich Gößl. Auch die Nachwirkungen der Alkoholsucht hätten ihrem Mann zu schaffen gemacht. Er sei zwar jetzt trocken, trotzdem gebe es immer wieder schwierige Phasen.

„Das ist ein Prozess, das dauert seine Zeit“, erklärt Gößl, und wischt sich bei der Erinnerung an die schwere Zeit eine Träne weg. Auch sie ist noch mittendrin, die vielen Jahre der Sucht ihres Mannes zu verarbeiten. „Wie oft war ich dagestanden und hab die Tasche schon gepackt gehabt“, erzählt sie. Und doch sei sie immer dageblieben. Was ihr jetzt hilft, sind die vielen Gespräche mit Gästen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Das sei wie eine Art Therapie. 

Gasthof „Zur Sägemühle“: Pläne für 2025

Für das neue Jahr hat das Paar schon viele Pläne. Bisher hat der Gasthof nur Freitag bis Sonntag geöffnet. Ab Mitte Januar soll voraussichtlich auch der Montag offen sein. An diesem Tag soll es eine wechselnde, sehr begrenzte Speisekarte geben – ausgehend davon, welche Lebensmittel vom Wochenende übrig sind. Damit soll der Gasthof noch nachhaltiger werden. Ein Thema, das Kerstin Gößl sehr am Herzen liegt.

Kerstin Gößl vom Gasthof „Zur Sägemühle"Forchheim & Fränkische Schweiz
In ihrem Hofladen verkaufen Kerstin Gößl und ihr Mann die Eier von ihren Hühnern. // Katharina Steinhäuser

Auch der Hofladen in einem Häuschen neben der Gaststätte soll dieses Jahr wieder besser bestückt werden. Dafür sei 2024 einfach oft keine Zeit gewesen. Dort gibt es allerlei Selbstgemachtes, wie zum Beispiel Marmelade, Leberwurst, Eier von den eigenen Hühnern, aber auch vegane Aufstriche. Freunde und Familie bieten außerdem gehäkelte Tiere und Stricksocken an. Bezahlt werden kann auf Vertrauensbasis mit Bargeld oder per Paypal. 

Kerstin Gößl ist überzeugt, dass sie mit ihrem alkoholfreien Konzept auch andere inspirieren können. In diesem Jahr wollen sie sich mit ihrem Gasthof für die Tourismuskrone bewerben – eine Auszeichnung für innovative Unternehmen und Projekte in der Fränkischen Schweiz. „Das Jahr 2024, das war unsere Findungsphase, bis wir wieder unseren Weg gefunden haben, und jetzt können wir loslegen.“

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