0
17 Bäume gerodet
Philosophenviertel: Investor schafft überraschend Tatsachen
Das Gezerre um das Mammut-Projekt Philosophenviertel geht in die nächste Runde. Nun scheint es der Investor mit dem Bau ernst zu meinen.
Das Gezerre um das Mammut-Projekt Philosophenviertel geht in die nächste Runde. Nun scheint es der Investor mit dem Bau ernst zu meinen. // Stephan Großmann
Forchheim – Für die Stadt Forchheim ist das Philosophenviertel vom Tisch, die streitbare Investorengesellschaft aus Österreich legt nun aber los und rodet Bäume auf dem ehemaligen Jahn-Gelände. Wie es nun weitergeht.

Den beiden Arbeitern wird es egal sein. Stoisch entasten sie die letzten Reste der zum Teil wuchtigen Bäume, schichten sie neben dem kleinen Radweg hinter dem ehemaligen Jahngelände auf. Vermutlich ahnen sie nicht, welche symbolische Kraft ihr Tun für so manchen Forchheimer ausstrahlt. „Sieh, da tut sich also doch was beim Philosophenviertel“, raunen sich die Menschen beim Vorüberlaufen zu. Und ja, es tut sich was. Nur was eigentlich?

Philosophenviertel Forchheim: Investor schafft Tatsachen

„Wie angekündigt, haben wir nun mit der Bauvorbereitung begonnen“, erzählt an diesem kühlen Montag Ende Februar ein hörbar gut gelaunter Claus Krenstetter ins Telefon. Der Österreicher ist Geschäftsführer der Philosophenviertel Forchheim Beteiligungsgesellschaft sowie Geschäftsführer und Partner des österreichischen Investors WT 80 aus Wien. Er kümmert sich für den Großprojekt-Investor Friedrich Scheck um das Geschäft. Und das Geschäft heißt: Wohnungen bauen. Viele Wohnungen.

„Wir müssen jetzt noch bis Ende Februar, vor der Vegetationsphase, die Fläche freimachen, um schnellstmöglich mit den Vorbereitungen für die Baugrube beginnen zu können.“ Wer Krenstetters Ausführungen lauscht, läuft Gefahr, sich von dessen Enthusiasmus anstecken zu lassen. Denn grundsätzlich ist es eine sehr gute Nachricht für Forchheim, dass nun endlich die Bagger rollen zwischen Wiesent und Jahnstraße.

Als "bauvorbereitende Maßnahme" tituliert der Investor des Philosophenviertels die Rodung zahlreicher Bäume.
Als "bauvorbereitende Maßnahme" tituliert der Investor des Philosophenviertels die Rodung zahlreicher Bäume. // Christian Erlwein

Die Stadt wächst, mit ihr der Bedarf an Wohnraum. Aber wer den bisherigen Verlauf des Mammutprojektes Philosophenviertel verfolgt hat, weiß, dass ein Bagger allein noch nicht als Beweis für den Startschuss von Forchheims größtem Wohnbauprojekt der vergangenen Jahre herhalten kann.

WT 80, Stadt Forchheim und eine unrühmliche Baugeschichte

Zu lange schon brodelt es zwischen den Bauwilligen und der Stadt. Seit 2019 steht der Bebauungsplan, 2020 stimmte die Stadt Forchheim einem ein Jahr späteren Baubeginn zu. Als die Frist noch einmal verlängert werden sollte, sagte die Stadt Nein. Darüber hinaus konfrontierte Scheck die Verwaltung mit nicht abgestimmten Planungsänderungen (etwa der Idee, mehr Sozialwohnungen als zunächst gedacht zu bauen), welche der Stadtrat mehrfach ablehnte. Ein Hin und Her entspann, immer wieder setzte der Investor kleine bauliche Nadelstiche, nur erwuchs daraus noch keine einzige Wohnung. Bis heute nicht.

Ende 2022 empfahl der Planungsausschuss dem Stadtrat schon einmal, die Aufhebung einzuleiten. Doch man gab dem Investor eine letzte Chance, legte ihm das Ultimatum vor, bis zum 6. Oktober 2023 mit dem Bau des bereits abgestimmten Wohnprojekts begonnen haben zu müssen. Nichts geschah. Am 27. Oktober 2023 dann zog die Stadt die Reißleine und leitete die Aufhebung des Bebauungsplans ein.

Philosophenviertel Forchheim: Was bisher geschah

Hunderte Wohnungen sollen auf dem Jahn-Gelände bis 2026 entstehen

Davon unbeeindruckt zeigten sich die Herren Krenstetter und Scheck schon damals. „Wir bauen“, verkündeten sie. Dann wurde es lange still – auch weil zwischen Stadt und Investorenteam scheinbar nicht mehr viel Gesprächsbedarf bestand.

Nun, Ende Februar 2024, scheinen die Philosophenviertelmacher mit der plötzlichen Rodung erneut Tatsachen zu schaffen. Wie im Grünordnungsplan festgelegt, sind nun 17 Bäume gefallen, im Laufe der Baumaßnahme sollen dafür 51 Stammträger als Ersatz gepflanzt werden. Ob und wann das geschieht? Laut Krenstetter wolle man nun „zügig agieren, um den Zeitplan einhalten zu können“. Und der sagt das Jahr 2026 für den Ersteinzug voraus. Ob es schon bis zum Frühjahr 2026 klappt, wie anberaumt, will Krenstetter nicht behaupten. „Aber 2026 bleibt das erklärte Ziel.“

Claus Krenstetter, Geschäftsführer der Philosophenviertel Beteiligungsgesellschaft
Claus Krenstetter, Geschäftsführer der Philosophenviertel Beteiligungsgesellschaft // Stephan Großmann

90 sozial geförderte Wohnungen, keine mehr

Bis dahin sollen auf dem Jahn- und ATSV Sportgelände nördlich der Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße Hunderte Wohnungen, ein Ärztezentrum, eine Kita, Seniorenwohnen und ein Boardinghouse entstehen. Wie viele Wohnungen genau gebaut werden, darüber kursieren seit Anbeginn unterschiedliche Zahlen, je nachdem, wie die Quadratmeter gewichtet und zugeordnet werden. Auf Anfrage teilt Krenstetter am Montag nun mit, dass der Plan insgesamt 443 Einheiten vorsieht, inklusive den gewerblich genutzten Räumen. „Echte Wohnungen“ sollen es also weiterhin die 286 im Bebauungsplan erwähnten sein. 90 davon sozial gefördert.

So soll das Wohngebiet einmal aussehen.Forchheim & Fränkische Schweiz
So soll das Wohngebiet einmal aussehen. // Illustration: Philosophenviertel Forchheim Beteiligungsgesellschaft

Man wolle sich an den Bebauungsplan halten. Mit Einschränkungen. „Seit Aufstellung des Bebauungsplanes sind ein paar Jahre vergangen, energetisch und gesetzlich hat sich einiges getan seither. Das müssen wir selbstverständlich berücksichtigen.“ Es gehe um „marginale, aber zwingende Änderungen“, wie sich Scheck noch im Oktober 2023 ausdrückte.

Wie kommt der trotz der Ankündigung vom Herbst nun überraschende Schwung ins Baugeschehen bei Forchheims Politik an? Aus der Stadtverwaltung gibt es am Montag bis Redaktionsschluss keine Reaktion, Forchheims Kommunalpolitiker beäugen die neuesten Entwicklungen am Jahn weiterhin skeptisch. Zu oft habe man sich schon vertrösten lassen, zu viele Versprechen seien bisher gebrochen worden, zu oft habe man sich schon über das Vorgehen der Investoren ärgern müssen, heißt es querbeet durch alle Fraktionen. Grundsätzlich begrüßen sie natürlich, wenn endlich mehr Wohnraum entsteht. Aber nicht um jeden Preis.

Stadtrat Forchheim hat Einleitung der Aufhebung des Bebauungsplans beschlossen

Aktuell läuft das vom Stadtrat beschlossene Verfahren um die Aufhebung des Bebauungsplanes für das Philosophenviertel. Ausgang: offen. Das heißt aber auch, dass die damals erteilte Baugenehmigung weiterhin gültig ist, Krenstetter und die WT80 können auf ihrem Grund und Boden also loslegen.

Das aber ist genau die Frage, die sich viele Forchheimer kritisch stellen: Wollen sie wirklich loslegen? Oder tun sie nur so? Das werden die kommenden Wochen zeigen.

Lesen Sie auch:

 

Inhalt teilen
  • kopiert!