Wie viele Mieter in den mehr als 120 Wohnungen der Regnitzstraße 1 bis 7a über den Eigentümer längst den Kopf schütteln, ist nicht bekannt. Aber in einem Fall geht es um mehr als Frust. Es geht um das Überleben an sich.
28 Jahre alt war Karin Frank, als sie zusammen mit ihrem Mann Waldemar hier in das damals neue Miethaus in der Regnitzstraße 5a einzog. In eine Wohnung im fünften Stock, für das gehörlose Paar mit dem Aufzug problemlos zu erreichen.
Aufzug fällt mindestens bis Mitte September aus
Inzwischen ist Karin Frank 75 Jahre alt und schwer lungenkrank. Sie ist auf Sauerstoffgerät und Rollator angewiesen. Treppensteigen: unmöglich. „Seit einem Jahr fällt der Aufzug regelmäßig aus. Jetzt ist er ganz kaputt“, berichtet Sandra, die einzige Tochter des Ehepaars Frank. Sie wohnt in Fürth, kann sich deshalb nicht regelmäßig um die Eltern kümmern.
„Die Nutzung des Aufzuges ist … voraussichtlich ab der KW 38 wieder möglich. Wir danken Ihnen für Ihr Verständnis“, heißt es lapidar auf einem Aushang, der an den Aufzugtüren – nicht nur in Block 5a – zu lesen ist.
„Meine Mutter kommt nicht raus, kann seit etwa einem halben Jahr keine Arzttermine mehr wahrnehmen. Sie müsste zum Lungenarzt und ins Schlaflabor, sie jammert und weint“, schildert die Tochter verzweifelt.
Mahnung auch ohne Mietminderung
„Eine defekte Heizung oder fehlendes Warmwasser sind das eine. Aber man kann doch nicht so mit einem Menschen umgehen“, regt sich Rainer Zabiczer, Mieter im Wohnblock 1, auf. Er unterstützt das Ehepaar, indem er mitunter Einkäufe in den fünften Stock schleppt.
Zabiczer selbst hatte lange Zeit mit dem Vermieter Geduld, der Immobilienfirma P&P-Group in Fürth. Er verzichtete auf Mietminderung, obwohl auch er mit Warmwasser und Sprechanlage seine Probleme hatte und hat. Inzwischen hilft ihm ein Anwalt. Zabiczer hatte Mahnungen erhalten, er habe die Garagenmiete nicht gezahlt. Dabei ist diese laut Vertrag schon immer im Mietpreis enthalten.
„Warmwasser eine Glückssache“
Bilal Basic, der seit elf Jahren mit seiner Familie in Block 7 im fünften Stock wohnt, hat sich hingegen früh gewehrt. Seit einem Jahr mindert er die monatliche Miete nach eigenen Angaben um 100 Euro. Das seien ungefähr 15 Prozent.
„Bei uns geht der Aufzug, aber Warmwasser ist eine Glückssache“, berichtet er. Er hat in den vergangenen Monaten schon schlimmere Mängel erlebt. Nach einem Rohrbruch im Haus sei seine Wohnung voll Wasser gelaufen und die Tapeten hätten sich von der Wand gelöst, erzählt er. „Ich wurde immer vertröstet und die Hausverwaltung ruft nie zurück.“
Auch Yalcin Demir belastet die Situation. Der 68-Jährige wohnt im dritten Stock des Wohnblocks 5. „Meine Frau muss dreimal in der Woche zur Dialyse. Wenn der Aufzug kaputt ist, ist es sehr beschwerlich, sie über die Treppe nach oben zu führen“, sagt er.
Nach 47 Jahren eine Mahnung
„Man weiß nicht, was noch auf uns zukommt. Die wollen wahrscheinlich Grundsanieren und uns loswerden“, sagt Hildegard Fischer. Die Witwe lebt wie das Ehepaar Frank seit 47 Jahren hier.
Über ihren Anwalt Oliver Schmitz hat sie den Vermieter P&P im März informiert, dass sie die Miete um 15 Prozent kürzt, wenn besagte Mängel nicht beseitigt würden. Dadurch hat nun auch Fischer Mahnungen bekommen.
Nie eine Reaktion des Vermieters
„Kein Einzelfall“, bestätigt der Forchheimer Rechtsanwalt Oliver Schmitz, Spezialist für Mietrecht und Vorstandsmitglied des Mietervereins. Rund zehn Fälle in der Regnitzstraße seien ihm bekannt.
„Es geht immer um Mängel, in unterschiedlicher Form in den einzelnen Häusern“, sagt er. „Die ich anwaltlich vertrete, die machen alle eine Mietminderung.“ Eine Reaktion des Vermieters, dass zum Beispiel ein Mangel nicht vorhanden sei, habe es nie gegeben.
Die Mahnschreiben an die Mieter enthielten dann laut Schmitz „völlig dubiose Zahlen“. In einem solchen Fall werde auf die Mietminderung verwiesen und der Darstellung widersprochen.
Mahnbescheid des Amtsgerichts
Auch Waltraud Limbrunner hat Mietminderungen vorgenommen. Wegen kalter Wohnung und fehlendem Warmwasser im Winter um 70 Prozent, aktuell kürzt sie um zehn Prozent die Miete. Auf die Mahnungen hat sie bisher nicht reagiert.
Auch nicht auf das Schreiben eines Inkasso-Büros. Die Folge: Plötzlich flatterte ihr ein Mahnbescheid des Amtsgerichts Coburg ins Haus. Antragsteller: die P&P-Gruppe.
Immerhin hat Limbrunner nun Widerspruch eingelegt. Denn das zentrale Mahngericht in Coburg hat nur das in diesem Fall übliche Verfahren eingeleitet. Ob dem Antragsteller der Anspruch zusteht, hat es dagegen nicht geprüft.
Schwierige Kontaktaufnahme
Ende Mai hat sich auch Oberbürgermeister Uwe Kirschstein (SPD) ein Bild von der Situation an der Regnitzstraße gemacht und mit Bewohnern gesprochen. Dabei sicherte er zu, den Kontakt mit dem Vermieter zu suchen.
Ein Gespräch sei bis jetzt allerdings noch nicht zustande gekommen, berichtete Kirschstein auf unsere jüngste Anfrage.
Karin Frank sitzt unterdessen quasi fest. Die Miete haben sie und ihr Mann nicht gekürzt. „Es geht nicht um irgendeinen Geldbetrag, es geht um die Lebensqualität, die Freiheit meiner Mutter“, sagt Tochter Sandra.
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