Gerichtsverhandlung
Karriere-Höhenflüge sind für 19-Jährigen vorbei
Was hier ein junger Mann auf einer Pumptrack, also auf einer abgeschlossenen Übungsstrecke, ausprobiert, einen so genannten Wheelie, sollte man auf öffentlichen Straßen tunlichst unterlassen. Überhaupt, wenn man Marihuana einstecken hat und die Po...
Was hier ein junger Mann auf einer Pumptrack, also auf einer abgeschlossenen Übungsstrecke, ausprobiert, einen so genannten Wheelie, sollte man auf öffentlichen Straßen tunlichst unterlassen. Überhaupt, wenn man Marihuana einstecken hat und die Polizei in der Nähe ist. Sonst geht’s vor Gericht.
Foto: Mathias Hoch
F-Signet von Helmut Will Fränkischer Tag
Haßfurt – Begegnung mit der Polizei: Ein junger Beamtenanwärter fällt nicht nur mit „Wheelie“-Fahrkünsten auf dem Fahrrad auf.

„Wheelie“, das bedeutet das Fahren auf dem Hinterrad, wurde einem angehenden Beamtenanwärter, der den gehobenen Dienst in einer bayerischen Behörde anstrebte, zum Verhängnis. Im Dezember 2021 zeigte er in einer Stadt im Maintal seine Fahrkünste auf dem Fahrrad, indem er mehrmals auf dem Hinterrad fuhr.

Das ist einem Polizeibeamten aufgefallen, der in Zivil mit einem weiteren Kollegen im Dienst war und ihn deshalb zur Rede stellen wollte.

Als er den Dienstausweis sieht, will der Radkünstler die Flucht ergreifen

Zunächst schien es auch so, als ob der Angeklagte, zur Tatzeit 19 Jahre, der Weisung des Polizeibeamten zum Anhalten folgen werde, wie dieser vor Gericht schilderte. Als er aber dann etwa drei Meter vor ihm gestanden sei und er ihm seinen Dienstausweis entgegengehalten und sich als Polizeibeamter zu erkennen gegeben, habe der junge Mann und rechts an ihm vorbeifahren wollen, um sich der Kontrolle zu entziehen.

Der 19-Jährige wurde von der Reaktionsschnelligkeit des Polizisten überrascht. Dieserbekam ihn am linken Arm zu fassen. Darauf wurden beide umgerissen und stürzten, wobei sich der Polizeibeamte an Kopf, Knie und Fußgelenk verletzte, so dass er zehn Tage dienstunfähig war und noch länger Schmerzen im Knie empfand.

Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte

Die Staatsanwältin wertete das in ihrer Anklageschrift als Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, fahrlässige Körperverletzung und einen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, da die Beamten bei dem Angeklagten auch etwa zehn Gramm Marihuana fanden. Ergo: Der junge Mann sei nicht in der Lage gewesen, ein Fahrzeug sicher zu führen.

„Mein Mandant war nicht fahruntüchtig, sonst hätte er nicht auf dem Hinterrad seines Fahrrades fahren können“, sagt der Verteidiger

Für den Angeklagten, der sich zunächst selbst nicht äußerte, gab sein Verteidiger eine Erklärung ab. Sein Mandant sei nicht fahruntüchtig gewesen, sonst hätte er nicht auf dem Hinterrad seines Fahrrades fahren können, meinte der Anwalt. Er habe wohl auch nicht erkannt, dass es Polizeibeamte waren, die ihn kontrollieren wollten, und außerdem fand der Verteidiger es unverhältnismäßig, dass der Polizeibeamte den jungen Radfahrer vom Fahrrad geholt habe. Das Bundeszentralregister wies für den Angeklagten keinen Eintrag auf.

Er wurde von seinem Dienstherrn entlassen, seine Beamtenkarriere musste er an den Nagel hängen

In der Folge der Sachbehandlung hatte sich der Angeklagte, wie die Polizeibeamten der Inspektion in Haßfurt weiter Auskunft gaben, reuig gezeigt, sei kooperativ gewesen und habe auch zugegeben, dass er um die Mittagszeit einen Joint geraucht habe. Der Angeklagte habe damals immer wieder betont, dass nun sein beruflicher Werdegang gefährdet sei, was sich im Nachhinein als richtig herausstellte. Er wurde von seinem Dienstherrn entlassen, seine Beamtenkarriere musste er an den Nagel hängen.

Der zweite Polizeibeamte bestätigte die Angaben seines Kollegen und sagte, dass der Angeklagte von sich aus zugegeben habe, Betäubungsmittel mitzuführen. Bei einer Wohnungsdurchsuchung sei nichts weiter an Drogen gefunden worden. „Da war alles blitzsauber“, sagte der Beamte. Die

Kein Eintrag im Bundeszentralregister und in geordneten familiären Verhältnissen aufgewachsen

Vertreterin der Jugendgerichtshilfe sagte, dass der Angeklagte in geordneten familiären Verhältnissen aufgewachsen sei und das Abitur abgelegt habe. Vermutlich müsse er an seinen ehemaligen Dienstherrn Ausbildungsbezüge von 20.000 Euro zurückzahlen und ebenso die Krankenkosten für den verletzten Polizeibeamten (3000 Euro).

Die Staatsanwältin sah in ihrem Plädoyer den Tatbestand wie angeklagt erfüllt. Sie zweifelte nicht daran, dass der Angeklagte die Polizeibeamten hätte erkennen müssen. Was er gemacht habe, sei auch keine jugendtypische Handlung gewesen, weshalb Erwachsenenstrafrecht anzuwenden wäre.

Nicht vorbestraft

Sie beantragte für ihn 40 Tagessätze zu je zwölf Euro, also eine Geldstrafe von 480 Euro. Zugute hielt sie ihm, dass er einen guten Eindruck hinterlassen habe und der Polizei gegenüber kooperativ gewesen sei. Der Verteidiger sagte in seinem Plädoyer, dass sein Mandant zur Tatzeit keine Ausfallerscheinungen hatte, eine Ermahnung ausreichend wäre und keine Verurteilung erfolgen sollte, auch im Hinblick auf die für ihn katastrophalen beruflichen Folgen. Auch sei Jugendstrafrecht anzuwenden.

Das Gericht spricht den jungen Angeklagten schuldig

Das Gericht sprach den Angeklagten wegen fahrlässiger Körperverletzung und wegen des Erwerbs von Betäubungsmitteln schuldig. Er hat an den verletzten Polizeibeamten innerhalb von sechs Monaten 500 Euro zu bezahlen, von der Auferlegung der Gerichtskosten wurde abgesehen. Das Urteil ist rechtskräftig.

Lesen Sie auch:

Inhalt teilen

Oder kopieren Sie den Link: