Dorferneuerungspreis
Warum ein Wiener auswandert
Bildschön: Das renovierte Bauernhaus der Familie Vierneusel in Rügheim war ein Anlaufpunkt der Jury.
Bildschön: Das renovierte Bauernhaus der Familie Vierneusel in Rügheim war ein Anlaufpunkt der Jury.
Foto: Martin Schweiger
Hofheim i. UFr. – Die „Hofheimer Allianz“ hat sich außergewöhnlich entwickelt. Woran liegt es, dass Leerstände hier doch wieder genutzt werden?

Warum kehrt ein Wiener der österreichischen Weltstadt den Rücken und siedelt sich im Hofheimer Land an? Was bewegt einen IT-Fachmann aus Wiesbaden, sich in Bundorf ein altes Haus zu kaufen?

Diese Fragen stellte Hofheims Bürgermeister und Vorsitzender der Gemeindeallianz „Hofheimer Land“ beim Besuch einer international besetzten Jury in dieser Woche. Sie ist auf der Suche nach dem Sieger des Europäischen Dorferneuerungspreis.

Mit den Fragen lieferte sich Wolfgang Borst selbst eine Steilvorlage, um der Jury die positiven Ergebnisse der Arbeit der letzten 15 Jahre zu präsentieren. Der Wiener und der Wiesbadener Neubürger kamen nämlich – so Borst – nicht nur wegen der Natur und der Idylle in die Haßberge.

Warum kömmen die Neubürger hierher?

Ausschlaggebend sei der schnelle Internetanschluss gewesen, der es den beiden erlaubt, per Homeoffice ihre Arbeit erledigen zu können. Die beiden Neubürger stehen nur exemplarisch für andere Zuzüge ins Hofheimer Land. Insgesamt konnten in den letzten 15 Jahren – seit Bestehen der Allianz – 340 Leerstände revitalisiert werden. 121 Baulücken innerorts ließen sich schließen, ein Ausbluten von Ortschaften vermeiden.

Ein Wermutstropfen für Bauherren, die lieber auf der grünen Wiese ihr Wunschhaus errichtet hätten, ist die Tatsache, dass 92 Bauplätze zurückgenommen wurden – entsprechend der Devise „Innen- vor Außenentwicklung“, die sich die Allianz auf die Fahnen geschrieben hat. Insgesamt konnten dadurch 45 Hektar an Fläche in den letzten zehn Jahren eingespart werden, berichtete Borst. Bauherren werden von der Allianz unterstützt. Sie erhalten eine kostenlose Architektenberatung, einen Sanierungszuschuss und eine Energieberatung.

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Außerdem wird für die Entsorgung des Bauschutts gesorgt. Das Konzept hat Erfolg. Während das Hofheimer Land bis 2010 einen Bevölkerungsverlust bis zu 20 Prozent jährlich verkraften musste, wandte sich das Blatt 2014. Seitdem ist die Region mit sieben Gemeinden und 53 Ortschaften eine Zuzugsregion, in der mittlerweile 62 Nationen leben.

Allein im Stadtgebiet Hofheim leben Bürger aus über 50 unterschiedlichen Nationen, so Borst. Auch der Pendlersaldo drehte sich. Mittlerweile gibt es mehr Ein- als Auspendler. Die Zahl der Arbeitsplätze stieg durch ein Förderprogramm von 1700 im Jahr 2004 auf rund 2600 heute, so der Allianzchef. Möglich sei dies nur gewesen, weil alle Bürgermeister an einem Strang ziehen.

Rundfahrt im Oldtimer-Bus

Nach der Informationsveranstaltung im Hofheimer Bürgerzentrum konnten sich die Jury-Mitglieder bei einer Rundfahrt mit einem Oldtimer-Bus von den Investitionen überzeugen. Von der Hofheimer Altstadt mit etlichen Gebäudesanierungen ging die Fahrt am Kombibad vorbei zum Klosterkeller nach Eichelsdorf, der derzeit zum Dorfgemeinschaftshaus umgebaut wird. In Friesenhausen besichtigte die Kommission ein vegetarisches Cafe mit Kleinkunstbühne, das in einem alten Bauernhaus errichtet wurde. Weiter ging’s zur Alten Schmiede in Happertshausen, die ebenfalls zum Dorfgemeinschaftshaus wird.

Die Jury des europäischen Dorferneuerungspreises machte am Mittwoch Halt in Rügheim vor dem Brauhaus und besichtigte es auch. Rainer Huth, Vorsitzender des Brauvereins Rügheim (hinten mit erhobenem Arm), referierte zur Geschichte des renovierten Brauhauses.
Die Jury des europäischen Dorferneuerungspreises machte am Mittwoch Halt in Rügheim vor dem Brauhaus und besichtigte es auch. Rainer Huth, Vorsitzender des Brauvereins Rügheim (hinten mit erhobenem Arm), referierte zur Geschichte des renovierten Brauhauses.
Foto: Martin Schweiger

Über den Dorfladen mit Mehrgenerationenwerkstatt in Aidhausen und das jüdische Museum Kleinsteinach ging die Reise zum Bürgerhaus in Mechenried und von dort zum Endpunkt der Reise nach Rügheim, wo das ehemalige Schulhaus zum Dorfgemeinschaftshaus umgebaut wurde. Im ebenfalls renovierten Brauhaus stärkten sich die Jury-Mitglieder bei selbstgebrautem „Brauhaus Spezial“ und Bratwürsten.

Jetzt schon Dorferneuerungspreis-Sieger?

Jury-Mitglied Beatrix Drago zeigte sich beeindruckt. „Ihr könnt Euch jetzt schon als Gewinner fühlen“, lobte sie die mitgereisten Bürgermeister. Jury-Mitglied Helmuth Innerbichler ging sogar noch einen Schritt weiter: „Ich habe meine Meinung schon gebildet. Wir sehen uns bei der Preisverleihung“, sagte er.

Insgesamt bewerben sich 26 Regionen aus elf Nationen um den Europäischen Dorferneuerungspreis. Die Gemeindeallianz „Hofheimer Allianz“ wurde als Repräsentant des Freistaats Bayern ausgewählt.

Die Entscheidung fällt am Mittwoch, 29. September. Der Preis wird im oberösterreichischen Ort Hinterstoder verliehen, der 2018 als Sieger hervorging. Den erfolgreichsten Teilnehmern winkt ein Eintrag auf einer Online-Roadmap der besten Dorf- und Gemeindeentwicklungsprojekte Europas.