Arbeitsmarkt
Selbst Lehrstellenwechsel möglich
IT oder Büro – dahin zieht es die jungen Leute, Berufe, die ihnen unattraktiv erscheinen, steuern sie nicht an. Die Agentur für Arbeit bewegt sich bei der Vermittlung von Ausbildungsstellen auf einem Parkett, dass sich 2017 zu entwickeln begann.
IT oder Büro – dahin zieht es die jungen Leute, Berufe, die ihnen unattraktiv erscheinen, steuern sie nicht an. Die Agentur für Arbeit bewegt sich bei der Vermittlung von Ausbildungsstellen auf einem Parkett, dass sich 2017 zu entwickeln begann.
Foto: Christian Licha
F-Signet von Christian Licha Fränkischer Tag
LKR Haßberge – Die Agentur für Arbeit kann im Landkreis Haßberge so gut wie alle Jugendliche vermitteln. Betriebe müssen sich ihren Nachwuchs ziehen.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf dem Ausbildungsmarkt sind deutlich zu spüren. Das zeigt die Bilanz der Agentur für Arbeit, die am Donnerstag in Haßfurt die Zahlen für den Dienstbereich Landkreis Haßberge vorgestellt hat. Geschäftsstellenleiterin Franziska Schnitzer, Bereichsleiterin Melanie Geheb-Müller und Berufsberaterin Vanessa Bachmann zeigten im Pressegespräch auf, dass der Ausbildungsmarkt wie leer gefegt ist: Viele Ausbildungsstellen bleiben unbesetzt.

Eineinhalb Stellen pro Jugendlichem

Rein statistisch kommen auf einen Jugendlichen gut 1,4 Ausbildungsstellen. Im Laufe des Ausbildungsjahres 2021/2022, das am 30. September für die Agentur für Arbeit endete, gab es 543 Bewerber auf 386 Ausbildungsstellen.

Damit setzt sich der Trend fort, der 2017 erkennbar wurde, machte Geheb-Müller deutlich. Waren in den Jahren davor noch mehr Bewerber als Stellen zu verzeichnen, drehte sich da die Schere um. Nach der Spitze 2019 mit 517 Bewerbern auf 621 Ausbildungsstellen, flachten die Zahlen in den Corona-Jahren 2020/2021 ab, so dass es insgesamt weniger Angebot und Nachfrage gibt. Bei den Betrieben ist Unsicherheit zu spüren, wie sich die Wirtschaft weiterentwickeln wird. Genauso unsicher sind die Bewerber, in der Regel Schulabgänger, die die Qual der Wahl zwischen Lehrstellen haben.

Zum Problem waren in der Pandemie auch Praktika geworden, die nicht stattfinden konnten, erklärte Geheb-Müller. Die Jugendlichen konnten nicht ausprobieren, ob ein Beruf zu ihnen passt. Gleichzeitig ist heute der ein oder andere noch nicht bereit für eine Ausbildung und will lieber in der schulischen Umgebung bleiben (Wiederholung des Schuljahrs oder Wechsel auf weiterführende Schule). Dazu kommt, dass die „Altbewerber“, also diejenigen, die schon vor dem aktuellen Ausbildungsjahr die Schule verlassen haben, auch immer weniger werden. Waren es 2021 noch 81 Altbewerber, so sank die Zahl aktuell auf 59.

Dennoch sollte niemand die Flinte ins Korn werfen, weder Bewerber noch Arbeitgeber, meinte Geheb-Müller. Der erste Schritt ist auf jeden Fall, sich bei der Agentur für Arbeit zu melden. Auch wenn die im September begonnene Ausbildung sich vielleicht nicht als Glücksgriff erwies und an einen Wechsel der Ausbildungsstelle gedacht ist, so bestehen im November noch durchaus gute Chancen. „Wer flexibel und motiviert ist, findet auf jeden Fall etwas“, ergänzte Geschäftsstellenleiterin Franziska Schnitzer. Grundsätzlich kann jetzt noch mit der Ausbildung neu begonnen werden, solange, wie die Handwerkskammer oder die Industrie- und Handelskammer zustimmen. Und das wird wohl noch bis Dezember so ein, schätzt Schnitzer.

Sollten alle Stricke reißen, bestehen sehr gute Chancen für den Ausbildungsbeginn im September 2023. Die Agentur für Arbeit kann die Zeit bis dahin mit Fortbildung oder befristeter Beschäftigung unterstützen.

Vermittlungsarbeit kann sich sehen lassen

Die Bilanz der Agentur für den Bezirk Haßfurt ist hervorragend, wie die Zahlen belegen. Wurden bayernweit 57 Prozent und deutschlandweit sogar nur 47 Prozent der registrierten Bewerber in die Berufsausbildung vermittelt, liegt der Landkreis Haßberge weit an der Spitze. Hier sind es stolze 72 Prozent der Bewerber, die eine betriebliche Ausbildung suchten und die auch tatsächlich begonnen haben. 18 Prozent der Jugendlichen, die eine Ausbildung angestrebt hatten, haben sich letztlich für die Schule entschieden. Zwei Prozent haben sich entschieden, die Ausbildungssuche durch Aufnahme einer Arbeitsstelle zu beenden.

Häufig suchen diese Jugendlichen für den nächsten Ausbildungsbeginn weiter nach einem passenden Ausbildungsplatz. Für gemeinnützige Dienste (Freiwilliges soziales Jahr usw.) haben sich nur ein Prozent der Schüler entschieden.

Die Zahl der Bewerber, die zum 30. September tatsächlich keine Alternative zur Berufsausbildung gefunden haben, ist seit Jahren sehr gering. Im Bezirk Haßfurt ist es heuer niemand. Gleichzeitig sinkt der Bedarf an Maßnahmen der Agentur für Arbeit (insbesondere berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen und außerbetriebliche Berufsausbildungen) seit Jahren. Ein Indiz dafür, dass der Markt mittlerweile schwächeren Bewerbern eine Chance gibt.

Die Agentur für Arbeit Schweinfurt unterstützt bei Problemen in der Ausbildung mit dem Instrument der Assistierten Ausbildung.

Was sind die aktuellen Wunschberufe? Männliche Bewerber streben in männerdominierte Berufe wie Industriemechaniker, Kfz-Mechatroniker und Elektroniker. Bewerberinnen suchen oft Frauenberufe wie Einzelhandels- oder Industriekauffrau oder Verkäuferin. Die in den vergangenen Jahren unternommenen Anstrengungen das geschlechterspezifische Verhalten bei der Berufswahl mit Aktionen wie Girls Day oder Boys Day zu verändern, zeigen kaum Wirkung, attestiert Berufsberaterin Vanessa Bachmann.

Der Wunschberuf ist Glückssache

Insgesamt ist festzuhalten, dass das positive Verhältnis von Bewerbern zu Ausbildungsstellen insgesamt nicht bedeutet, dass jeder Jugendliche in seinem Wunschberuf arbeiten kann. Die Dienststelle Haßfurt stellt fest, dass viele junge Menschen nach wie vor Informatik oder Büroarbeit anstreben, obwohl hier die Chancen auf einen Ausbildungsplatz schlechter sind, als im Einzelhandel oder Großhandel. Die Folge: Unattraktive Ausbildungsstellen sind schwer zu besetzen. Gründe, warum eine Stelle nicht besetzt werden konnte, waren die sehr hohen Anforderungen einzelner Arbeitgeber oder die schlechte Erreichbarkeit des Ausbildungsortes.

Die Agentur für Arbeit appelliert an die Betriebe, Lehrstellen zu melden, um jetzt die Fachkräfte für die Zukunft auszubilden. Vor allem sollten Betriebe die schulischen Praktika nutzen, um für ihre Unternehmen und die von ihnen angebotenen Ausbildungsberufe zu werben.

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