Die Mitte der geplanten Stadt-Umland-Bahn (StUB) ist in Erlangen. In der Hugenottenstadt existiert der Traum von einer panfränkischen Straßenbahnverbindung von Nürnberg nach Erlangen und weiter nach Herzogenaurach schon seit Generationen. Doch ausgerechnet in der Schaltzentrale des ambitionierten "Jahrhundert-Projektes" scheint der Zuspruch aktuell wieder etwas zu bröckeln.
Eine Bürgerinitiative mit dem programmatischen Namen "Wiesengrundfreunde" stellt eine neue Brücke über Regnitztal aus der Befürchtung infrage, dass das geplante Bauwerk den Wiesengrund "an seiner breitesten Stelle zerschneiden" und das Landschaftsschutzgebiet "für immer zerstören" würde. Dagegen will sich die Bürgerinitiative wehren. Selbst jetzt, nachdem der Zug für Fragen der Trassenführung fast schon abgefahren ist.
Eine konkrete Streckenführung ist erst im Dezember 2020 vom Erlanger Stadtrat festgelegt worden. Die rund 1,5-Kilometer-Brücke soll demnach vom Erlanger Bahnhof über die A73 und danach in einem weit geschwungenen S-Bogen über die Regnitzwiesen und die Wöhrmühlinsel bis zum Schulzentrum-West am Kosbacher Damm führen. Die "Wiesengrundfreunde" wollen trotzdem nicht aufgeben und haben ihren Protestslogan jetzt demonstrativ von "StUB ja - aber nicht da" in "StUB - so nicht!" umgewandelt.
Bürgerentscheid gab es schon
Einen Bürgerentscheid zum Für oder Wider der StUB hat es bereits vor fünf Jahren in Erlangen gegeben. Damals hat die CSU gegen das Projekt gewettert und vergeblich die angeblich zu hohen Gesamtkosten für das Straßenbahn-Projekt in Höhe von mehr als 400 Millionen Euro ins Feld geführt. Der Bürgerentscheid wurde trotzdem verloren.
Perspektivenwechsel
Heute arbeitet der damalige Oppositionsführer Jörg Volleth (CSU) aus Hüttendorf als Bürgermeister im Rathaus. Nach seiner Wiederwahl ist SPD-Oberbürgermeister Florian Janik (SPD) im letzten Frühjahr eine große Rathauskooperation eingegangen. Mit handfesten Folgen für die Zukunft der Bahn. In ihrer Kooperationsvereinbarung haben CSU und SPD ausdrücklich festgeschrieben, dass es nach Abschluss der Planungen einen erneuten Bürgerentscheid darüber geben wird, ob die StUB auch tatsächlich gebaut wird.
StUB-Talquerung berührt einen "sensiblen Bereich"
"Bei diesem Entscheid werden viele wichtige Fragen eine Rolle spielen, darunter natürlich auch die Regnitzquerung", teilt der Erlanger Oberbürgermeister Florian Janik (SPD) auf Anfrage mit. "Natürlich handelt es sich beim Wiesengrund um einen sensiblen Bereich", räumt Janik ein. Der Zweckverband habe die Trasse extra unter ökologischen Gesichtspunkten optimiert, so dass die Eingriffe "so gering wie möglich" gehalten werden könnten. "Die Trasse folgt im Wesentlichen bereits bestehenden Wegeverbindungen", erklärt Janik weiter.
Im laufenden Wettbewerbsverfahren solle ein erster Entwurf für die Brücke gefunden werden. Ökologische Kriterien würden dabei eine große Rolle spielen. Die Erlanger Umweltverbände seien zudem Teil des Gremiums, das die Entwürfe der beteiligten Planungsbüros beurteilt. "Den Siegerentwurf wollen wir, erneut mit Bürgerbeteiligung, zur bestmöglichen Regnitzquerung weiterentwickeln", kündigt Janik an. "Die Kritiker der Regnitzquerung nehmen wir sehr ernst, weil der Bereich für viele Erlanger wichtig ist."
Die Streckenführung über die Wöhrmühle sei neben der Kosbacher Brücke nach heutigem Stand allerdings die einzige Streckenführung, für "die wir Fördermittel von Bund und Land" bekämen. Dementsprechend sensibel verhält sich wohl der StUB-Planungsverband gegenüber dem aktuellen Widerstand der "Wiesengrundfreunde". Auch wenn die Vorwürfe dort unter der Hand wohl als eher harmlose Anwohnerproteste abgetan werden. Daniel Große-Verspohl, Geschäftsleiter des StUB-ZVs, würde sich sicher noch mehr fürchten, wenn sich der Bund Naturschutz (BN) nicht für eine konstruktiv-kritische Begleitung der umstrittenen Brücke entschieden hätte.
BN-Plädoyer für sanfte Alternative
Im Raumordnungsverfahren hat der BN seine Kritik an den drei vorgeschlagenen Trassenvarianten, die unisono eine zusätzliche Regnitzquerung zwischen den bestehenden Talübergängen vorgeschlagen hätten, freilich bekräftigt und für eine Alternative ohne neue Regnitztal-Brücke und ohne erhebliche Eingriffe in die Natur plädiert. Leider sei der rund 1,5 Kilometer lange Brückentrasse durch den Wiesengrund laut BN mit kleineren Auflagen zugestimmt worden. Die Erlanger Naturschützer bedauern das nach eigenen Angaben zwar sehr.
Gleichzeitig wollen die Umweltfreunde nicht gegen das Anti-Auto-Projekt auf die Straße gehen. "Die Stadt-Umland-Bahn ist uns eine Herzensangelegenheit, auch wenn es an vielen Stellen Zielkonflikte mit dem Natur- und Landschaftsschutz gibt", bringt Rainer Hartmann als Erlanger BN-Vorsitzender die "Hassliebe" auf den Punkt.
Theoretisch könnte der Zweckverband die bestehenden (Auto)Brücken über den Erlanger Wiesengrund für die StUB selbstverständlich benutzen, räumt Große-Verspohl ein. Zumal sich die Förderrichtlinien dahingehend geändert hätten, dass neue Gleise neuerdings auch auf alten Straßen kräftig bezuschusst werden.
Der StUB-Chefplaner verweist allerdings auf den Zeitverlust, den eine Trasse über die bestehenden Brücken bedeuten würde. Acht Minuten mehr Fahrzeit müssten die Fahrgäste bei einem Umweg über die Büchenbacher Dammbrücke, viereinhalb Minuten über den vorhandenen Dechsendorfer Damm in Kauf nehmen. Bei einer Fahrzeit von insgesamt rund 40 Minuten zwischen Nürnberg-Nord und Herzogenaurach mag das auf den ersten Blick nicht viel klingen. Für die Attraktivität des späteren Verkehrsmittels könnten die wenigen Minuten laut Große-Verspohl jedoch entscheidend sein.
Ob das allerletzte Wort damit gesprochen ist, steht wohl noch in den Sternen. Zunächst soll ein Ingenieurbüro gefunden werden, dass die genauen Pläne für die Brücke entwirft. Über die groben Kosten für die Flussquerung kann Große-Verspohl noch keine Angaben machen. Insgesamt rechnet der Geschäftsführer des Zweckverbandes aktuell mit Baukosten in Höhe von rund 372 Millionen und Planungskosten in Höhe von 56 Millionen Euro für die Gesamtstrecke.
Der jährliche Etat des Zweckverbandes, den sich aktuell Nürnberg, Erlangen und Herzogenaurach teilen, betrage derzeit rund 8,5 Millionen Euro. Die Förderquote von Bund und Land für das Verkehrsprojekt werden mit verlockenden 90 Prozent angegeben. Dadurch hätten sich die finanziellen Ausgangsbedingungen des Projekts "nochmal deutlich verbessert", freut sich der Erlanger OB. Zudem habe es zuletzt keine signifikante Kostensteigerung gegeben. Der Erlanger Eigenanteil würde demnach laut Janik derzeit nur rund 49 Millionen Euro betragen.
"Das ist unter dem Strich sogar weniger, als noch 2012 für das Projekt veranschlagt worden war." Ohne die Fördermittel sei die StUB nicht finanzierbar. "Die StUB ist ein unverzichtbarer Baustein für die Lösung der Erlanger Verkehrsprobleme, für eine Verkehrswende in der Stadt und für den Klimaschutz."









