Edmund Bitter vertritt mit seinem Beruf eine lange familiäre Tradition: Schon sein Ururgroßvater war Schuhmacher, der Urgroßvater, der Großvater und der Vater traten in seine Fußstapfen. „Mein Vater, Anton Bitter, hat sich mit 19 Jahren selbstständig gemacht“, erzählt Bitter. In der Werkstatt in der Bamberger Straße betrieb der Vater damals eine Kinderschuhfabrikation. Heute fertigt Edmund Bitter dort seine orthopädischen Schuhe, bezieht Einlagen, oder repariert Schuhe. „Ich bin quasi im Schuhkarton aufgewachsen“, scherzt der Herzogenauracher.
Traditionsgeschäft in Herzogenaurach: Schuhmacher-Familie Bitter
Die Liebe zur Heimat und zur Familientradition ist nicht nur im frisch renovierten Schuhgeschäft zu sehen – dort hängen an der Wand noch Schuhe, die einst Anton Bitter gefertigt hat und in der Werkstatt steht die Pfaff-Nähmaschine, auf der schon die Großmutter genäht hat. Edmund Bitter strahlt die Heimatverbundenheit aus, schwärmt von „seinem“ Herzogenaurach: „I bin da Edmund und do bin i dahaam“, sagt er. „Wenn ich durch mein Herzo laufe und mir denke: Hier sind meine Eltern gelaufen, meine Großeltern, meine Urgroßeltern – das ist meins. Meine Frau sagt immer, ich bin sentimental. Aber das liegt mir am Herzen.“
1989 machte Bitter sich nach der Lehre zum Schuhmacher, der Ausbildung zum Orthopädie-Schuhmacher und dem Meisterbrief selbstständig. Jetzt, mit 59 Jahren, hat er den Laden in der Bamberger Straße komplett neu gestaltet und empfängt dort mit seinem Team täglich die Kunden. Ein paar Kleinigkeiten fehlen noch, hier soll noch ein Bild an die Wand, dort noch eine Leiste angebracht werden. Im Großen und Ganzen aber erstrahlt das Geschäft in modernem Glanz. „Viele haben mich gefragt, wieso ich das in dem Alter noch mache, wo die meisten ans Aufhören denken“, erzählt er. „Aber mir macht das Arbeiten Spaß. Solange es mir Spaß macht, solange ich Mitarbeiter habe, denen es genauso Spaß macht, arbeiten wir weiter.“
Ohne das Team geht nichts
Wir: Das sind neben Bitter noch seine Frau Andrea, zwei Verkäuferinnen, zwei Gesellen, sowie ein Altgeselle. „Alleine würde das hier gar nicht gehen“, betont der Schuhmacher im Gespräch immer wieder. In der Werkstatt und im Verkauf könne er den Arbeitsaufwand ohne seine Angestellten nicht stemmen und ohne die tatkräftige Unterstützung seiner Frau würde auch im Büro die Arbeit liegen bleiben.
Gerade dort fällt nämlich immer mehr Arbeit an: Berichte ausfüllen, Verträge mit Krankenkassen abschließen, Kostenvoranschläge schreiben. „Vor 35 Jahren hätte ich nie gedacht, dass sich das so entwickelt, dass ich mal 30 Prozent der Arbeit nur mit Dokumentation verbringen würde“, sagt Bitter. Er berichtet von immer neuen Auflagen und regelmäßigen Zertifizierungen. Mit ein Grund, wieso kaum noch jemand den Beruf ausübt?
Kein Nachwuchs im Handwerk: Schuhmacher sterben aus
„Die großen Probleme sind der Mitarbeitermangel und der Nachwuchs“, befindet Bitter. Er ist der letzte aktive Schuhmacher in Herzogenaurach – dabei galt die Stadt einmal als Schusterstadt. Laut Angaben der Handwerkskammer ist Bitter auch einer von nur drei Schuhmachern im kompletten Landkreis. „Ich glaube, dass der Handwerker bei vielen Menschen nicht mehr geschätzt wird“, meint Bitter. „Man schätzt ihn erst, wenn man einen braucht.“ Überhaupt noch einen Auszubildenden zu finden, sei inzwischen ein Problem. Auch Schuhfachverkäuferinnen gebe es quasi nicht mehr.
Dabei sei der Bereich unglaublich wichtig. „Der Fuß wird oft nicht wertgeschätzt. Dabei haben wir nur zwei Füße und die tragen uns durch unser ganzes Leben“, erklärt Bitter. „Es ist wichtig, dass man einen guten Schuh kauft. Wichtiger, als jeder Urlaub.“ Gerade dazu seien aber viele nicht mehr bereit. Vor allem bei orthopädischen Schuhen habe sich da viel an der Einstellung geändert.
„Als ich gelernt habe, haben wir viele Menschen mit Kriegsverletzungen versorgt“, erinnert sich der Herzogenauracher. „Damals hat man auf 100 Meter Entfernung gesehen, dass das ein orthopädischer Schuh ist. Aber weil es eine Kriegsverletzung war, haben die Leute das fast als einen Orden angesehen. Heute ist das anders. Da darf man am besten gar nicht mehr sehen, dass es ein orthopädischer Schuh ist.“
Kunden geben Positives Feedback für neuen Laden
Auch bei normalen Schuhen gehe die Tendenz immer öfter zu günstigeren Produkten. „Es gibt schon noch Leute, die einen qualitativ hochwertigen Schuh kaufen und den immer wieder reparieren lassen. Aber die werden immer weniger.“ Arbeit habe seine Werkstatt dennoch mehr als genug. Sogar die Öffnungszeiten haben Bitters nun angepasst, freitagnachmittags und samstags bleibt der Laden geschlossen. „Da haben wir uns vorher schon Gedanken gemacht, aber bisher haben wir nur positives Feedback bekommen“, berichtet Andrea Bitter.
„Tagsüber kommt man mit Kundenkontakt einfach zu nichts“, erzählt Edmund Bitter. Jetzt könne er samstags Aufträge in der Werkstatt abarbeiten. Trotzdem: Nicht alle Anfragen kann er tatsächlich annehmen. „Man findet halt niemanden mehr im Handwerk. Manchmal kommen dann Anfragen, die ich wirklich abschmettern muss. Das tut mir leid, aber es geht nicht anders.“
Viel Verantwortung im Handwerk
Dass so wenige Menschen noch in Handwerk gehen, könne er sich auch ein bisschen mit der Verantwortung erklären: „Wir haften für das, was wir hier machen, mit allem, was wir haben. Wenn was schiefgeht, hängt man auch privat drin. Damit muss man leben können“, so Bitter. „Wenn es in einer großen Firma mal ein bisschen bergab geht, outsourced man hier ein bisschen und gibt da ein bisschen was ab. Im Handwerk ist das noch so, dass, auch wenn es mal nicht so gut läuft, nicht direkt entlassen wird.“
Das Team sei wie eine kleine Familie. „Wir reden miteinander, wir helfen einander. Das eine ist eine gute Bezahlung, das andere ein gutes Betriebsklima“, ist Bitter überzeugt. Und solange es mit dieser Familie funktioniert, soll es mit dem Schuhgeschäft weitergehen.
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