Hannes Mirsberger wollte keine Steuerbescheide mehr lesen, sondern Menschen helfen: Ab 2018 hatte der Herzogenauracher in einem Finanzamt in Südbayern gearbeitet, doch nach einem Jahr zieht es Mirsberger zurück in die Heimat, hin zu einem Beruf, der Stärke und Mut erfordert. Der 24-Jährige beginnt eine Lehre als Notfallsanitäter beim Bayerischen Roten Kreuz Erlangen-Höchstadt, die er vor kurzen mit der Bestnote 1,0 abgeschlossen hat. Dem Fränkischen Tag erzählt er, was die schönen und was die hässlichen Seiten seines Berufs sind.
Herr Mirsberger, wie kommt ein Steuerfachmann darauf, lieber Unfallopfer zu versorgen?
Ich habe auf dem Finanzamt gemerkt, dass mich eine Tätigkeit nicht erfüllt, bei der ich diesen Donnerstag weiß, was ich nächsten Donnerstag machen werde. Mit Menschen zu arbeiten, liegt mir mehr und ich kannte das Rote Kreuz durch meine Einsätze für die Freiwillige Feuerwehr und das THW. Das BRK Erlangen weist im Netz auf seine Ausbildungen hin und für diese habe ich mich beworben.
Sie haben die Ausbildung zum Notfallsanitäter erfolgreich abgeschlossen. Ist das ein anderer Name für Rettungssanitäter?
Nein, das sind zwei verschiedene Berufe. Der Notfallsanitäter assistiert dem Notarzt. Er sitzt als Beifahrer im Rettungswagen und darf selbst Medikamente geben. Sein medizinisches Wissen ist breiter als das des Rettungssanitäters. Der ist meist Fahrer des Rettungswagens und unterstützt den Einsatz, zum Beispiel durch den Transport der Geräte.
Und war Ihr Branchenwechsel eine gute Idee?
Auf jeden Fall. Ich habe jetzt einen Beruf, an dem man wächst, der nicht ist, wie jeder andere. Ich treffe jeden Tag neue Menschen, und erlebe neue Herausforderungen. Für die Menschen in einer Notfallsituation da zu sein und immer alles zu geben - das ist das, was mich an der Tätigkeit als Notfallsanitäter begeistert. Und für Medizin habe ich mich schon immer interessiert.
Was kommt auf die Lehrlinge des Roten Kreuz zu?
Ein Teil der Ausbildung ist die Theorie. Für diese war ich in der Berufsfachschule der Arbeitsgemeinschaft Notfallmedizin in Fürth. In den praktischen Abschnitten war ich erst auf der Rettungswache in Höchstadt und dann auf Stationen in Erlanger Krankenhäusern. Dazwischen finden Praxis-Tage statt, bei denen zum Beispiel der Ablauf der Patientenversorgung und der Umgang mit den Geräten geübt wird. Natürlich gibt es Einsatzübungen, etwa für Brandeinsätze oder auch mit mehreren Verletzten nach einem Verkehrsunfall.
Der Beruf ist schätzungsweise nichts für jedermann, sondern erfordert ein dickes Fell.
Das stimmt. Man muss sich gewiss sein, dass der Beruf Schattenseiten hat. Sanitäter kommen mit Bildern und Gerüchen in Berührung, die ihnen bleiben und die sie mit nach Hause nehmen.
Erinnern Sie sich noch an einen besonders tragischen Einsatz?
Einmal hat uns ein Mann gerufen, der gerade von der Arbeit heimgekommen war. Er hatte seine Frau leblos in der Küche gefunden. Die Leichenstarre hatte bereits eingesetzt und es war schnell klar, dass wir nichts mehr tun können. Als die Notärztin das dem Ehemann mitteilte, brach er zusammen. Seine Schreie habe ich heute noch in Erinnerung.
Welche Möglichkeiten haben Sanitäter, um diese Eindrücke zu verarbeiten?
Wir besprechen die Einsätze mit Kollegen oder mit dem Team des Roten Kreuz Erlangen, dessen Sanitäter die Sonderausbildung Psychische Erste Hilfe haben. Das BRK vermittelt auch Psychologen. Für viele sind die Partner, die Familie und Freunde ein großer Halt. Mir hilft auch der sportliche Ausgleich. Beim Joggen und Fahrradfahren bekomme ich den Kopf frei und ich trainiere meine Fitness. Die ist als Sanitäter wichtig.
Und die erfolgreichen Einsätze bestärken Sie vermutlich. Welchen haben Sie besonders positiv in Erinnerung?
Einmal haben wir eine Geburt begleitet. Eine Familie hatte uns gerufen, denn die Fruchtblase der Frau war zuhause geplatzt und das Kind hatte es eilig. Sie haben es nicht selbst ins Krankenhaus geschafft und der Storch war sogar schneller als unser Rettungswagen. Dann lag die glückliche Mutter im Wagen, mit ihrem kleinen, neuen Leben in den Armen. Das sind die Momente, in denen man sich freut.
Können Sie den Beruf denn empfehlen?
Unbedingt. Jeder Tag ist neu, jede Schicht auf dem Rettungsfahrzeug ist anders. Jungen Leuten, die sich für all das begeistern können, die helfen wollen und die Freude am Umgang mit Menschen haben, kann ich den Beruf des Notfallsanitäters sofort empfehlen.
Ein Interview von Thomas Heideloff und Andrea Beck
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