Projekt
Wo Schüler über Angst reden
Im digitalen Klassenzimmer stehen auch Reden von Politikern – hier Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) – zur Verfügung.
Im digitalen Klassenzimmer stehen auch Reden von Politikern – hier Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) – zur Verfügung.
Foto: Tobias Pohl
Kronach – Der Arbeitskreis Politik des Frankenwald-Gymnasiums hat ein digitales Klassenzimmer zur Ukrainekrise eingerichtet. Wie es den Schülern helfen soll.

„Schule muss in diesem Fall mehr leisten!“, so Tobias Pohl, Leiter des Arbeitskreises Politik am Frankenwald-Gymnasium, zur Entstehung des digitalen Klassenzimmers. Schule müsse einen Raum schaffen für die Sorgen und Ängste der Schüler hinsichtlich des Krieges.

Dritte Phase startet

Ab nächster Woche beginnt die dritte Phase: Im digitalen Klassenzimmer nehmen Bundes- und Landespolitiker Sprechstunden mit FWG-Schülern wahr. Sie nehmen sich online die Zeit, ihnen Antworten auf die neusten Entwicklungen zu geben und dadurch dem Projekt neue Aktualität zu „verleihen“.

Schulleiter Harald Weichert ist besorgt: „Ständig mit einem Finger auf der BBC-App und der BR-App. Ich verfolge die Ereignisse sehr intensiv“, meint der Direktor, und dass sich dem Thema keiner entziehen könne.

Gerade deshalb wird das digitale Klassenzimmer von Schülern des Arbeitskreises für Schüler des FWG aufgebaut: Es soll helfen, diese nicht verstehbaren Vorgänge zu verstehen, die Möglichkeit eröffnen, Fragen zu stellen und Antworten zu erhalten, im Idealfall mit Experten und Politikern. „Ich bin froh, dass sich nicht nur Politiker äußern, sondern auch Experten“, betont der Arbeitskreisleiter: „Man muss diese Fragen hören, ernst nehmen und versuchen, sie zu beantworten.“ Gerade jetzt. Inmitten der zunehmend besorgniserregenderen Schlagzeilen. Eine Generation, die bisher nur den Frieden kennengelernt habe, für den man nichts habe tun müssen, erkenne nun, wie brüchig er eigentlich sei.

Orientierung geben

Das digitale Klassenzimmer bemüht sich seit dem 28. März, einer zunehmend unsicheren Verlustgeneration Orientierung in dieser neuen Zeit zu geben. Ist das Völkerrecht durch diesen russischen Handstreich abgeschafft worden? Gilt etwa nun nur noch das Recht desjenigen, der das größte Militärreservoir aufbieten und es geschickt und skrupellos in Bewegung setzen kann?

„Nach diesem Krieg muss man gewährleisten, dass das Völkerrecht wieder eingehalten wird“, so CSU-Bundestagsabgeordneter Jonas Geissler: „Denn das Völkerrecht ist genauso wie Menschenrechte unteilbar, universell und immer gültig.“

Fragen nach der Konsequenz: „All diejenigen, die sich für Rechtsstaatlichkeit und Völkerrecht, Demokratie und Menschenrechte einsetzen, sind jetzt aufgefordert, zusammenzuarbeiten und unsere zivilisatorischen Errungenschaften, nämlich den Frieden, zu verteidigen“, appelliert der Landtagsabgeordnete Sebastian Körber (FDP).

Es scheint fast so, als laufe die Welt Gefahr, die eine Angst gegen eine andere auszutauschen, die eigene Naivität durch eine gebotene Notwendigkeit zu ersetzen. Gerade deshalb müsse Schule Gesprächsangebote und Kommunikationsräume bieten, so Weichert.

Diese Generation kenne den Krieg nicht mehr, das bange Gefühl, dass der permanente kalte Krieg zu einem heißen Krieg entwachsen könne. Dabei müsse vorsichtig agiert werden; die Ängste der Schüler dürften nicht verstärkt werden. Vielmehr müsse es darum gehen, Ängsten eine kommunikative Plattform zu bieten, um darauf die eigene Beklommenheit thematisieren zu können, aber mit dem Ziel, den Ängsten das Irrationale zu nehmen, ihnen mit Fakten, Einschätzungen und Wissen zu begegnen.

Austausch soll möglich werden

Genau dieses Ziel verfolgt das digitale Klassenzimmer: Es schafft die Möglichkeit des Austausches zwischen unsicheren Schülern wie Lehrern, zwischen verängstigten Bürgern und ihren Politikern. Sie sollen ins Gespräch kommen, sich austauschen und so das noch immer „Unbegreifliche“ langsam in Begriffe überführen, um dann über das Abscheuliche in der Ukraine sprechen zu können.

Anhand von Bildern, Karten und Grafiken können sich die Besucher im Whiteboard des Klassenzimmers einen Überblick über den Konflikt verschaffen, beispielsweise über die komplexen Verknüpfungen zwischen Russland und Europa, jene ökonomischen Abhängigkeiten, die es Europa und Deutschland so schwer machen, die von der Ukraine geforderten Sanktionen durchzusetzen.

Reaktionen aus der Politik

Daneben können die Besucher sich zusammengestellte Reaktionen der westlichen Welt anschauen: Bundeskanzler Scholz in seiner Regierungserklärung, die Statements des Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sowie der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Schließlich gibt es Interviews von Politikern und Experten.

Der Abgeordnete des Bayerischen Landtages Tim Pargent (Grüne), meint: „Die Frage ist doch, ob sich ein Herr Putin einmal vor einem Völkergerichtshof verantworten muss.“ Der Zeitenwende gewinnt er auch etwas Positives ab: „Wir erleben ebenso eine Zeitenwende in und mit Europa, denn Europa wächst zusammen, mehr denn je.“

Das digitale Klassenzimmer wird mit Presseberichten, Statements und Bildern gefüllt bis der Krieg zu Ende ist.

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