Beim Betreten des großen Raumes in der Buchbindergasse 5 fällt der erste Blick unweigerlich auf einen imposanten Tresor. „Garny Frankfurt a. Main“ prangt in goldenen Lettern darauf. Darunter steht: „Älteste Deutsche Spezialfabrik für Geldschränke und Tresorbau, gegründet 1813“.
Heute birgt dieser einst so mächtige Tresor in der Tourist-Information Kulmbach keine Münzen und Scheine mehr, sondern andere Schätze: Prospekte, Kalender und Flyer. Daneben stapeln sich Edding-Stifte, Kugelschreiber und Schreibblöcke – Nachschub für die fünf Mitarbeiter der Tourist-Information.
Das Gebäude: Eine lange Geschichte
Dominik Weichart, der Leiter der Tourist-Information und gebürtiger Kulmbacher, demonstriert stolz, dass der Tresor auch heute noch verschließbar wäre – einen Anlass dafür gebe es jedoch nicht mehr. „Raus bekommt man den nicht“, erklärt er. Das Gebäude wurde eigens um diesen Tresor herum errichtet, mit Wänden so dick wie die Tresortür selbst. Darunter befand sich einst auch ein Luftschutzbunker.
Doch warum sind Kulmbachs Flyer so gut geschützt? Ein Blick in die Geschichte des Gebäudes gibt Aufschluss. 1935 als Sparkasse eröffnet, zog später die Stadtverwaltung ein, als die Sparkasse Richtung Bahnhof umzog. Kurzzeitig diente das Gebäude unter anderem als Standes- und Einwohnermeldeamt, während das Rathaus 2011 renoviert wurde. Seit dem Bierfest 2012 beherbergt es nun die Tourist-Information. Direkt angeschlossen ist auch das Stadtarchiv. Eine Statue mit Spardose an der Außenwand erinnert an die ursprüngliche Funktion als Sparkasse.
Der Stadtplan: Ungeschlagen auf Platz 1
Eine Touristin betritt das Gebäude und sucht nach einem Stadtplan. Dominik Weichart hilft sofort weiter. Der Stadtplan ist prominent an jedem der drei Schalter sowie draußen in einem Glaskasten präsentiert. „Die häufigste und wichtigste Frage ist eigentlich die nach dem Kulmbacher Stadtplan“, sagt Weichart. Rund 10.000 Stück werden jährlich verteilt. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten wie Plassenburg und Roter Turm, ein empfohlener Altstadt-Rundgang und öffentliche Toiletten sind darauf verzeichnet.
Im Winter sind Touristen eher seltene Gäste. Januar und Februar sind die ruhigsten Monate in der Tourist-Information. „Im Sommer überwiegen definitiv die Touristen, während in der Vorweihnachtszeit viele Kulmbacher für Eintrittskarten für Konzerte oder Veranstaltungen kommen“, erklärt Weichart.
Die moderne Inneneinrichtung strahlt Helligkeit und Offenheit aus. In Vitrinen sind Souvenirs ausgestellt und direkt vor Ort zu kaufen. Darunter auch Ausstechformen für die berühmten Kulmbacher Butterbrote, Aufkleber mit Plassenburg und Stadtlogo sowie Kulmbacher Teddybären.
Trotz Digitalisierung: Der persönliche Kontakt bleibt wichtig
Die beiden weiteren Mitarbeiterinnen an diesem Tag begrüßen die Gäste mit einem Lächeln und geben sofort Rat. „Wir sind hier nicht nach Themen spezialisiert“, sagt Dunja Pfaffenberger, die seit September 2024 in der Tourist-Information arbeitet. „Schließlich müssen wir alle jedem weiterhelfen können.“ Ihre Kollegin Tessa Schelter, die seit März 2024 hier arbeitet, sei jedoch inoffizielle Bus- und Bahnbeauftragte, wie sie mit einem Lächeln anmerkt.
Schelter erläutert: „Das Problem ist, dass den Leuten die persönlichen Ansprechpartner zunehmend fehlen.“ Viele brauchen Beratung und Hilfe, doch am Bahnhof gebe es keinen Serviceschalter mehr, nur eine Telefonschalte. Deshalb ist die Tourist-Info im Herzen der Stadt so wichtig – trotz Digitalisierung. Viele Anfragen kämen zwar per Mail und Telefon, aber gerade für Einheimische und Touristen vor Ort ist das persönliche Angebot unverzichtbar.
Stadtarchiv und Tourist-Info: Teamwork an erster Stelle
Falls sie dennoch mal nicht direkt weiterhelfen können, gibt es den „Telefonjoker“, wie Dunja Pfaffenberger ihn nennt. Der Blick fällt dabei auf die Kollegen Mark Andrae und Patrick Bauer vom Stadtarchiv. Sie sitzen im gleichen Raum und recherchieren schon mal provisorisch die Geschichte des Gebäudes.
Einst verlief hier ein Graben, und alles war Schwemmland. Die Außenmauer der heutigen Tourist-Information, die an den Woolworth grenzt, war einst die Stadtmauer. Das Gebäude steht auf 120 Betonpfeilern. Ein aufwändig angefertigtes Rundglasfenster, welches früher den Eingangsbereich schmückte, ist heute im Fenster ausgestellt. In der Mitte dieser Glasdeko ziert seit 1945 die Stadtflagge das Gesamtbild. Bei der Anfertigung 1935 war dort ursprünglich das Hakenkreuz platziert. „Die Telefonjoker“ beantworten alle Fragen für diesen Text gekonnt im Voraus.
„Das ist in jedem Fall eine enorme Erleichterung für unsere Arbeit“, sagt Weichart. „Wir sind ja auch nicht allwissend, und wenn Touristen in dieser historisch spannenden Stadt Fragen zu Statuen, Gebäuden oder Bezeichnungen haben, können wir ihnen direkt im gleichen Raum weiterhelfen“, so der Leiter der Tourist-Information.
Perfekt vorbereitet nach Kulmbach dank Infopaketen
Kurz darauf hält er Briefumschläge hoch. „Die werden heute noch von der Hauspost abgeholt und dann verschickt“, sagt er. Über ein Formular im Internet können Touristen, die planen, die Stadt zu besuchen, eine solche Infomappe bestellen. Darin je nach Wunsch: Hotelübersicht, Restaurants, Veranstaltungshinweise und natürlich der allseits beliebte Stadtplan.
„Den Stadtplan aktualisieren wir tatsächlich häufiger, als man denken würde“, sagt Weichart. Der aktuelle ist vom Mai 2024, der neue soll noch im Februar 2025 gedruckt werden. Die Änderungen sind meist nur minimal, aber alles soll auf dem aktuellen Stand bleiben.
Bei Empfehlungen von Hotels und Restaurants sind sie natürlich der Neutralität verpflichtet und bieten immer mehrere Alternativen an. Bei den Sehenswürdigkeiten wird es jedoch persönlicher. Neben der obligatorischen Plassenburg schlägt Dominik Weicharts Herz auch für den Naturlehrpfad am Rehberg. Der Blick auf Plassenburg und Umland sei sehr belohnend, und der Pfad sei modern und spannend gestaltet.
Die meisten Menschen sind dankbar und gut gelaunt
Er selbst begann 2009 in der Tourist-Information und hat auch bei der Stadt Kulmbach gelernt. Er ist in Kulmbach aufgewachsen und leitet sein Team mit Freude am Job. „Das Spannendste und Schönste sind einfach die vielen Menschen, mit denen wir zu tun bekommen – es ist wie eine Wundertüte“, sagt er, während er Dankesbriefe aus einem Ordner holt.
„Viele Menschen bedanken sich nachträglich per Mail oder rufen an“, sagt Pfaffenberger. Auch beim kostenlosen Wohnmobilstellplatz der Stadt finden sich in der Kasse für die freiwillige Stellplatzgebühr neben weitaus höheren Spenden als die empfohlenen fünf Euro pro Tag oft auch handgeschriebene Zettel. Auf diesen bedanken sich Besucher aus ganz Deutschland und Europa für den Aufenthalt in Kulmbach.
Tourist-Info: Zwischen Ausweis und Auskunft
„Eine Tourist-Information ist immer auch das Aushängeschild einer Stadt“, sagt Weichart und ist sich seiner Rolle für das Image Kulmbachs sichtlich bewusst. Auch wenn es mitunter skurrile Anfragen gibt. Geologen suchen nach Wanderwegen entlang des gesamten Mains, und viele Menschen rufen am 7. Januar 2025 an und fragen, wo in Kulmbach die älteste Tanzlinde Deutschlands steht. Kai Pflaume habe bei „Wer weiß denn sowas?“ darüber gesprochen. Tatsächlich steht sie im Landkreis – genauer in Limmersdorf bei Thurnau.
Doch auch Einheimische haben teils skurrile Nachfragen. Anfangs wollten sie hier ihre Ausweise abholen oder ihren Hochzeitstermin vereinbaren. „Wir Kulmbacher nehmen die Stadt ja nicht mehr bewusst wahr. Und da hier eine Zeit lang das Rathaus untergebracht war, als es renoviert wurde, sind einige weiterhin hierhergekommen und wollten ihre Ausweise abholen“, sagt Weichart. Das habe sich gebessert, aber die Frage nach Gelben Säcken sei weiterhin beliebt bei den Einheimischen.
Auf dem Weg nach draußen fällt der Blick zurück zum Tresor. Er steht weit offen, geschlossen wird die Tür heutzutage nicht mehr – zu schwer und unnötig sei das. Das zeigt, dass die Schätze, die heute darin liegen, nur darauf warten, von Touristen abgeholt zu werden.
Für Fragen, Anregungen und Ideen für Themen rund um den Landkreis Kulmbach können Sie die Redaktion per Mail über mein-kulmbach@bayerische-rundschau.de erreichen.
Erfahren Sie mehr von Mein-Kulmbach:
























