Es ist ein stürmischer Montagmorgen. Die Kordeln, die den Parkplatz abgrenzen, schwingen im Wind. Böen bringen die Bäume zum Rascheln und Raunen. In der Nähe des Wald- und Naturfriedhofs Heinersreuth wirkt es so, als wollten sie von denjenigen erzählen, die hier ihre letzte Ruhe fanden.
Da ist eine Stille in der Laute der Natur. Das mag paradox klingen; doch die Gewissheit, dass die Natur hier lebt und sich bemerkbar macht, nimmt dem Ort die traurige Stille. Es erinnert daran, dass das Leben ein Kreislauf ist und die Natur selbst umgeben von Tod noch fortbesteht.
Ludwig Freiherr von Lerchenfeld gehört dieser Naturfriedhof. Seit Christi Himmelfahrt 2022 ist dieser geweiht und eröffnet. „Für mich ist es wichtig, dass er unter der christlichen Weihung steht." Dennoch „sind alle Glaubensrichtungen hier willkommen“, sagt von Lerchenfeld.
Wald- und Naturfriedhof: So kam es dazu
Es dauert nicht lange, da erzählt von Lerchenfeld stolz von diesem in der Region einmaligen Angebot. Der Naturfriedhof liegt ganz im Norden des Landkreises Kulmbach, noch nördlich des Markts Presseck. Er gehört zum Verbund der Wald- und Naturfriedhöfe Frankenland. Darunter fallen noch Niederlassungen in Issigau und Naila.
„Bereits vor 18 Jahren", so Lerchenfeld, „hat eine Studentin ihre Bachelorarbeit darüber geschrieben, ob ein solcher Friedhof in der Region gewünscht wäre.“ Die Resonanz sei schon damals positiv ausgefallen, aber erst nach dem Ende seines Landtagsmandats hätte er Zeit für die Umsetzung gefunden.
Ob zuerst er auf die von Reitzensteins zugegangen sei, die bereits in Naila und Issigau mit diesem Konzept Erfahrung gesammelt haben, oder ob sie ihn fragten, wisse er nicht mehr genau. Trotzdem war er der Idee sofort zugetan. Er teilt die Geschichte seines Freundes Franz von Rotenhan, der seine Frau schon früh verlor und sich seither dem Aufbau solcher Friedhöfe mit der Tombar GmbH widme.
Im Einklang mit der Natur
Im Wald werden die ersten Bäume mit Namensschildern und Nummern erkennbar. Der Kieselweg führt tiefer hinein und rechts des Weges beginnt der Naturfriedhof offiziell. „Bisher sind drei Hektar angelegt und nutzbar, weitere sieben sind genehmigt und können bei Bedarf angelegt werden“, erklärt Lerchenfeld, während er auf Douglasien, Buchen und Eichen deutet.
Besonders stolz ist er auf die hohen Douglasien, die sich von den Fichtenwäldern des Frankenwalds abheben. So stünden hier mitunter die ältesten Douglasien Europas. Eine Hohltaube schreit und zeigt: Die Natur ist hier allgegenwärtig. Selbst Spuren von Wildschweinen und Rehböcken – am Ende der Brunftzeit – sind zu sehen.
Eine Gefahr für die Grabruhe bestehe dadurch jedoch keinesfalls. Denn: Es finden reine Urnenbestattungen statt. Diese müssen ökologisch sein und damit abbaubar. Meist kämen Holz- oder Papierurnen zum Einsatz. Es gibt also auch nichts für Tiere, wonach sie in 60 Zentimeter Tiefe graben müssten.
Friedhofsgefühl und freier Himmel
Hier und da entdeckt man auffällige Felsen. Neben diesen steht ebenfalls eine Markierung. Von Lerchenfeld erklärt: „Das sind sogenannte Findlinge beziehungsweise naturnahe Bestattungselemente.“ Dabei handelt es sich um „Basalt aus Stadtsteinach und damit der Region, die gebrochen und dann hier platziert werden“. Der Grund: „Manche Angehörige verbinden ewige Ruhe noch mit dem Stein auf dem Friedhof“, sagt Lerchenfeld. Demnach stelle diese Lösung einen guten Mittelweg dar.
Auf dem Andachtsplatz in der Mitte des Wald- und Naturfriedhofs ist der Himmel sichtbar. Die dichte Baumdecke, die dem Wald sonst gemein ist, ist hier durchbrochen. Für Freiherr Ludwig von Lerchenfeld ist dies Ausdruck der christlichen Hoffnung, dass es nach dem Tod im Himmel weitergehe. Der Weg dahin sei demnach auf dem Andachtsplatz frei.
Von Lebensbaum durchzogen
Schon Reinhard Mey sang in seinem Friedhof-Lied:
„Insel im Meer der Geschäftigkeit
Blumengarten der Gelassenheit
- sinnigerweise vom Lebensbaum umgeben“
Für von Lerchenfeld ist der Wald- und Naturfriedhof eben genau keine Insel im Meer der Geschäftigkeit und kein Blumengarten. Man könnte sagen, es ist ein Kontinent im Meer der Geschäftigkeit oder eine Blumenwiese der Gelassenheit. Und nicht nur von Lebensbaum umgeben, sondern der Lebensbaum wird zum zentralen Element statt nur dekorativer Umrandung.
Darin liegt die Besonderheit: Mehr Ruhe als im städtischen Friedhof und die wahre Möglichkeit in sich zu gehen. So kämen viele am Wochenende hierher, um hier spazieren zu gehen. „Die Leute kommen nicht, um am Grab zu stehen, zu gießen und zu trauern“, so von Lerchenfeld, „sondern, um das Gefühl zu haben, beim Spaziergang mit den Liebsten verbunden zu sein.“
Anonyme Gräber gebe es daher auch nicht. Für eine nahezu Anonymität könne man sich Bäume wählen, die etwas abgelegener vom Weg platziert sind. „Dass man gelebt hat, soll nicht in Vergessenheit geraten", findet von Lerchenfeld.
Besonders ergreifend ist der Besuch des Engelsbaums. Dort finden Kinder unter fünf Jahren ihre viel zu frühe letzte Ruhe. Auch Totgeburten können dort beigesetzt werden. Das alles ohne Gebühr für den Platz.
Wald- und Naturfriedhof: die Zukunft?
Vorbei an Bänken, die auch der Natur untertan sind und sich damit in diese Szenerie einpassen, führt der Weg zurück zum Andachtsplatz. Für Freiherr Ludwig von Lerchenfeld sei diese Form der Bestattung die Zukunft. Er sehe sich nicht in Konkurrenz zu klassischen Friedhöfen. Dennoch würde ein Ort der Erinnerung ohne die jahrelange Verpflichtung der Grabpflege viel eher mit moderneren Lebensmodellen vereinbar sein. Doch noch viel wichtiger sei vielen die Lage im Wald und damit das Gefühl nicht nur in einem Garten begraben zu liegen, sondern wirklich in der Natur.
Aktuell haben knapp 350 Menschen hier ihre letzte Ruhe gefunden. Es gibt Bäume, in denen man in Gesellschaft liegen kann, Bäume, die für Familien reservierbar sind und die Naturfelsen, die klassisches Friedhofsgefühl mit der Natur verbinden. Führungen für einen ersten Eindruck oder die Wahl von Bäumen finden jeden ersten Donnerstag und Samstag ab 10 Uhr statt. Eine vorherige Anmeldung wird gewünscht.
Beim Verlassen des Wald- und Naturfriedhofs kommt keine bedrückte Stimmung auf. Denn die Hohltaube schreit, die Bäume rascheln und raunen und selbst die Sonne scheint an diesem windigen Augusttag durch die Blätter. Das Leben ist hier zu Hause und nimmt dem Tod damit die Deutungshoheit. Oder um es poetischer auszudrücken:
„Und der Wind wird weiter wehen,
Und es dreht der Kreis des Lebens,
Und das Gras wird neu entstehen,
Und nichts ist vergebens.“
(Lass nun ruhig los das Ruder, Reinhard Mey).
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