Dienstag, 4. August 2026, 19 Uhr, Anpfiff beim Totopokalspiel TSV Großbardorf gegen FC Schweinfurt 05. Im Gästeblock herrscht Bombenstimmung. Die teils glühenden Unterstützer des Regionalligisten FC Schweinfurt 05 singen davon, dass „Schweinfurt die Stadt meiner Träume“ ist, dass sie dem Verein auf ewig die Treue schwören, viel Schalallalaa, viel Trommeleinsatz.
„Geht doch“, murmelt Andreas Kaiser. Die Uniform des Polizeihauptkommissars ist bis zu den vier silbernen Sternen durchgeschwitzt. 35 Grad, Schwüle, schwere Stiefel, vollgepackte Weste, dicke Hose, da muss er durch wie die anderen vielen Polizistinnen und Polizisten, die er aus Würzburg und Schweinfurt für dieses Spiel angefordert hat. Im nächsten Moment werden er und seine Kolleginnen und Kollegen minutenlang, ohne konkreten Anlass, in einem vielstimmigen Chor als „scheiß Bullen“ beschimpft werden.
Die Schnüdel sind für ihre Choreo beliebt und berüchtigt
Seit April 2026 ist Andreas Kaiser Chef der Polizeiinspektion Bad Königshofen. 17 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ein ruhiges Fleckchen mitten in Unterfranken. Meistens zumindest. Denn wenn Fußball gespielt wird, sind 17 Beamte mittlerweile zu wenig, da mit dem TSV Aubstadt und dem TSV Großbardorf zwei Teams in höheren Ligen spielen. Und weil manche Spiele mittlerweile zu „Risiko-Spielen“ erklärt werden. Die interne Polizei-Ampel stand wegen des Totopokalspiels wieder auf Rot, eher auf Dunkelrot. Denn der FC Schweinfurt 05 (Regionalliga) stand den „Grabfeld-Galliern“ (Bayernliga) in Großbardorf beim Totopokalspiel gegenüber.
Und damit kamen auch die Ultras der Schnüdel ins Dorf. Die sind für ihre Choreografie bekannt, beliebt, berüchtigt. Denn beim Abbrennen von Pyrotechnik in Aubstadt wurde erst kürzlich ein Kind (8) verletzt. Was die Uniformierten verhindern wollen: Dass Ultras der Schweinfurter Fans erneut Bengalos zünden, Böller werfen, Raketen abfeuern und dabei mehr Menschen verletzen.
Spoiler: Das wurde an diesem Fußballabend verhindert, auch dank der Unterstützung eines professionellen Sicherheitsdienstes, der am Gästeeingang jeden filzt. Die Kosten dafür – „das ist nicht wenig“, sagt der Großbardorfer Sportvorstand Andreas Lampert – gehen zum Großteil von den Eintrittseinnahmen ab.
Verhindert wurde es auch, weil es im Vorfeld „intensive Gespräche“ (Kaiser) mit dem Verein und der Gemeinde Großbardorf gegeben hat.
Was Andreas Kaiser nicht verhindern kann, ist die teilweise offene Feindschaft, die Aggression dieser Fans. Kaiser, ein 54-Jähriger mit beeindruckender Statur, zuckt nur die Achseln. „Ich wurde schon bespuckt, mit Farbbeuteln oder Steinen beworfen. Es gibt Menschen, die können mich gar nicht beleidigen.“ Der Spruch „scheiß Bullen“ scheint an ihm abzuperlen wie der Schweiß auf seiner Stirn.
Worum es diesmal geht: Beim letzten Spiel der Schweinfurter gegen 1860 München ist die Polizei in den Block der Schweinfurter eingedrungen, von 58 Anhängern wurden die Personalien aufgenommen. Der Grund: Vor dem Spiel der beiden wurden wieder Bengalos und Feuerwerk wie in Aubstadt gezündet. Zum damaligen Zeitpunkt musste die Polizei davon ausgehen, dass erneut ein Kind dabei verletzt worden ist. Die Beamten ließen das Spiel deeskalierend erst laufen und gingen nach Abpfiff in den Block.
Wie groß der Rückhalt der Ultras beim FC 05 zu sein scheint, dämmert einem, wenn man Aussagen des FC 05-Vorsitzenden Dominik Groß später dazu in der Main Post liest. Der zeigte sich „schockiert von der Vorgehensweise“ der Polizisten, es sei „nicht verhältnismäßig“, „in der Form absolut unnötig“. Groß habe angekündigt, dass der Verein den „Vorfall“ aufarbeiten will.
Diese Aussagen bringen Gottfried Bindrim, Spielgruppenleiter des Bayerischen Fußballverbands im Fußballkreis Schweinfurt und dem Risikospiel Schnüdel gegen Grabfeld-Gallier zugeteilt, auf die Palme. „Das Verhalten ist unmöglich. Wenn es nach mir ginge, könnte die Polizei härter vorgehen. Die Geldstrafe zahlt noch dazu der Verein, nicht der Verursacher.“ Für ihn ist es „ganz schlimm, dass Kinder verletzt wurden – da hört doch alles auf. Mir blutet das Herz, was diese Fans anrichten und damit den Verein in Misskredit bringen.“
Bengalos werden bis zu 1200 Grad heiß
Was erwähnt werden muss: Es geht für die Fans nicht um die Zündelei an sich – für die Ultras gehört das zu ihrer Fankultur. Wie „der Scheißdreck“, womit Bindrim bis zu 1200 Grad heiße Bengalo-Fackeln oder Feuerwerksraketen meint, in die Stadien gelange, weiß er. Da machten sogar Personen mit, die für Fremdfirmen in Stadien arbeiten, wie beispielsweise Caterer.
Ein Insider aus der sportlichen Ebene, der nicht genannt werden möchte: „Schweinfurt hat einen tollen Lauf hingelegt, was die Zuschauerzahlen angeht. Von um die 1000 2023 auf jetzt knapp 4000 Zuschauer. Das zeigt, dass der Verein eine große Reichweite hat und dementsprechend auch viele anzieht, die sich im Fußball ausleben.“ Allerdings eher nach dem Phänomen: „Ich bin Fan und führe mich auf wie die Axt im Wald.“
Er sieht die Pyro-Einsätze in Stadien „wie einen Machtkampf der Fans mit der Polizei“. Und wenn es die Fans mal wieder geschafft hätten, Bengalos und Böller zu zünden, „dann hauen die sich auf die Schultern, weil sie meinen, als Sieger hervorzugehen“.
Mittel und Wege gäbe es immer, explosives Gerät in die Stadien und auf die Fußballplätze zu schmuggeln. „Sogar Sicherheitspersonal ist vereinzelt für einen Fuffi bereit, etwas mit hineinzunehmen.“ Das wäre in Großbardorf – anders als in Städten – so viel leichter gewesen: Ringsum sind nur Felder und Wiesen und Zäune, unter denen man an jeder Stelle etwas durchschieben könnte.
Die Hemmschwelle sinke
Die Hemmschwelle sinke, so der Insider, nach jedem Bier „und anderen Substanzen“, sagt er. Er wisse um die Anstrengungen, die Fans davon zu überzeugen, die Pyro doch zu Hause zu lassen. „Aber wenn es zehn begreifen, sind schon wieder 20 andere da.“
Was er schade findet: „Immer wird der Verein bestraft, die Geldstrafen werden durch Sponsoren- oder Einnahmegelder beglichen. Das ist verbranntes Geld. Die Strafe müsste auf die Leute umgelegt werden.“
Das Stadion wird auf Sprengstoff untersucht
Auch deshalb brauchen Andreas Kaiser und sein Bad Königshöfer Team Unterstützung: Das Umfeld des Stadions muss durchsucht werden, es muss in jede Hecke geschaut werden, ob da vielleicht etwas deponiert wurde. Dabei hilft „Oslo“, ein Sprengstoffhund der Polizei. Der schnüffelt an diesem Abend vergeblich.
Die Schweinfurter Ultras wehren sich beim Totopokal mit Gesängen. „Fußballfans sind keine Verbrecher“, skandieren sie und als solche werden sie auch nicht behandelt, weil es heute keinen Grund gibt. Nicht einmal eine Wunderkerze wurde angezündet. Was vielleicht auch daran liegen kann, dass der Gästeblock der Grabfeld-Gallier, wie sich die Großbardorfer nennen, überdacht ist. Jede Rakete würde dort abprallen und zurück zu den Fans fliegen. Die sind in einer Art Käfig untergebracht, der nach hinten offen ist.
Wenige machen aus ihrer Haltung kein Geheimnis. Die tragen dann Lonsdale-Shirts – hier kommt es auf die Buchstaben NSDA an, nur das P fehlt. Andere laufen an Beamten vorbei, gut lesbar mit „Ganz Schweinfurt hasst die Polizei“ auf der Brust. Ein großer Kerl ist oberkörperfrei, „Blut“ und „Ehre“ steht auf ewig in riesigen Lettern auf seiner Haut, wie ein anderer die Buchstaben ACAB für „All Cops Are Bastards“ am Bein tätowiert hat. Sie sind heute die Ausnahme. Die Regel ist an diesem Abend: junge Kerle, die eine Bombenstimmung machen.
Fanbeauftragter spricht nicht mit Journalisten
Der Fanbeauftragte der Ultras spricht nicht mit Journalisten. Auch nicht über den Vorfall gegen Aubstadt, bei dem das Kind durch einen Feuerwerkskörper am Bein getroffen wurde. Zu oft schon sei ihm das Wort im Mund herumgedreht worden. Das heißt: Er spricht schon, nur veröffentlicht darf es nicht werden. Was schade ist, denn was er sagt, würde vielleicht Zunder rausnehmen.
Das Feuer rausnehmen, das ist auch die Aufgabe von Tony Killen. Falten, Käppi, freundliches Gesicht. Er ist der Sicherheitsbeauftragte des Vereins. Er versuche immer wieder, auf die Fans einzuwirken, mit mäßigem Erfolg. „Die hören nicht auf uns“, sagt er. Er organisiert Stammtische, will ins Gespräch kommen, will, dass sie die Pyro-Shows weglassen, die den Verein schädigen.
In den Block, sagt er, gehe er nicht. Hat er Angst? „Nein, ich war in zwei Kriegen, im ersten Irakkrieg und in Bosnien. Solange die Fans keine Waffen haben, habe ich keine Angst, aber in den Block gehe ich nicht.“ So bleibt er in der Nähe, immer ansprechbar.
Das Spiel endet 0:2, die Schnüdel lassen sich von den Fans feiern. Es ist nichts passiert. Andreas Kaiser ist erleichtert. Sein Konzept ging auf. „Viele Polizeibeamte, die kaum zu sehen und dennoch präsent waren, unsere Strategie war Deeskalation.“ Aber, und das bleibt: „Der Druck auf uns dauert an. Und an Tagen wie diesem haben wir kaum Personal für unser Tagesgeschäft.“ An Tagen wie diesem war nur eine Streife in seinem Einsatzgebiet unterwegs.


















