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Betreuung
Pflege: Warum Sabine Tag und Nacht für ihren Kumpel lebt
Die helfende und die dankbare Hand.
Die helfende und die dankbare Hand. // Marion Eckert
LKR Bad Kissingen – 24 Stunden, sieben Tagen die Woche ist die 65-Jährige für Wolfgang (62) da. Dabei sind sie nicht mal ein Paar. Sabines Wunsch: Mehr Freiheit in der Pflege.

Wolfgang (62) (Namen der Redaktion bekannt) ist Witwer. Vor einigen Jahren erkrankte er an Parkinson, zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits einige Vorerkrankungen. Allein leben kam für ihn nicht mehr infrage, in ein Pflegeheim wollte er aber auch noch nicht. „Dafür fühle ich mich noch zu jung“, sagt er leise.

Am Leben noch teilhaben

„Ja, er fühlt sich noch zu jung, um im Heim zu sein. Er möchte noch am Leben teilnehmen und unter die Leute gehen, daher bleibe ich bei ihm“, bestätigt Sabine (65). Die beiden sind kein Paar.

„Wir kennen uns von früher. Ich bin seine Kumpeline“, lacht die Pensionistin. Wobei Ruhestand ist das nicht, was Sabine hat.

An jedem Tag der Woche, auch nachts, ist sie für ihren Bekannten da. „Solange ich für ihn da sein kann, werde ich mich kümmern. Er kann bei mir wohnen“, sagt Sabine. Dass es mit Wohnen allein nicht getan ist, wurde Sabine und Wolfgang spätestens klar, als er mehr und mehr Pflege benötigte.

Um zwei Uhr beginnt ihr Tag

„Mein Tag beginnt zwischen zwei und vier Uhr morgens. Ich schaue zuerst nach Wolfgang, ob er etwas braucht, ob es ihm gut geht. Dann trage ich Tageszeitungen und Briefe im Ort aus“, beschreibt Sabine ihren Alltag.

„Im Schnitt bin ich nach etwa anderthalb Stunden wieder zurück und wieder schaue ich nach Wolfgang. Manchmal bleibt Zeit, dass ich mich noch ein Stündchen hinlege und eine Andacht oder Predigt im Fernsehen anschaue.“

Hilfe bei einfach allem

Die Pflege nehme sehr viel Zeit in Anspruch. Arzt- und Facharztbesuche gehören vermehrt zum Alltag, Arznei- und Pflegehilfsmittel sind zu besorgen. Wolfgang ist auf den Rollstuhl angewiesen, er kann nur einige wenige Schritte gehen. „Er benötigt beim Aufstehen, Duschen, Anziehen, beim Essen, einfach bei allem Unterstützung.“

Damit Sabine etwas Entlastung hat, besucht Wolfgang zweimal wöchentlich die Tagespflege. Sie bringt ihn in die Einrichtung und holt ihn auch wieder ab. „Das Fachpersonal dort ist sehr hilfsbereit und freundlich. Sie haben immer ein offenes Ohr für Alltagsbelange“, sagt Sabine.

Zuschüsse bleiben gleich

Sorgen bereitet Sabine die bauliche Situation ihres Hauses. „Das Bad müsste umgebaut werden, breitere Türen wären auch gut. Wir würden ja gerne mit dem Umbau beginnen, den Zugang zum Haus ändern, doch die Kosten sind so enorm gestiegen. Die Zuschüsse sind jedoch gleichgeblieben, wie kann das sein?“, zeigt Sabine eine Problematik auf.

Die Unterstützung eines mobilen Pflegedienstes nehmen Wolfgang und Sabine noch nicht in Anspruch. „Ich werde ihn so lange wie möglich selbst pflegen, da kann ich auf die individuellen zeitlichen Bedürfnisse von Wolfgang besser eingehen.“ Für Krankengymnastik, Logopädie und Ergotherapie kommen die jeweiligen Therapeuten ins Haus.

„Die Bürokratie ist enorm“

Neben der Pflege nehme die Bürokratie einen Großteil der Aufmerksamkeit und Zeit von Sabine in Anspruch. Ordnerweise hat sie Rechnungen, Zuschussanträge und Formulare vor sich liegen.

„Zum Glück musste ich im Berufsleben viele Paragrafen lesen und komme mit den Anträgen meist klar. Allerdings frage ich mich oft, was Menschen tun, denen das schwerer fällt. Die Bürokratie ist enorm. Es ist eine regelrechte Buchhaltung notwendig. Es ist alles so kompliziert, unübersichtlich und bürokratisch, das raubt viel Lebenszeit und Kraft.“

Der Wunsch nach weniger Bürokratie

Sie wünscht sich nicht nur weniger Bürokratie, sondern auch mehr Flexibilität beim Bezug der Pflegehilfsmittel. „Das wäre ein kleiner, aber effektiver Schritt.“ Die Hürden seien hoch, um einfachste Dinge, die öfter benötigt werden, zu bekommen, wie etwa Feuchttücher, Einmalwaschlappen oder eine Creme. „Ich fände es besser, wenn es ein Budget gäbe und wir können selbst entscheiden, was wir brauchen.“

Auch gebe es kaum Kurzzeitpflegeplätze, für nur wenige Tage schon gar nicht. „Es war ein Hürdenlauf, als ich mich einer kleinen Operation unterziehen musste. Wolfgang musste zwei Wochen in einem Heim bleiben, statt nur wenige Tage.“

„Weil er auch immer für jeden da war.“

Warum nimmt Sabine in ihrem Ruhestand die ganze Belastung für ihren Kumpel auf sich? „Weil er auch immer für jeden da war. Er hat mich unterstützt, als ich Hilfe brauchte, er war einfach da. Oft hat man doch nur solange Freunde, solange man funktioniert. Wer hilft, wenn man nicht mehr kann?“

Ob bei Freunden, auf Festen und in Vereinen, Wolfgang habe nie nein gesagt, wenn ein Helfer gebraucht wurde. „Ich möchte ihm zur Seite stehen“, sagt Sabine ganz schlicht. „Ja, es ist viel, man muss es können und ich bin angebunden, aber es ist seine Entscheidung hier, bei mir zu sein.“

Aus der Kraft des Glaubens

Bei aller Belastung achtet Sabine aber auch auf ihre eigenen Kräfte und nehme Alltagsunterstützung in Anspruch. „Nur Urlaubs- und Krankheitsvertretungen sind rar, beziehungsweise gibt es gar nicht.“ Zudem sei das Budget schnell aufgebraucht. „Zuzahlungen stehen ja auch bei der Tagespflege und so vielem anderen an.“ Ermutigung finde sie im Glauben und der Gewissheit, einen sinnvollen Dienst zu tun.

Hilfsbereite Nachbarn

Dankbar sind Sabine und Wolfgang für die gute Nachbarschaft, die auch auf die Schnelle angesprochen werden könne und helfe. „Das ist nicht alltäglich und ein Segen.“

Mit den Augen sprechen

Wolfgang selbst kann nicht mehr viele Worte machen, er war überhaupt immer eher ein schweigsamer Typ.

Dafür strahlen seine Augen umso mehr, wenn er Sabine anschaut. Mit seinen Blicken sagt er mehr als mit tausenden Worten. Ein stilles Lächeln und vorsichtiges Nicken mit dem Kopf, ja er ist ihr sehr dankbar – und er ist glücklich, bei ihr sein zu dürfen.

 

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