Mitten in Untererthal steht ein Denkmal. Es ist der Landgasthof „Zum Goldenen Kreuz“, geschichtsträchtiger Treffpunkt der unterschiedlichsten Gesellschaften, die hier ihren Schoppen getrunken und ein Schäufele verspeist haben. Ein Wirtshaus, das unter Artenschutz gestellt werden sollte - so selten, wie diese wunderschönen, alten und mit Fachwerk durchzogenen Gasthäuser mittlerweile geworden sind. Die Inhaber Roland und Patricia Wüscher haben sich mit dem Kauf Hauses aus dem Jahr 1733, das vor sehr langer Zeit auch einmal Post und Amtsgericht war, 2010 einen Traum erfüllt. Mit Eintritt ins Rentenalter wollen sie sich jetzt einen anderen Traum erfüllen, nämlich: mehr Zeit zu haben. Und deshalb möchten sie den Gasthof verkaufen. „Wir hoffen so sehr, dass wir jemanden finden, der dieses Stück Kulturgut als Gastwirtschaft weiterführt“, sagt Patricia Wüscher.
Es ist ein sonniger Herbstsonntag, kurz vor halb Zwölf, es ist der Start zu einer Routine für Roland und Patricia Wüscher, die Menschen, die die Gastronomie nur von der anderen Seite der Küche her kennen, wohl kurzzeitig in die Verzweiflung stürzen würden: Gleich kommen die ersten Gäste, wie viele es heute werden, ist nicht sicher. Die Gäste fahren teilweise bis aus Fulda in den Ort, denn in Hessen sucht man das Schäufele auf der Speisekarte vergeblich.
Im Ofen stapeln sich die Schweineschultern, eine der fränkischen Spezialitäten des Betriebs. In der schmalen Küche steht der duftende Dampf von Soße, Rotkraut, Lendchen. Die Frauen in der Küche führen eine gut eingeübte Choreografie auf: Es fallen nicht viele Worte, Patricia Wüscher gibt das Essen auf die Teller, die Bedienungen bringen die Gerichte schnell an die Tische, nebenan wird gespült, Roland Wüscher schenkt an der Zapfanlage aus.
„Wir wollten unbedingt eine Gastwirtschaft haben“, erzählen die Wüschers. Zunächst pachteten sie das Gebäude von 1989 bis 1994, 2010 kauften sie dann das Haus. Vor allem für Patricia Wüscher, heute 61, ging damit ein Traum in Erfüllung. Sie stammt selbst aus der Gastronomie, ihre Eltern waren die Pächter des „Grünen Baums“ in Schwärzelbach. Die harte Arbeit hat sie nie gestört, die Gastfreundschaft scheint in ihren Genen zu liegen.
Und dennoch läuten sie langsam das Ende ihrer Ära ein. Roland Wüscher wird 65, Rentenalter also. Dass das Arbeitstier danach Däumchen dreht, ist nicht vorstellbar. Im Hauptberuf ist er nämlich Konditor bei der Bäckerei Schwab in Hammelburg, in der Freizeit arbeitet er im Goldenen Kreuz. Klar ist jetzt schon: Er wird in seiner „Rente“ stundenweise weiterbacken.
Gerüchte um Schließung des "Goldenen Kreuzes"
Eigentlich wollten sie mit der Nachricht, dass sie verkaufen wollen, noch ein wenig warten. Aber seit geraumer Zeit sind sie immer wieder Gerüchten ausgeliefert: „Dauernd heißt es, wir schließen. Das tun wir nicht – noch nicht“, sagt Patricia Wüscher. Bis ein Käufer gefunden ist, bleiben sie die Wirtsleute. „Wir hoffen, dass wir einen nahtlosen Übergang schaffen können“, sagt ihr Mann.
Sie wissen: Mit dem Ende des Gasthofs würde in Untererthal und der Region drumherum ein Stück Kulturgut, ein Stück Landleben sterben. „Wir haben ja Kinder und Enkelkinder, es ist wichtig, dass auch die nächsten Generationen weiterhin Treffpunkte wie unser Landgasthaus haben“, sagen beide. Die Kinder, mittlerweile erwachsen, hatten andere Pläne mit ihren Leben. Doch wenn es hart auf hart kommt, helfen sie mit, bewirten, kaufen ein, schmeißen den Laden. So wie Tochter Denise Renninger. Im Hauptberuf Gymnasiallehrerin kümmert sie sich um die Webseite, die Mailings, die Reservierungen.
Als die Eltern 2010 das Haus kauften, konnte sie sich noch mehr engagieren. So steht am Rand des großen Biergartens, der sehr geschickt durch clevere Bepflanzung heimelige Ecken bietet, ihre eigene Brauerei, in der Craftbiere gären. Ihr Mann ist Amerikaner, daher kommt dieses Faible. Und auch die „amerikanischen Abende“, die die Wüschers freitags und samstags mit Spareribs und Burger zusätzlich zu den fränkischen Essen anbieten, sind eine Idee des jungen Paars.
Historische Tür mit Schwertkerben?
Das Haus hat eine bewegte Geschichte, die schon an der hölzernen, geschnitzten Eingangstür zu erkennen ist: Der Legende nach sind die tiefen Einschnitte im Holz im 30jährigen Krieg entstanden – durch Schwerthiebe eines Soldaten, der das Haus stürmen wollte.
Vermutlich wäre er auch an den gefühlt meterdicken alten Mauern gescheitert, in deren Innerem einst die Post beheimatet war, später auch ein Amtsgericht, hier wurden bis 1810 Urteile verhängt. Aus diesen für jeden Ort wichtigen Institutionen haben die Wirtsleute – auch die aus vergangenen Epochen – einen großen Saal gebildet, kleine Gasträume und drei Gästezimmer.
Die Deckenhöhe – mal meterhoch, dann eher niedrig, verrät das Alter des Hauses, das tatsächlich unter Denkmalschutz steht. Es gibt Räume, in denen Hochzeiten gefeiert werden, Geburtstage oder eben einfach gut gegessen wird. Selbstverständlich gibt es hier immer donnerstags den Stammtisch, wichtiger Eckpfeiler von funktionierenden Gemeinden.
Mittagessen für die alte Nachbarin
Es würde einfach ein bisschen kälter werden, wenn die Wüschers keinen Nachfolger finden würden. Wobei: Es liegt sehr am Ehepaar und ihrem Verständnis von Gastkultur und Freundlichkeit, dass der Gasthof so beliebt ist. Ein Beispiel: Gastwirt Roland Wüscher muss mal schnell weg – er bringt der 90 Jahre alten Nachbarin jeden Sonntag ein Mittagessen. Das ist mehr als Nachbarschaftshilfe.
Bedienung Elisabeth Hüttl: "Ich liebe meine Arbeit"
Im Saal, dem Gastraum, den Nebenzimmern wie der Richterstube haben 160 Menschen Platz. Die Wüschers können sich zu 100 Prozent, wie sie sagen, auf ihr Team verlassen, das die Gäste bedient. „Die sind alle mit Herzblut dabei“, schwört Patricia Wüscher. Und wie auf Kommando kommt Elisabeth Hüttl in den Saal, um die Tische einzudecken. „Seit 1999 bin ich Teil des Teams“, erzählt die jetzt 68-Jährige. „Ich liebe meine Arbeit“, sagt die kleine, energiegeladene Frau. „Für mich ist das Leidenschaft, Berufung, Hobby – ich mache es so gerne, dass ich bleiben würde, wenn das Haus einen neuen Besitzer bekäme.“ Und nicht nur sie, auch andere aus dem Team würden unter einem neuen Besitzer weiterarbeiten.
Jetzt suchen die Wüschers also gute Hände, in die sie ihr Lebenswerk legen können. Es scheint, als ob Patricia Wüscher noch nicht so richtig daran denken kann, hier mal nicht mehr Tag und Nacht und sieben Tage die Woche zu arbeiten. Auch wenn sie sich auf mehr Zeit mit den Enkeln freut. Zu sehr ist sie in ihrem Denken, Handeln und Fühlen Gastwirtin. Ihre Augen werden ein wenig feucht. „Ich wünsche mir einfach, dass wir Käufer finden, die die Gastwirtschaft weiter betreiben – für unser Leben auf dem Land, in dem die Wirtshäuser schon immer wichtige Zentralen im Miteinander gewesen sind.“
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