Die Nähe zur Kirche, und damit zu Heiligen, wurde Werner Schmitt in die Wiege gelegt. Der 79-jährige Reichenbacher war Ministrant, ist Lektor und hat ein Händchen fürs Restaurieren von Heiligen-Figuren jedweder Art.
„Als ich in Rente war, gab mir meine Mutter eine ziemlich ramponierte Marienfigur. ‘Schau mal, was du machen kannst‘, hat sie mir gesagt.“ Das „Machen“ habe richtig Spaß gemacht und das vollendete Werk überall Gefallen gefunden. Es wurde bestaunt, nicht nur in der näheren Familie.
Künstlerische Ader
Auch Schmitts Schwägerin erinnerte sich an dessen künstlerischen Ader, als die Gipsfigur der Hl. Bernadette in Bildhausen restauriert werden sollte. Der Reichenbacher bekam den Auftrag. Auch diese Aufgabe löste er so gut, dass die Kongregation ihm die Restaurierung der Mutter Gottes in der Bildhäuser Grotte anvertraute.
Ein Zeitungsartikel machte den gelernten Mechaniker über die Landkreisgrenzen hinaus bekannt. Aufträge aus benachbarten Pfarreien wie Mühlbach und von Privatleuten aus Unterebersbach und Großwenkheim folgten. Selbst in Feuerthal, Forchheim und Rosenheim stehen mittlerweile Zeugnisse seiner Restaurationskunst. „Das kleinteilige Arbeiten mit Gips, Holz und Draht habe ich mir in meiner achtjährigen Zeit in einem Zahnlabor angeeignet“, erzählt er.
Alt und verstaubt
Nun aber könnte auch eine Figur in seiner Reichenbacher Kirche aufgestellt werden, passend zum anstehenden Patrozinium. Denn Schmitt hatte im Frühjahr auf Wunsch der Küsterin Gertrud Köberlein eine Rita-Figur in der Kirche gesucht. Gefunden hat er sie – alt, verstaubt und restaurationsbedürftig – in einem Schrank im Turm, dahinter überraschenderweise noch ein etwa ein Meter hohes Gebilde aus Holz, ebenso alt, verstaubt, aber dennoch recht bunt.
„Das könnte eine Michaels-Figur sein“, mutmaßte Fridel Behr, der Reichenbacher Kirchenpfleger, „nehm‘ sie doch mit und schau mal, was du machen kannst“. Über Herkunft und Alter der Figur gibt es keinerlei Aufzeichnungen in Reichenbach.
Vertiefungen im Rücken
Wie damals bei der Marienfigur seiner Mutter Emma machte sich Werner Schmitt ans Werk, korrigierte Zehen, vervollständigte die Lanze, baute fehlende Finger fachgerecht an, mischte die Farben nach den noch zu erkennenden Vorlagen und bemerkte, dass im Rücken der Figur zwei Vertiefungen sind. „Da könnten entweder Wandhaken befestigt worden sein oder Flügel“, habe ihm sein Sohn Andre gesagt.
Der ist Redakteur im Schulbuchverlag Klett in Stuttgart und hatte die KI befragt, aus welchem Jahrhundert die Figur wohl stammen könnte. Und die künstliche Intelligenz hatte befunden, dass die Heiligenfigur entweder der Erzengel Michael oder der Heilige Georg sein könnte. Für den Erzengel aber fehlten die Flügel.
Jugendlicher Krieger
Also bestieg Schmitt wieder den Turm, wühlte sich durch den Schrank und fand schließlich zwei Flügel, die genau in die Vertiefungen der Figur passten. „Damit war für uns klar, dass das der Erzengel Michael ist“, sagte er. Bestätigung fand er in den Ausführungen der Künstlichen Intelligenz, die da lauten: „Erzengel Michael ist der Anführer der himmlischen Heerscharen; dargestellt ist er als jugendlicher Krieger, mit Rüstung, Mantel, Lanze und Flügeln. Damit steht er für den Sieg des Guten über dem Bösen.“
Laut KI folge die Figur der barocken Bildtradition des Miles Christianus, die Rüstung und der reiche Gewandschmuck könnten der Bildsprache des 18. Jahrhunderts entsprechen. Stadtpfarrer Markus Reis hingegen glaubt, dass die Figur jünger sei, „das jugendliche Antlitz scheint eher der Schule der Nazarener zu entspringen, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Kunst verwirklichten.“ Werner Schmitt selbst ist das einerlei. Er hat von Ende März bis Anfang September an die 100 Stunden auf die Restaurierung dieser Figur verwendet, gezählt habe er die Stunden nicht. „Das spielt ja auch keine Rolle. Mir ist wichtig, dass wir in Reichenbach wieder eine St-Michael-Statue haben, die höchstwahrscheinlich aus Reichenbach stammt.“ Und er ist gleichsam termingerecht zum Patrozinium fertig geworden mit seiner Restaurierung.











