Das Heimatspiel hat am Wochenende seine zweite Aufführung. Damit das ganze läuft, und damit es gut läuft, braucht es Menschen hinter den Kulissen, die die Proben begleiten und die auch mal tiefer in die Materie gehen.
Zum einen gibt es da Franz Wüst. Er ist schon lange dabei, spielte zuletzt 40 Jahre lang den Oberbürgermeister. Als der langjährige Vorsitzende Bruno Eckert starb, habe Wüst das Organisatorische in die Hand genommen: Ermitteln, wer in der aktuellen Saison wieder mitspielt, Termine für Gruppen- oder Einzel-Proben festsetzen und diese dann leiten.
Profis aus Theater Maßbach ins Boot geholt
Doch schnell wurde ihm klar: „Ich spiele schon seit 70 Jahren mit und weiß, wie es immer gespielt worden ist. Wenn ich jemanden einstudieren soll, kann ich das eben nur machen, wie ich das kenne oder selbst so gemacht habe.“ So hatte sich die Heimatspielgemeinde Hilfe vom Theater Maßbach geholt – finanziert durch das Regionalbudget.
Uwe Gröschel und Dorothee Höhn geben seit 2023 Workshops, Gröschel begleitet die Spielenden auch die in der Woche vor der ersten Aufführung. Er erkannte schnell: „Der generelle Feind des Heimatspiels ist die Gewöhnung. Weil es schon immer so gewesen ist und weil man Sachen nicht mehr hinterfragt, sondern einfach dasteht und seinen Text aufsagt. Aber wer darauf reagiert, zu wem ich das sage und warum ich das überhaupt sage, darüber wird wenig nachgedacht.“
Den Sinn hinter seinem Text erkennen
Er nennt als Beispiel die Szene, bei der eine Mutter einen Abgesang auf ihre fünf Söhne macht. „Ich habe es nicht verstanden, warum sie sagt, was sie sagt“, so Gröschel. Seine Aufgabenstellung: „Erklärt mir doch mal, um was es geht, ohne den Text zu verwenden, sondern durch ein aktives Verb.“ Die Gruppe überlegte und kam auf das Wort loslassen. „Eine Mutter muss sich dazu überreden, ihre fünf Söhne loszulassen. Als sie das heute noch einmal so gespielt hat, war ich berührt.“ Franz Wüst erklärt: „Die Spielerin hat beim Spielen jetzt ein ganz anderes Gefühl. Man sieht es ihr einfach an, dass sie das für sich akzeptiert hat: Sie muss ihre Söhne loslassen, das ist wichtig, um Münnerstadt zu retten.“
Ein anderes Beispiel: der Schwedenobrist. Ein Deutscher, aber für die Schweden im Dienst – eigentlich ein Verräter. „Und jetzt spielt er sich auf. Wir fragen: Was geht vor zwischen ihm und dem Bürgermeister, zwischen ihm und Michel Stapf? Geht es bei der Auseinandersetzung nur um die Worte, die gesagt werden?“ Natürlich ist dem nicht so. Die Spannung zwischen ihnen habe Gröschel versucht, mit den Spielern herauszuarbeiten.
Heimatspiel Münnerstadt
Geschichte im Theater baut aufeinander auf
Gröschel nennt ein drittes Beispiel, bei dem es nicht um Worte, sondern Gesten geht: In einer Szene müssen sich Ottilie und Michel Stapf, die sich verliebt haben, vor den Augen des Vaters verabschieden – und der Vater darf von der Liebe nichts wissen. In der Tradition des Heimatspiels geben sie sich mit zwei Fingern die Hand. „Als Zuschauer sage ich: Das verstehe ich nicht. Man kann es nur verstehen, wenn die beiden wirklich aufeinander zuwollen, wenn ich die Liebe sehe“, so Gröschel.
Er betont: „Die Geschichte baut aufeinander auf. Und wenn ein Stein fehlt, weil man etwas nicht klar genug macht, dann versteht das Publikum es nicht. Dann verliert es das Interesse, steigt aus, langweilt sich.“ Franz Wüst berichtet: „Seit Uwe da ist, beschäftigen wir uns viel mehr mit den Texten, den Charakteren, und was die uns sagen wollen.“ Sonst hatten sie immer geglaubt: Wer seinen Text auswendig kann, ist schon ein guter Spieler. Doch da fängt die Arbeit eigentlich erst an.
Viel Tradition und viel gelernter Text
Und es ist viel Arbeit, weiß Uwe Gröschel: „Weil viel Tradition und viel gelernter Text da ist. Natürlich – die gesamte Heimatspielgemeinde kennt das Stück viel besser als ich. Aber was ich mitbringe, ist ein Fragenkatalog. Und ich habe den frischen Blick, um zu sagen: ,Ich verstehe etwas nicht.'"“
Dieses dauernde Hinterfragen und der Versuch, anders zu spielen, sei aber auch anstrengend, weiß Wüst: Viele arbeiten Vollzeit und stehen abends noch in der Probe auf der Bühne. Und das nicht nur einmal die Woche. „Und dann kommt da jemand daher, der will, dass man den Text nochmal und nochmal sagt. Und noch mal anders. Ich kann verstehen, wenn man dann denkt, ,dann mach es doch selbst!'“, sagt er schmunzelnd.
Doch auch die Leute, die keine Textrolle haben, hätten eine wesentliche Funktion: Es sei wichtig, „dass sie zu einer bestimmten Zeit und aus einer Richtung kommen und woanders hingehen, dass sie am Anfang anders aussehen als am Ende, dass sie in einer anderen Art kommen, wie sie gehen“, so Gröschel.
Publikum bemerkt Geschichte hinter dem Stück
All das versuchen die beiden Theaterprofis Uwe Gröschel und Dorothee Höhn zu vermitteln. Wohl mit Erfolg. Gröschel berichtet, bei vielen aus dem Publikum sei vergangenes Jahr angekommen, dass da ja eine Geschichte hinter dem Heimatspiel steckt. „Leute, die das schon oft gesehen hatten und plötzlich bemerkten: Es sind nicht nur irgendwelche aneinandergereihten Texte mit irgendwelchen Figuren, sondern da ist Romeo und Julia dahinter, da ist ein Kriegsszenario dahinter“, beschreibt es Gröschel. Sein Ziel, so Franz Wüst, sei immer: „Dass die Leute nicht sagen: 'Für Laien war das ganz gut'. Sondern: 'Man glaubt nicht, dass das Laien sind.'"
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