Mittelpunkt des Ortes ist der Dorfplatz mit einem Brunnen am Alten Schulhaus. Daneben ein großer Baum mit einer rundum laufenden Bank. Zwei Jugendliche sitzen sich dort im Schneidersitz gegenüber.
Wir fahren langsam vorbei. Unser Ziel: das gelbe Haus dahinter. Töpferei am Brunnen steht an der Hauswand geschrieben. In den Fensterbänken sind kleine Blumentöpfe aus Ton in den verschiedensten Farben und Mustern. Wir gehen um die Ecke und folgen einem kleinen Weg. Ein Zaun aus zylinderförmigen Pfosten fängt sofort unseren Blick. Die Pfosten sind in einem hellen Farbton gehalten und mit verschiedenen blauen und braunen Mustern verziert. Jeder Pfosten hat eine andere kuppelförmige Spitze.
Neben dem Dorfladen erstreckt sich ein Garten mit frisch gepflanzten Blumen, wild wachsenden Gräsern und vor allem eins – kleinen Keramikdingen. Eine weiße Keramikmöwe mit blauen Akzenten auf einer dünnen Metallstange hier und eine große Flagge in Erdtönen da.
Jemand winkt uns von einer Scheune, die weiter oben gelegen ist, zu. Wir laufen die Treppe hoch und folgen Vanessa Reiß, der Tochter von Karin und ihrem Mann Manfred, denen die Werkstatt gehört.
Perfektion der Imperfektion
Karin Reiß sitzt weiter hinten im Raum an einer Drehscheibe. „1985 bin ich mit meinem Mann nach Bad Kissingen gezogen und habe mich hier als Töpferin selbstständig gemacht“, sagt Reiß, während sie vorsichtig weiter den Ton formt. Die 70-Jährige hat in Krefeld Keramikdesign studiert.
Links neben ihr steht ein kleiner Holztisch. Fünf getöpferten Schüsseln stehen dort leicht versetzt. „Die Rohlinge, die ihr dann später bemalt, sind alle von Hand getöpfert“, erklärt sie und zeigt auf die Regale. Teller und Tassen stapeln sich hier und warten nur darauf, bemalt und glasiert zu werden.
„Leichte Abweichungen in Form und Farbe sind kein Mangel, sondern verdeutlichen die Qualität der Handarbeit“, erklärt Reiß weiter. Seit kurzer Zeit bietet der Familienbetrieb auch Töpferkurse an. Zwei Stunden geht so ein Kurs, der auf maximal vier Teilnehmer begrenzt ist. In dieser Zeit sollen erste Grundlagen erlernt werden.
Marcel Reiß, der Sohn, erklärt: „Es ist ein dreijähriger Ausbildungsberuf, man muss es so beherrschen können, dass später alles im etwa gleich aussieht.“ Er ist gelernter Scheibentöpfer und seit 2004 selbstständig mit seinem Betrieb „Meisterkeramik“. Für den eigenen Betrieb hat er Arbeitsräume von seinen Eltern angemietet. Sein Sortiment umfasst Gebrauchskeramik in einem verspielten Comic Design.
Fünf bis zehn Tonnen Ton
Wir teilen uns auf. Meine Kollegin Riccarda Rascher unterhält sich mit Marcel, der gerade Salatschüsseln mit dem Flammenwerfer vortrocknet. Ich folge Vanessa – sie will mir den Gewölbekeller zeigen. Auf dem Weg kommen wir ins Gespräch.
Wir verlassen die Scheune und laufen durch den Raum, in dem später unsere Tassen glasiert werden, bis wir in einer riesigen Scheune stehen. Hier stehen deckenhohe Regale. „Wir lagern hier die fertigen Keramikteile, die wir dann auf Märkten verkaufen“, erklärt die 48-jährige Keramik- und Webdesignerin.
Im Laden der Familie verkauft Reiß ihre Kunst und Geschirrkreationen, darunter vor allem eins – Figuren von opulenten Frauen. „Mit den Figuren versuche ich Bewegung und Lebendigkeit zu vermitteln“, sagt Reiß und deutet auf eine der Figuren. Eine Sache liegt ihr besonders am Herzen: „Ich suche noch nach Ausstellungsflächen hier im Umkreis.“
Der Gewölbekeller liegt nun vor uns. Ich erinnere mich erneut an das Gespräch mit Karin Reiß, Vanessas Mutter. Diese erzählte mir, den Ton bekommen sie von einer Grube aus dem Westerwald. „Alle zwei Jahre bestellen wir um die fünf bis zehn Tonnen Ton und lagern diesen im Keller ein.“
„Der Ton wird dann auf einer Rollbahn reingeschoben“, erklärt mir Vanessa, während sie nach dem Schlüssel für den Keller sucht. Sie schließt auf und über eine kleine Treppe gelangen wir runter in einen kleinen Raum, mit niedriger Decke aus roten Ziegelsteinen. Die Wände sind aus groben Steinen gemauert. Der Boden ist uneben. Der Raum ist bis zur Decke voll gestellt mit kleinen Päckchen voll mit Ton.
Techniken und Schwierigkeiten
Zurück in der Scheune ist es endlich so weit. „Sucht euch gerne einen Rohling aus“, fordert uns Karin Reiß auf. Wir entscheiden uns beide für eine Tasse mit Henkel und nehmen auf den zwei bereitgestellten Hockern Platz.
Karin Reiß erklärt, welche verschiedenen Techniken es beim Verzieren der Keramiktassen gibt: „Ihr könnt stempeln, die Pinsel in die Farbe tunken, mit dem Schwamm arbeiten und Farbe wegkratzen.“
Wir erfahren, dass nicht nur die Rohlinge selbst getöpfert werden, auch die Farbe ist selbst gemischt. „Wir kaufen die Farbkörper und dann mische ich diese so lange mit Ton und Glasur bis ich zufrieden bin“, sagt Reiß.
Für meine Kollegin Rascher steht direkt fest, sie will Blümchen. „Als Erstes male ich kleine Kreise mit gelb für den Blütenstempel“, sagt sie mir. Karin Reiß, die uns genau beobachtet, greift ein. „Benutze doch die Rückseite eines Pinsels als eine Art Stempel, dann sind die Kreise auch alle einheitlich.“ Den Tipp merke ich mir für später, denn auch ich will Blumen.
Im Internet habe ich mir kurz vorher eine Tasse mit großen abstrakten Blumen rausgesucht. Nach dem groben Einzeichnen der Skizze mit Bleistift, der im Ofen verbrennt, lege nun auch ich Hand an. Vanessa füllt mir meine Wunschfarbe Blau in eine kleine Plastikflasche. Durch die kleine Öffnung ist es möglich sehr präzise Linien zu ziehen, so einfach ist es aber nicht. Die Öffnung verstopft schnell und alle paar Sekunden muss ich die Öffnung mit einem Stück Draht von Farbe befreien.
Achtung zerbrechlich
Bis ich die Hälfte meiner Blumen gemalt habe, ist Rascher bereits fertig. Karin Reiß erklärt ihr, worauf man besonders achten sollte. „Die Rohlinge sind nur luftgetrocknet und deswegen sehr zerbrechlich. Beim Bemalen sollte man die Tasse von innen halten und möglichst nicht den Henkel anfassen.“ Kindergeburtstage sollen aus diesem Grund auch des Öfteren schiefgelaufen sein.
Teure Angelegenheit
Nach der Glasur werden die Tassen im Ofen gebrannt. „Der Ofen läuft fast jeden Tag von abends bis früh um sechs“, erklärt Karin Reiß. Die Keramik, die sich gerade noch im Ofen befindet, ist in der Abkühlungsphase. Sie deutet auf etwas im Inneren des Ofens. Beim genaueren Hinsehen erkenne ich es: Spiralen schlängeln sich um die Innenseite des Ofens. „Das sind die Heizspiralen, die geben Wärme ab.“ Das Problem: Die Spiralen brennen meist einmal im Jahr durch und ein neuer Satz koste um die 600 Euro, viel Geld für den Familienbetrieb.
Einen Tag später bekomme ich bereits den Anruf, die Tassen sind fertig. „Die Tasse ist so schön geworden. Ich bin total überrascht, wie intensiv die Farben durch das Brennen geworden sind“, sagt Rascher erfreut.
Mehr Informationen über die Keramik und Töpferkurse finden Sie auf der Website der Töpferei Reiß.





























