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Lesetipp
Wer meistert das Leben und wer scheitert?
Man fühlt sich von Schirach aufgefordert, sich seinen moralischen Fragen zu stellen, selbst nach Antworten zu suchen und über eigene Urteile oder auch Vorurteile nachzudenken.
Man fühlt sich von Schirach aufgefordert, sich seinen moralischen Fragen zu stellen, selbst nach Antworten zu suchen und über eigene Urteile oder auch Vorurteile nachzudenken. // Luchterhand Verlag
Bad Kissingen – Die 14 Geschichten in „Der stille Freund“ handeln von charakterlich völlig unterschiedlichen Menschen, vom Triumph des einen und Scheitern des anderen. Es geht um Wendepunkte menschlicher Schicksale.

„Ich bin Schriftsteller, ich erzähle nur Geschichten“, schreibt Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach (61) in seiner Erzählung „Der stille Freund“, der titelgebenden Geschichte seines im August vom Luchterhand Literaturverlag veröffentlichten Erzählungsbandes.

In dieser ersten von 14 Geschichten – manche nur zwei oder drei Seiten lang, andere einige Dutzend Seiten – wird die Frage gestellt, warum wir Menschen immer die gleichen Erfahrungen und immer die gleichen Fehler machen müssen.

Man solle doch „einfach einmal alle Regeln aufschreiben, mit denen ein Leben gelingen kann“. Doch alle Fragen nach einem Sinn seien Kinderfragen, gibt der Autor zu bedenken. „Niemand weiß, warum das eine Leben glückt und das andere nicht. Es gibt keine Regeln.“ Es sind eben die Zufälle, die den Lauf des Lebens verändern und uns leicht verunsichern, weshalb wir uns mehr Sicherheit wünschen.

Verschmelzung von Fiktion und Realität

So handeln auch Schirachs Geschichten, in denen fiktionale mit realen Elementen verwoben sind, von charakterlich völlig unterschiedlichen Menschen, vom Triumph des einen und Scheitern des anderen, von menschlichen Begegnungen in unserer Zeit.

Und von Schicksalen verstorbener Berühmtheiten wie dem deutschen Tennisspieler Gottfried von Cramm (1909 bis 1976), dem österreichischen Architekten Adolf Loos (1870 bis 1933) und dem jüdischen Schriftsteller und Kabarettisten Egon Friedell (1878 bis 1938). Als dieser in seiner Wiener Wohnung von SA-Leuten festgenommen werden sollte, stürzte er sich aus dem dritten Obergeschoss, nicht ohne zuvor die Passanten unten gewarnt zu haben: „Bitt schön, gehn's zur Seite.“

Wendepunkte menschlicher Schicksale

Es sind also keineswegs nur fiktive Erzählungen, in denen es um markante Wendepunkte menschlicher Schicksale geht, über die es nachzudenken lohnt. Ferdinand von Schirach nimmt sich auch mancher Frage unserer Zeit an.

So geht es in der Erzählung „Ornament und Verbrechen“ um die nicht nur in Experten-Runden immer wieder aufkommende Diskussion, ob man moralisch verwerfliche oder sogar kriminelle Handlungen eines Künstlers auch dessen Kunst anlasten darf.

So war der Architekt Adolf Loos im Jahr 1928 wegen Schändung und Verführung zur Unzucht angeklagt worden. Er hatte mehrmals acht- bis zehnjährige Mädchen in seine Wiener Wohnung eingeladen und sie nackt gezeichnet. „Was wir abstoßend finden – wirkt es in das Kunstwerk hinein? … Lässt sich das überhaupt voneinander trennen?“ Diese Frage lässt der Autor unbeantwortet.

Vielfältige Themen

In Schirachs Erzählungen geht es immer wieder um Verantwortung und Schuld, ohne aber aufgrund der Widersprüchlichkeit und Unberechenbarkeit von Lebensläufen schnelle und einfache Urteile zuzulassen. Die Themen seiner Geschichten sind vielfältig bis hin zur aktuellen Diskussion um den Einfluss sozialer Medien: „Mit einem Tastenklick werden dort Opfer zu Tätern und Täter zu Opfern gemacht. Wahrheit ist heute nur noch eine Meinung. Die Wirklichkeit scheint nicht mehr zu existieren.“

Ferdinand von Schirach schreibt, wie wir ihn aus seinen früheren Erzählungen kennen und seine Fans ihn schätzen: minimalistisch in knappen Sätzen, nüchtern, scheinbar emotionslos. Er verzichtet auf überflüssige Worte und konzentriert sich stattdessen auf das Wesentliche.

Raum für eigene Interpretationen

Dadurch lässt er dem Leser viel Raum für eigene Interpretationen. Man fühlt sich von Schirach aufgefordert, sich seinen moralischen Fragen zu stellen, selbst nach Antworten zu suchen und über eigene Urteile oder auch Vorurteile nachzudenken.

Dies ist, zieht man Schirachs frühere Werke zum Vergleich heran, nicht gerade neu. Aber dennoch macht seine Art, „zwischen den Zeilen zu schreiben“, wie mal über ihn gesagt wurde, seine psychologisch dichten Geschichten wieder spannend und lesenswert.

Informationen zum Buch: Ferdinand von Schirach: „Der stille Freund“, Luchterhand Verlag, gebunden, 176 Seiten, Preis: 22 Euro, ISBN 978-3630878126

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