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Lesetipp
Seemannslied – ein Roman voller Humor und Tragik
Ken Kesey: „Seemannslied“
Ken Kesey: „Seemannslied“ // März Verlag
Landkreis Bad Kissingen – „Seemannslied“ von Ken Kesey ist ein im Kern tiefgründiger Roman, aber insgesamt eine satirische Geschichte mit vielen skurrilen Charakteren. Warum Keseys Werk nichts an Aktualität verloren hat.

Der Name des amerikanischen Bestseller-Autors Ken Kesey (1935-2001) mag der jungen Generation kaum ein Begriff sein, allenfalls noch der Titel des Films „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975) mit Jack Nicholson nach Keseys gleichnamigem Debütroman aus dem Jahr 1962.

Danach kam auch nicht mehr viel: Zwei Jahre später (1964) folgte der Roman „Manchmal ein großes Verlangen“, der erst 20 Jahre später auf Deutsch erschien und kaum Beachtung fand ebenso wie einige Kurzgeschichten. Denn längst war Kesey mit seinem buntbemalten Bus durch die USA unterwegs und frönte mit seiner Hippie-Kommune „Merry Pranksters“ der bewusstseinserweiternden Droge LSD.

Keseys letzter Roman

Nach mehreren Prozessen wegen Drogenbesitzes und einer Bewährungsstrafe zog sich Kesey schließlich auf seine Farm in Oregon zurück. Hier schrieb er zehn Jahre lang bis 1992 an seinem dritten und letzten Roman „Seemannslied“. Es ist ein wahres Meisterwerk, das erst jetzt nach 33 Jahren Ende August beim März Verlag in deutscher Übersetzung von Milena Adam mit einem Vorwort von Literaturkritiker Volker Weidermann veröffentlicht wurde.

Man muss sich fragen, warum dieser absolut lesenswerte Roman, eine wunderbare Mischung aus Humor und Tragik, eine im Kern tiefgründige und nachdenklich stimmende, aber insgesamt satirische Geschichte mit einer Vielzahl skurriler Charaktere, erst jetzt auf Deutsch erschien.

Auch nach 33 Jahren hat Keseys Werk inhaltlich nichts an Aktualität verloren. Oder ist er heute sogar aktueller denn je? Es sei ein prophetischer Roman, stellt Weidermann fest: Das 700-Seiten-Epos spielt „in unserem Jahrzehnt, in unserem Heute“, in einem fiktiven einst von Goldgräbern besiedelten Fischerstädtchen Kuinak in Alaska.

Die Hauptfiguren

Das „kulturell abgeschlagene Provinznest“, geografisch und zeitlich am Ende der Welt, wird von einem Gemisch indigener und weißer Amerikaner bewohnt. Hauptfiguren sind der verschrobene Einzelgänger Ike Sallas, der mit seinem jamaikanischen Kumpel in einem alten Wohnwagen haust, und die zu cholerischen Anfällen neigende Unternehmerin und Künstlerin Alice Carmody. Sie ist eine der letzten Indigenen vom Stamm der Kuinak, sowie die Mitglieder des wichtigsten Vereins der kleinen Stadt, des „Loyal Order of the Underdogs“.

Alice Carmody ist die Mutter von Nicholas Levertov, der vor Jahren die Stadt verlassen hat, auch mal mit Ike Sallas die Gefängniszelle teilte und nun überraschend mit einer Hollywood-Filmcrew auf einer riesigen Segelyacht im Hafen von Kuinak festmacht.

Die Produktionsfirma Foxcorp will hier das Kinderbuch „Shoola und der Seelöwe“ verfilmen, angeblich eine alte, authentische Geschichte um eine junge Ureinwohnerin. Doch schon in diesem Punkt ist es mit der Authentizität nicht weit her: Wie sich herausstellt, ist die vermeintliche Ureinwohner-Legende von einer pensionierten weißen Mathe-Lehrerin aus New Jersey nur ausgedacht.

Idyllischer Fischerort wird an Filmgesellschaft verkauft

Das Städtchen wird von den Filmleuten völlig vereinnahmt. Entlang der Hauptstraße, die inzwischen vom Müll gesäubert ist, werden die verwahrlosten Häuser hinter historisch anmutenden Haus-Kulissen versteckt, die Einwohner, als Indigene früherer Zeiten verkleidet, als Statisten verpflichtet.

Die Filmgesellschaft stellt ganz Kuinak auf den Kopf und verspricht „indigenen wie weißen Bewohnern Wohlstand, wenn sie ihren idyllischen Fischerort und ihre Seele an die Filmgesellschaft verkaufen“, fasst Übersetzerin Milena Adam das weitere Geschehen in ihrem Nachwort zusammen.

Nach Abschluss der Dreharbeiten wollen die Investoren der Filmgesellschaft den ärmlichen Fischerort zum modernen Vergnügungspark umgestalten, an dem alle Einwohner mitverdienen können.

Folgen der Industrialisierung und Zerstörung von Natur

Was ist noch authentisch in einer Welt, in der jede Tradition zum Merchandising verkommt und Wohlstand, Erfolg und Sicherheit nur Illusion sind? In seinem Roman setzt sich der Autor mit der US-Gesellschaft auseinander und prangert die Folgen wachsender Industrialisierung und Zerstörung von Natur und Tradition zugunsten des Profits an.

Wie hoch darf der Preis für Fortschritt sein? Wie weit dürfen sich Konsum und technologische Entwicklung auf den Einzelnen und die Gesellschaft insgesamt auswirken?

Thematisch aktuelle Lektüre

„Seemannslied“ ist mit 700 Seiten ein wahres Opus magnum. Der Roman verlangt dem Leser einiges an Durchhaltevermögen und Konzentration ab, zumal die Handlung gelegentlich fragmentarisch hin und her springt.

Doch dank der lebendigen Erzählweise, dank des lockeren und oft flapsigen Sprachstils sowie der humorvollen Dialoge, wird der Roman trotz aller Ernsthaftigkeit zu einer vergnüglichen und thematisch aktuellen Lektüre. Milena Adam hat alles treffend in die Sprache unserer Tage übertragen, die durchaus auch für jüngere Leser ansprechend ist.

Informationen zum Buch: Ken Kesey: „Seemannslied“, März Verlag, gebunden, 703 Seiten, Preis: 38 Euro, ISBN 978-3755000556

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