Kitzingen/Köln (dpa/lby) - Franken und das Rheinland zählen zu den bekanntesten Fastnachtshochburgen in Deutschland. Neben Gemeinsamkeiten fallen deutliche Unterschiede auf. Vor allem beim Hinhören. Kölner Lieder wie «Viva Colonia» und «Kölsche Jung» sind teils bundesweit bekannt. Auch Mainz hat bekannte eigene Fastnachtslieder wie «Am Rosenmontag bin ich geboren». Doch in Franken gibt es derlei kaum. Warum?
Fastnachtspolkas nicht aus Franken
Schon beim Blick in die Vergangenheit kommen keine fränkischen Faschingslieder zum Vorschein. Im Archiv der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik im mittelfränkischen Uffenheim (Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim) finden sich laut der Leiterin Heidi Christ zwar Noten für Faschingsbälle, Fastnachtspolkas und verschiedene Märsche mit Bezug zu Fasching. Aber: «Die Lieder wurden hier gespielt, aber sie stammten nicht aus Franken», so Christ.
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Warum in Franken nur wenige Faschingslieder geschrieben werden oder sie sich kaum verbreiten - dazu gibt es keine Gewissheit. «Offenbar hat sich mit dieser Frage nie jemand auseinandergesetzt», sagt die Leiterin der Deutschen Fastnachtsakademie in Kitzingen, Katrin Hesse. Aber es gibt Vermutungen.
Hesse selbst vermutet, dass es daran liegt, dass sich die Saalfastnacht in Köln entwickelt hat. Auch der Kneipenkarneval ist im Rheinland stärker. «Und in Innenräumen wird vermutlich mehr gesungen», meint Hesse. In Franken hingegen spielte sich historisch mehr auf der Straße ab.
Regionale Schwerpunkte: Musik in Köln, Wort in Franken
Einen anderen Grund sieht der fränkische Kabarettist und Musiker Michl Müller aus Garitz. «Franken ist mehr eine Wortfastnacht», sagt Müller. Hiesige Künstlerinnen und Künstler wie Müller nutzen oft bekannte Melodien - oft aus dem Schlagerbereich - und texten sie um. Der Text steht klar im Vordergrund.
Anders in Köln: Dort gibt es inzwischen etliche Rock- und Popbands wie Kasalla, die explizit Lieder mit Lokalkolorit und teils Karnevalsbezug komponieren und damit große Konzerthallen füllen. Politischen Bezug haben die Texte eher selten. Dafür liegt der Fokus auf dem Musikgenuss.
«Personelle Glücksfälle» und selbsterfüllende Prophezeiungen
Eine regionale Schwerpunktbildung sieht auch der Kölner Karnevalsforscher Wolfgang Oelsner. «In Franken gibt es gute Leute, die in der Lage sind politische Gegebenheiten zu thematisieren und das mit Niveau», sagt Oelsner. Gute Reden seien dadurch zum regionalen Anspruch geworden. Im Rheinland ist laut Oelsner hingegen die Musik durch einzelne Personen und Bands wie Willi Ostermann, Bläck Fööss und Kasalla in den Fokus gerückt.
Oelsner spricht von «personellen Glücksfällen», durch die sich regionale Schwerpunkte ergeben hätten. «Wenn dann erst mal der Mythos da ist, die haben die tollen Bands, und die haben die guten politischen Reden, dann wird das Ideal im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung weiter gepflegt.» Zur Vorstellung und Verbreitung, was «echter» Karneval oder Fasching sei, tragen laut Oelsner auch Medien bei.
Henne-Ei-Problem in der Vermarktung fränkischer Musik
Verantwortung bei Rundfunksendern sieht ebenfalls Kilian Moritz, Kenner der fränkischen Volksmusik und Medien-Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt. Moritz meint, Radiosender in Bayern spielten zu wenige Lieder im fränkischen Dialekt. Das begründeten sie damit, dass es zu wenige Lieder gäbe. Die Bands wiederum produzierten keine fränkischen Lieder, weil sie nicht gespielt würden. Ein Henne-Ei-Problem. «Es ist wie in allen Branchen: Profis produzieren nur das, wo sie auch Vermarktungs-Chancen sehen», so Moritz.
In Köln gibt es hingegen etliche Veranstaltungen, die Karnevalsmusik eine Bühne geben. Etwa die Mitsingereihe «Loss mer singe». «Ich glaube, wenn man die Musik mehr pushen würde, könnte das auch bei uns in Franken funktionieren», meint Michl Müller.
Laff noch e mol mit mir durch mei Garitz
Ganz ohne explizites Faschingsliedgut ist jedoch auch Franken nicht. «Viele Vereine haben eigene Faschingshymnen, die man aber nur vor Ort kennt», sagt Müller. Meist seien es aber erneut keine selbst komponierten Lieder, sondern umgetextete Lieder bekannter Melodien. In Müllers Heimatort Garitz bei Bad Kissingen zum Beispiel «Laff noch e mol mit mir durch mei Garitz» - eine Umtextung von «Spiel noch einmal für mich, Habanero».
Dass die Hymnen nicht überschwappen in andere Orte liegt laut Müller unter anderem an der großen Fläche der Fastnacht in Franken. «Köln hat den Vorteil, dass es eine Riesenstadt ist. Da kann eine Band am Abend dutzende Veranstaltungen spielen und ihre Lieder bekannter machen. Wenn ich fünf Auftritte am Abend machen will, muss ich 250 Kilometer fahren.»















