Das „TIP“, das „Theater im Pferdestall“, ist ein kleines Theaterchen, in dem vor allem Stücke für die jungen Generationen aufgeführt werden – wobei die Altersbegrenzung nach oben ganz offen ist. Und das ist auch gut so. Denn viele Eltern und Großeltern haben ihr Interesse daran entdeckt, was ihre Kinder oder Enkel sich so anschauen. Schließlich wollen sie ja mitreden können und außerdem dabei eine gute Figur machen.
Das Stück, das zurzeit im TIP gezeigt wird, hat nur eine Altersbegrenzung nach unten: Zwölf Jahre sollten die Zuschauer schon auf dem Buckel haben, weil es hier – wie so oft im Jugendtheater – um eine Lebensphase geht, die man aus eigener Erfahrung schon ein bisschen kennen sollte: Denn was weiß ein Abc-Schütze schon von der Pubertät?
Im Gegensatz zu seinen Großeltern mit ihrem Langzeitgedächtnis! Denn genau um die geht es in dem Stück.
Jugendliteraturpreis im Jahr 2020
Schon der Titel verspricht einiges an kreativem Chaos: „Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte“. So überschrieb Dita Zipfel ihren ersten Jugendroman, der 2019 erschien und 2020 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt. Es gibt ihn mittlerweile auch als Film und als Hörspiel. Thomas Klischke hat ihn jetzt für die Maßbacher inszeniert.
Zu Beginn wird der Zuschauer regelrecht überfallen. Die 13-jährige Lucie Schmurrer muss unbedingt weg. Zu Hause ist der nur peinliche Michi, der neue Lebensgefährte ihrer Mutter eingezogen, der sie von früh bis spät nervt. Die Schule geht ihr gewaltig auf den Senkel wie auch der Freundeskreis. Nichts passt mehr in das Bild, das sie sich von ihrem Leben gemacht hat.
Lucie will so schnell wie möglich weg. Sie will nach Berlin zu Bernie, dem Vorgänger des peinlichen Michi. Mit Bernie hatte sie sich bestens verstanden. Der war ihr auf Augenhöhe begegnet, und die beiden hatten viel unternommen, auch Unsinniges.
Lucie schleppt ihren mannshohen Rucksack herbei, in den sie ihr ganzes bisheriges Leben packt. Aber als sie zum Bahnhof aufbrechen will, fällt ihr auf, dass sie nicht einen Cent für eine Fahrkarte, geschweige denn für das Überleben in der Stadt hat. Durch Zufall entdeckt sie im Supermarkt einen Aushang, auf dem ein Herr Klinge 20 Euro anbietet für eine Stunde Gassigehen mit seinem Hund. Lucie ist elektrisiert und merkt nicht, dass das ein Tarnangebot ist.
Denn Klinges Hund ist seit fünf Jahren tot. Tatsächlich sucht er jemanden, dem er seine seltsamen Bücher diktieren kann, darunter ein rätselhaftes Kochbuch, das Julie zu interessieren beginnt.
Julie fährt nicht nach Berlin, sondern bleibt wohl oder übel in ihrem Umfeld, dessen Wahrnehmung sich bei ihr allmählich verändert. Das zeigt sich schon im Umgang mit Marvin, den sie bisher schon deshalb zum Kotzen fand, weil alle Mädchen in ihrer Schule ihn angehimmelt haben. Jetzt überlegt sie sich plötzlich, ob sie für ihn nicht mal den Liebestrank kochen könnte, den ihr Herr Klinge diktiert hat. Und sie nähert sich allmählich dem Gedanken an, eines Tages erwachsen zu werden. Am Ende … Nein! Darüber kein Wort.
Schlüssige Monologe und Dialoge
Denn trotz des großen Chaos entsteht eine große Spannung, ein Zusammenwirken, das zum einen der erstaunlich großen Schlüssigkeit und Kreativität der Mono- und Dialoge geschuldet ist. Zum anderen aber genauso der szenischen Umsetzung, „Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte“ ist ein echtes Kammertheaterstück geworden mit sechs verschiedenen Rollen.
Um das Chaos zu verstärken, genügen zwei Darsteller. Anna Schindlbeck ist Lucie Schmurrer, die mit unglaublicher Energie 70 Minuten ohne Pause über die Schlaglochstrecke der Gefühle oder durch die Zuschauerreihen fegt und das Publikum gefangen nimmt. Die anderen fünf Rollen spielt Bennet Neumann: Herr Klinge, Leo, Marvin, Mutter, Janni. Viel Zeit zum Umschalten hat er nie, aber er ist immer erkennbar. Eine enorme Herausforderung für das Publikum.
Waren wir alle so in unserer Jugend?
Aber eine Frage blieb am Ende doch: War man selbst als „Pubertier“ derart aufgedreht, egozentrisch, auch intolerant wie Lucie? Wollten wir mit 13 Jahren die Schule schmeißen und mit unserem Lebensrucksack nach Berlin durchbrennen? Natürlich nicht! AAber daraufwetten würden wir sicher nicht.










