Das Buch liegt quer als Boden und darauf ist eine Leuchte geschraubt. Unter den Lichtkegel auf einem Stehtisch in der Weinbar „Anger Wein“ schieben die Vorlesenden ihr Buch oder ihr Manuskript, um den Inhalt ins diffusere Licht des Lokals zu rücken und den Gästen auf Sofa, Stuhl oder an der Theke zu Gehör zu bringen. Diese besetzen diesmal alle verfügbaren Plätze oder stehen an der Bar bei der Herbstveranstaltung von „Lesen und lesen lassen“ am Münnerstädter Anger. Seit ungefähr acht Jahren findet sich bei dieser vom städtischen Kulturamt verantworteten Veranstaltung ein Kreis Literaturinteressierter ein, um bis zu sechs Vorlesenden zu lauschen. Manchmal entwickeln sich aus dem Vortrag Zuhörerbeiträge, auch Gegensätzliches in der Deutung wird mitunter spürbar.
Kein Thema vorgegeben
Der Reiz des Formats ist die Unterschiedlichkeit der Beiträge. Es wird kein Thema oder gar Buch vorgegeben, sondern das Erlebnis ist die Analyse dessen, was und wie vorgetragen worden ist. Was bisher selten vorkam, dass ein Autor sein Buch vorstellte. Was aber auch passierte, dass ein Slammerin ihre Texte im Rapper-Slang vortrug oder der Textbeitrag mit dem Vorleser in seiner Gestik durchging.
Der Leseabend war gespickt mit unterhaltsamen und lustigen, spannenden und nachdenklichen Texten, sowie Selbstverfasstem. Erstmals dabei war der Schulleiter des Schönborn-Gymnasiums, der, wie er es schilderte, im Sommerurlaub dem Buch „Der Sohn des Oligarchen“ von Patrick Radden Keefe, verfallen war. Er trug den Prolog aus dieser Mischung von Sachbuch und Thriller vor. Die Lesenden schildern vor dem Vortrag den Gesamtinhalt und erzählen auch von der Autorin oder dem Autor, sowie warum sie zu diesem Buch gekommen sind.
Nächste Vorlese-Format am 3. Dezember
Conny Liebold zum Beispiel ist von der Österreicherin Eva Mensse begeistert und las aus dem Roman „Dunkel-Blum“ vor. Gudrun Schwarz wiederum brachte das Publikum mit der Hundegeschichte aus dem Buch „Herrchen-Jahre“ von Michael Frey Dodillet zum Lachen. Ihre Tochter Caroline, die immer mal als Zuhörerin zu Gast war, wollte es diesmal am Pult wissen und es passte gut mit der Geschichte aus „Die Bibel nach Biff“ von Christopher Moore. Gisela Derks ist dem Publikum schon lange als Kurzgeschichtenleserin bekannt. Diesmal wurde sie bei Axel Hacke „Hacke‘́s Tierleben“ fündig. Gisela Hänel brachte ihren eigenen Text mit und las in einem Reisebericht aus den Neunzigern „Meine Reise durch Pakistan“. Den Abschluss bildete ein Ausschnitt aus dem Bestseller „NEIN sagen“ von Matthias Brandt. Zuhören und Staunen, Lachen und Schmunzeln sind Produkte einer Kulturnische, die mit den Auftritten in verschiedenen Lokalen der „Litera(n)ten“, dass Literatur in den letzten zehn Jahren einen neuen Auftrieb bekam. Daraus entwickelte sich zuerst im damaligen Altstadt-Café, später auch im Deutschordensschloss oder im Heimatspielhaus das jetzige Vorlese-Format. Das nächste „Lesen und lesen lassen“ gibt es am Donnerstag, 3. Dezember wieder im „Anger Wein“.











