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Interview
Bad Brückenaus Feuerwehr-Chef: Gefahr hat sich verändert
Michael Krug steht der Bad Brückenauer Freiwilligen Feuerwehr vor. Er sorgt für die Sicherheit Betroffener bei einem Einsatz und die der eigenen Kameraden.
Michael Krug steht der Bad Brückenauer Freiwilligen Feuerwehr vor. Er sorgt für die Sicherheit Betroffener bei einem Einsatz und die der eigenen Kameraden. // Steffen Standke
Bad Brückenau – Michael Krug ist Kommandant der Feuerwehr Bad Brückenau. Er macht sich nicht erst nach dem Notruf Gedanken übers Wohl der Kameraden und Hilfsbedürftiger.

Das Gefühl der Sicherheit – laut Heimat-Monitor der Saale-Zeitung ist es in Bad Brückenau vergleichsweise hoch (Note 8,42). Besser ist nur Riedenberg mit 9,46. Die Präsenz der Polizei wird mit 6,42 sogar mit am höchsten von allen Landkreis-Kommunen bewertet (6,42, Spitzenreiter Riedenberg 7,38). Doch neben den Beamten in Blau gibt es viele Ehrenamtliche, die in der Stadt und darüber hinaus für die Sicherheit anderer sorgen: die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr. Ein Gespräch mit Kommandant Michael Krug darüber, was ihm Sicherheit bedeutet, wie schwierig es ist, dafür zu sorgen, und was sich der 42-Jährige wünscht, damit die Welt sicherer wird.

Herr Krug, was bedeutet Ihnen Sicherheit?

Michael Krug: In erster Linie Stress. Denn als Feuerwehrkommandant muss ich mir schon weit vorm Einsatz Gedanken machen: Wie kommen meine Kameraden sicher dorthin und wieder weg; welche Gefahrenlage könnte auftreten; welche Ausrüstung ist vonnöten. Da kann ich mir nicht erst Gedanken machen, wenn der Einsatzfall da ist.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Nehmen wir die Baustelle an der Talbrücke Römershag. Da kann ich nicht erst überlegen, wie ich als Feuerwehr dorthin komme, wenn die Bauarbeiten begonnen haben oder es zu einem Unfall kommt. Ich muss vorher klären, wie ich gefahrlos in die Baustelle gelange, wo meine Einsatzwagen wenden können. Da spielt auch die Frage mit, wie man Betroffenen am schnellsten und effektivsten helfen kann, ohne sich selbst zu gefährden. Eigentlich muss ich mir schon Gedanken machen, wenn eine Baustelle angekündigt wird, und mit anderen Beteiligten wie den Autobahnbauern und Behörden sprechen. So laufen jetzt schon Überlegungen zur Grenzwaldbrücke bei Speicherz, die 2028/29 erneuert werden soll.

Einsätze auf der Autobahn sind das eine; Brände das andere. Die Feuerwehr kann sich doch nicht jedes Anwesen in der Stadt jedes Jahr einmal anschauen.

Eigentlich müsste sie es. Und dann reicht auch nicht der Kommandant; andere Führungskräfte müssten mit. Das funktioniert natürlich nicht im Ehrenamt. Man kann sich nur um die größeren Gebäude und Einrichtungen kümmern. Wir haben im Stadtgebiet rund 20 Objekte, die eine Brandmeldeanlage besitzen. Zusätzlich zur normalen Ausbildung und den Einsätzen braucht es Übungen für die gesamte Mannschaft. Denn wichtig ist – auch für die Sicherheit – dass im Einsatz die Zusammenarbeit als Team funktioniert. Dazu wird jeder einzelne benötigt.

Wie viele Einsätze hat die Bad Brückenauer Wehr überhaupt pro Jahr?

2022 war ein Jahr, wo es viele Brände gab. Wir fuhren zu 63 solcher Einsätze raus. Der Hauptanteil machten mit 176 aber sogenannte technische Hilfeleistungen aus, also zum Beispiel Ersthelfer-Einsätze, Ölspurenbeseitigung oder Wohnungsöffnungen. Auf der Autobahn waren wir circa 20 Mal im Einsatz.

Das klingt, als bedeutet die Sicherheit für Sie ein Vollzeitjob.

Sagen wir mal so: Die Freizeit ist oft nicht sehr entspannt. Das letzte Mal den Alarmierungs-Piepser abgegeben habe ich zuletzt im Urlaub in Dänemark. Wenn ich mal mit meinen drei Kindern für zwei bis drei Stunden ins Schwimmbad möchte, muss ich einen Stellvertreter finden, der für mich übernimmt.  Aber ich mache das gern. Und meine Frau hat auch Verständnis; sie war ja selbst bei der Feuerwehr.

Sie sind seit März 2009 Kommandant der Bad Brückenauer Wehr. Kommen da nicht langsam Ermüdungserscheinungen?

Ein klares Nein. Ermüdungserscheinungen kann man sich in dem Amt nicht leisten. Wenn man dergleichen merkt, muss man einen Schritt zurücktreten, die Aufgaben auf mehr Schultern verteilen oder sich ganz einen Ersatz als Kommandant suchen. Die Sache läuft ja immer weiter. Ich muss aber auch sagen: Wenn ich nicht als Bauhofleiter für die Stadt, sondern auswärts arbeiten würde, wäre es stressiger. So kennt man Ansprechpartner, klappt das Zusammenspiel.

Zurück zum Einsatzgeschehen. Wie sorgen sie da für Ihre eigene Sicherheit und die der Kameraden?

Bei der Feuerwehr gibt es ja die Gefahrenmatrix, Merkregeln, was man bei bestimmten Szenarien tut, zum Beispiel, wenn ein Feuer sich ausbreitet, ein Haus einstürzt oder was sich Gefährliches bei einem Brand im Pkw verstecken kann. In meinem Kommandowagen komme ich relativ schnell zur Einsatzstelle und kann mir ein bis zwei Minuten Gedanken über die Sicherheitslage machen, bis die Kameraden eintreffen. Man muss immer die Sachschäden mit dem Risiko für die Feuerwehrleute abwägen. Da muss man eben ein Gebäude auch mal runterbrennen lassen, wenn es zu gefährlich ist, zum Löschen reinzugehen – was wir übrigens immer tun, wenn noch Personen drin sind. Ansonsten haben wir aber immer einen großen Schutzengel mit dabei.

Wie meinen Sie das?

Ein Beispiel. Beim Großfeuer in Platz vergangenen Sommer war ein Gastank dabei. Garage und Scheune nebendran haben schon lichterloh gebrannt. Nicht auszudenken, wenn der Tank explodiert wäre. Aber da gab es schon eine Warnung, dass es gefährlich sein könnte.

Haben die Gefahren für Feuerwehrleute in jüngster Zeit zugenommen?

Nein, aber sie haben sich vielleicht verändert. Bei Diesel- und Benzinfahrzeugen kannte jeder das Brandrisiko. Bei Elektroautos gibt es die  hochgiftige, stechend riechende Fluorwasserstoffsäure, die sich beider Akkuzersetzung bildet. Bei Fahrzeugen mit hohem Kunststoffanteil weiß man nicht, wie diese zum Beispiel bei Aufflexen splittern, brechen beziehungsweise welche Fasern freigesetzt werden. Und die Wasserstoffautos mit ihren Eigenarten kommen ja noch.

In letzter Zeit erfahren Rettungskräfte Gefährdung, wo sie sie nicht erwarten, nämlich aus der Bevölkerung. Stellen Sie das in Bad Brückenau auch fest?

Die Angriffe auf Rettungskräfte an Silvester in Berlin beschäftigen mich natürlich.Bei uns gibt es solch große Konflikte nicht. Die Leute wissen auch, dass nichts geht, wenn eine Straße wegen eines Einsatzes oder medizinischen Notfalls gesperrt ist. Allerdings stelle ich fest, dass das „Ich will“ und „Ich muss jetzt hier durch“ in der ganzen Gesellschaft in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Früher wurde eine Baustellenabsperrung beachtet und drumherum gefahren. Heute wagen einige sich doch soweit vor, bis sie fast in die Baugrube fallen. Als Feuerwehrmann darf ich aber auch meine eigene Autorität nicht gegenüber anderen raushängen lassen, nur weil ich mich für besonders wichtig halte oder im Stress bin. Denn wie es in den Wald hineinruft, schallt es auch wieder heraus.

Wird die Autorität der Feuerwehr geringer wahrgenommen als die der Polizei?

Das sage ich: Gott sei Dank ist das so. Die Feuerwehr soll ja mehr kumpelhaft sein und nicht diejenige, vor der sich alle drücken. Eine autoritäre  Feuerwehr wäre gar nicht gut, denn wir kommen ja aus der Bevölkerung. So würde es schwer, neue Mitglieder zu finden, die ja wiederum durch ihren Einsatz die Sicherheit erhalten. Wir haben etwa 90 bis 100 aktive Einsatzmitglieder. Bei einer Stadt wie Bad Brückenau mit im Kern 5000 Einwohnern müssten es viel mehr sein. 

Was müsste Ihrer Meinung nach geschehen, damit die Welt sicherer würde?

Es müsste mehr gegenseitige Rücksichtnahme geben. Wenn jeder mehr auf seinen Nachbarn oder Gegenüber acht geben oder mehr helfen würde, dann wäre schon viel gewonnen.

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