Heike Issing schließt vor dem Kontaktcafé in Würzburg ihr Fahrrad ab. Sie ist Fallmanagerin beim Jobcenter in Würzburg und heute im Außendienst unterwegs. Ihr Ziel: Bürgergeld-Empfänger, die seit längerer Zeit keinen Kontakt zum Jobcenter hatten, wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Einmal im Monat besucht sie deshalb das Kontaktcafé, einen betreuten Treffpunkt für Menschen mit Drogenproblemen. Manchen falle es leichter, die Termine in diesem geschützten Rahmen wahrzunehmen, sagt Issing.
Ihr erster „Kunde“ ist ein Mann um die 50, dessen Leben nicht immer glattlief. Maler und Lackierer hat er gelernt, später im Gartenbau gearbeitet. Doch das Schicksal hat ihm mitgespielt: Er kämpft mit gesundheitlichen und psychischen Problemen, ist alkohol- und drogenabhängig. Im Kontaktcafé fand er Unterstützung. Er half beim Mittagessen, portionierte die Salate. „Aber gerade geht's mir nicht gut“, sagt der Bürgergeld-Empfänger. „Alles läuft wieder schief.“
Überfordert und abgetaucht: Die Fallmanagerin kommt und fragt nach
Heike Issing hört zu. Sie fragt nach. Tippt manchmal etwas in ihren Laptop. „Wie wichtig ist Ihnen eine Arbeit?“, fragt sie den Mann. Er denkt nach, zögert. „Schon sehr wichtig“, sagt er schließlich. „Aber ich glaube nicht, dass Sie im Moment arbeitsfähig sind“, meint die Fallmanagerin. Mithilfe eines ärztlichen Gutachtens will das Jobcenter die Leistungsfähigkeit überprüfen. Sie vereinbaren, in Kontakt zu bleiben.
„Ich habe oft mit Menschen mit vielen Problemen zu tun. Das sind Kundinnen und Kunden, die auf Briefe oder Anrufe schon länger nicht mehr reagieren“, erklärt die Berufsberaterin. „Ein häufiger Grund für das Abtauchen ist Überforderung – und zwar auf der ganzen Linie“, erklärt die Beraterin.
Deshalb ist sie unterwegs, sucht die Menschen auf: „Viele Leistungsempfängerinnen und -empfänger sind überrascht, wenn sie merken: Da ist jemand, dem etwas an mir liegt. Der Fragen stellt. Sich die Situation anschaut.“
Viele Diskussionen um das Bürgergeld
Um das Bürgergeld, das seit 2023 das frühere Hartz IV ersetzt, gab es in den vergangenen Jahren viele Diskussionen. Anfang 2025 bezogen etwa 5,48 Millionen Menschen bundesweit die staatliche Hilfe. In Unterfranken sind es derzeit rund 43.000 Bürgergeld-Empfängerinnen und -Empfänger, darunter 12.000 Kinder.
Der Regelsatz für Alleinstehende ohne Kinder liegt aktuell bei 563 Euro. Erziehungsberechtigte erhalten für Kinder zusätzlich zwischen 318 und 420 Euro. Das Jobcenter übernimmt zudem die Kosten für Unterkunft und Heizung.
Der Weg im Außendienst geht weiter, in einen gutbürgerlichen Stadtteil von Würzburg. Hier lebt ein Mittdreißiger, der seit geraumer Zeit mit psychischen Problemen kämpft und Bürgergeld bezieht. Er melde sich nicht mehr beim Jobcenter, ignoriere Briefe und Einladungen, sagt Issing. Sie stellt das Rad ab, nimmt ihren Laptop und klingelt an der Tür. Nichts. Niemand öffnet.
Den Beraterinnen und Beratern geht es nicht um Kontrolle
Wenn sie und ihre Kolleginnen und Kollegen vom Jobcenter Bürgergeldempfänger nicht antreffen, hinterlassen sie im Briefkasten eine Nachricht mit einem neuen Terminvorschlag, sagt die Fallmanagerin. „Es geht uns bei der aufsuchenden Beratung nicht um Kontrolle.“
Vielmehr würden sie mit den Menschen ins Gespräch kommen wollen. Es gehe darum, herausfinden, warum die bisherigen Kontaktversuche gescheitert sind und was mit den Betroffenen los ist. „Unser langfristiges Ziel ist die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt“, so Heike Issing.
Dritter Besuch: In einem Mehrfamilienhaus lebt ein Bürgergeldempfänger, der seit einiger Zeit keinen Kontakt mehr zum Jobcenter hat. Issing klingelt, eine Frau öffnet die Tür. Mit zitternder Stimme erklärt sie der Fallmanagerin, dass ihr Ehemann eine Krebsdiagnose erhalten hat. Die Situation setze dem Paar so zu, dass sie vergessen hätten, das dem Jobcenter zu melden.
Bürgergeldempfänger: Arbeitslos und oft ohne Berufsabschluss
„Es ist nicht so, dass diese Kunden keine Lust haben, zum Jobcenter zu kommen. Oft steckt viel mehr dahinter, wenn sie den Kontakt nicht mehr wahrnehmen können“, sagt die Fallmanagerin. Sie fährt zu ihrer vierten Station, zu einer 24-Jährigen ohne Berufsausbildung. Die Frau hat die Schule ohne Abschluss verlassen und ist direkt ins Bürgergeld gerutscht.
„Hier geht es darum, zu motivieren. Je länger jemand nicht arbeitet, desto schwieriger ist es, ihn in Arbeit zu bringen“, sagt die Beraterin. Laut Arbeitsagentur hatte im Jahr 2023 mehr als die Hälfte der Arbeitslosen in Deutschland keinen Berufsabschluss.
„Der Hauptgrund, warum Menschen Bürgergeld beziehen, ist meist Arbeitslosigkeit, die mit Hilfebedürftigkeit einhergeht“, sagt Manuela Burger, Leiterin des Jobcenters in Würzburg. In den Fällen würde das Einkommen oder Vermögen nicht ausreichen, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. „Wer seinen Arbeitsplatz verliert und Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, kann Bürgergeld erst beantragen, wenn der Anspruch auf Arbeitslosengeld erschöpft ist“, erklärt Burger.
Viele Betroffene haben mehrere Probleme und Krisen
„Die Menschen sind sehr unterschiedlich. Den typischen Bürgergeld-Empfänger gibt es nicht“, meint Issing. Viele Betroffene hätten mehrere Krisen gleichzeitig zu bewältigen: gesundheitliche Probleme, psychische Erkrankungen, Suchterkrankungen, finanzielle oder familiäre Schwierigkeiten, fehlende berufliche Perspektiven, Wohnungslosigkeit.
„Wir geben niemanden auf“, sagt die Fallmanagerin. „Der Kunde muss jedoch bereit sein, seine Situation ändern zu wollen, ansonsten sind auch meine Möglichkeiten begrenzt.“ Es sei schwierig ist, für jeden den passenden Arbeitsplatz zu finden. „Ein stabiles Umfeld ist sehr wichtig“, meint die Beraterin. „Manche erleben nicht nur Fortschritte, sondern auch Rückschläge.“
Warum Heike Issing ihre Arbeit mag? „Es sind die Erfolgsgeschichten, die mir immer wieder zeigen, wie wichtig unsere Arbeit ist“, meint die Fallmanagerin. „Und man wird sehr demütig im Hinblick auf sein eigenes Leben.“









